Sonntag, 13. September 2009

Eulysienbuch; 2000 bis ...

Geographie auf der Weltinsel

Eulysien lebt

Inhalt

Eine wichtige Frage

Teil I: Eulysien lebt

1. Die Weltinsel
2. Geographie der Geschichte
3. Das Problem der Geographie Europas
4. Die Entdeckung Eulysiens
5. Von Russland nach Eulysien
6. Vom Islam nach Eulysien
7. Von Europa nach Eulysien
8. Lebensader Mittelmeer
9. Innere Einheit
10. Problematische Grenzen
11. Die Sache beim Namen nennen
12. Grad und Zeitrahmen der Einheit
13. Der Kern Eulysiens
14. Weltkultur als Gemeinschaft von Gemeinschaften
-- Ist der Westen tot?
15. Hilfe für Afrika
16. Fazit I

Teil II: Eulysientour

17. Mit dem Freundschaftszug
18. Start in Sankt Petersburg
19. Finnland hat was
20. Die lustigen Schweden und Dänen
21. Norwegen und Island
22. Britannien liegt mitten im Weltmeer
23. Benelux
24. Germany goes east
25. Österreich und Schweiz
26. Bella Italia
27. Tour de France
28. Spanien und Portugal
29. Auf in den Maghreb
30. Libyen
31. Ägypten
32. Saudi-Arabien
33. Irak
34. Israel und Umgebung
35. Land der Türken
36. Ein Abstecher nach Armenien
37. Iran und weiter östlich
38. Sibirien
39. Westwärts nach Moskau
40. Ukraine
41. Rumänien
42. Balkan
43. Ungarn
44. Tschechien
45. Polen
46. Baltikum

Teil III: Kultur des eulysischen Zusammenlebens

47. Allgemeines
48. Einige Grundprinzipien
49. Demokratie wagen
50. Souveränität wagen
51. Grenzen der Nähe
52. Eulysische Alltagskultur
53. Falls es mit Eulysien nichts
wird
....



Eine wichtige Frage
Nach dem Motto „Schuster bleib bei deinem Leisten“ soll sich der Mensch auf weniges konzentrieren. Was bleibt ihm auch übrig, da er weiß, wie begrenzt seine zeitlichen, materiellen und geistigen Ressourcen sind.
So ist dieser hier dem Fach Geographie treu geblieben. Er betreibt seinen Lebensunterhalt, jedoch kommen seine Gedanken immer wieder auf die Geographie zurück.
Allmählich hat er eine geographische Brille auf, durch die er alles ansieht, was ihm begegnet. Das kann störend sein und kauzig wirken. Es kann aber auch die Hoffnung wecken, durch solch speziellen Blick zu vielleicht erstaunlichen Erkenntnissen zu gelangen.
Nun wird Geographie nicht unbedingt als die große, wichtige Wissenschaft gesehen. Es gibt alle möglichen Professionen, die meist lautes, überflüssiges Aufsehen um ihrer Selbst Willen machen. Ebenso gibt es das Fernsehen und andere Ablenkungen, die den Blick verkleistert. Unbeschadet solcher Hindernisse und Aufdringlichkeiten bleibt der Autor dabei, dass es ein paar Fragen gibt, die er vor allem geographisch beantworten kann.
Eine dieser Fragen erschien ihm in der Zeit, als in Europa die Mauer fiel. Sie lautete damals: Wie weit reicht Europa? Die Frage scheint nur harmlos. Sie löste schon damals heftigen privaten Ost-West-Streit aus. Die Frage ist bis heute nicht beantwortet worden. Über diese Unklarheit gibt es Unbehagen und manches Projekt, vielleicht das Projekt Europa, könnte wegen dieser Konfusion scheitern.
Hier, an dieser Stelle wird es eine Antwort auf diese ungelöste Frage geben!
Wenn wir unsere deutsche Umgebung so betrachten, überwiegt die depressive Stimmung. Die Geschäfte laufen schlecht. Die Arbeitslosigkeit ist auf Rekordniveau.
Es gibt Wahnsinnige, die daraus leichtfertig schlussfolgern, dass dergleichen immer mal wieder durch Krieg bereinigt würde. Das würde wohl wieder so funktionieren müssen.
Welch furchtbare Einstellung. Man lässt sich und seine Kinder lieber erschießen, als nach wirklichen Lösungen zu suchen. Man steckt den Kopf in den Sand, anstatt richtige Fragen zu stellen.
„Wie weit reicht Europa?“ ist eine dieser absolut wichtigen Fragen. Sie muss behandelt werden. Die Frage hat noch kein Experte beantwortet. Also mache ich mir mein eigenes Sprüchlein darauf.

Teil I: Eulysien lebt

1. Die Weltinsel

Der britische Geograph Mackinder hatte folgende Theorie. Das Schicksal der Welt würde bestimmt von der mit Abstand größten Landmasse, also von Asien mit seinen Anhängseln, einschließlich Afrika. Er nannte dieses Gebilde Weltinsel. Wer diese Weltinsel, oder noch besser das sogenannte Herzland dieser Weltinsel beherrscht, der beherrscht die Welt.
Als Herzland oder Heartland nahm er vor allem den zentralnördlichen Teil Eurasiens wahr, aus dem immer mal wieder verschiedene Völkerschaften für allgemeine Unruhe in umliegenden Gefilden sorgten.
Genährt war der Heartlandgedanke aus der sehr anschaulichen britischen Erfahrung eines weltweit segelnden Seefahrervolkes. So sagte mal ein einflussreicher Brite sehr symptomatisch, die Briten würden immer der offenen See gegenüber Europa den Vorzug geben, wenn sie denn wählen müssten.
Heartland und Rimland sind die beiden Grundbegriffe der britischen Weltbeherrschung.
Dabei bevorzugten die Briten als Insulaner diese Beherrschung über das sogenannte Rimland, das heißt über die Küstenländer.
Das Heartland war ihnen immer ein Schrecken, das Heartland musste niedergehalten werden. An dieser aus der britischen Geographie herrührenden Einstellung hat sich bis heute nichts geändert. Wie auch? Es ist eine naturgegebene, insulare britische Eigenschaft.
Nun leben wir nicht mehr in einer Welt, die reine Natur ist. Was hat der Mensch nicht schon von sich aus entschieden, geplant, gebaut? Es gibt schon sehr viele Wunderwerke aus Menschengeist. Das könnte heißen, auch an Naturobjekten wie großen Landmassen oder langen Küsten allein kann das Wohl und Wehe der Welt nicht mehr liegen. Auch der Mensch entscheidet mit.
Wir sehen allerdings die täglichen Schwierigkeiten unserer Welt und dass das menschliche Leben kompliziert ist.
Wir müssen eingestehen, dass viele Ergebnisse menschlicher Handlungen doch einfach nur Natur sind. Oder hat jemand geplant, dass Indien über eine Milliarde Menschen haben soll und die ganze Erde über sechs Milliarden? Das war keine wohlweisliche Absicht. Das war Zufall und Natur, der Lauf der Welt eben. Wir können versuchen, diesen Lauf zu verstehen, aber wenn überhaupt dann gelingt das meist erst hinterher.
Somit ist an der natürlichen Macht der Weltinsel vielleicht doch etwas dran! Niemand hat bisher diese Weltinsel ganz beherrscht. Die verschiedenen Europäer eigneten sich dann und wann dieses und jenes davon an. Die Briten nahmen das volkreiche Indien. Auch die Chinesen brachten es zu einem großen Reich auf dieser riesigen Landmasse. Die Russen schafften immerhin den größten, den nördlichen Teil unter ihre Kontrolle. Mehr aber nicht. Niemand hat je diese Weltinsel voll beherrscht.
Für wen stellt diese Frage heute überhaupt ein Problem dar? Dazu sei nur auf zwei Kandidaten verwiesen. Für die US-Amerikaner ist diese, ihnen gegenüber separierte Landmasse schon ein Problem. Man versteht sich als Garant für Frieden und Freiheit für sich selbst und für die Welt. Man meint damit vor allem, eigene Herrschaft ausüben zu wollen. Aber bei dieser Masse? Mit den vielen Menschen? Nordamerika ist selbst groß, aber so groß doch nicht. Es kann sein, man verliert die Materialschlacht auf der Weltinsel. Es fehlt an Menschen und Material, das Verhältnis wäre etwa eins zu zehn oder fünfzehn.
Die Weltinsel lässt sich von Amerika her schwer beherrschen. Es sei denn, sie machten Tabula rasa. Aber das macht man nicht. Das versuchten höchstens verschiedene Diktatoren. Man will in Amerika doch nicht Hitler sein. Die Amerikaner stehen ganz offiziell für Freiheit und nicht für Diktatur. Und man muss hoffen, dass das so bleibt.
Aber ein Problem ist diese Landmasse für Amerika. Wie soll man das beherrschen? Das Problem ist ja, dass man eines Tages selbst von dort beherrscht sein könnte, wenn eine dortige Macht zu mächtig würde. Davor hat man richtig Angst! Dieser einen großen Gefahr will man vorbeugen. Aber wie? Kann man gegen den natürlichen Lauf der Dinge wirklich etwas tun?
Für die Europäer steht die Beherrschung Asiens, selbst Afrikas schon lange nicht mehr auf der Tagesordnung. Man hat sich auf sich selbst zurückgezogen, nachdem man einst die Welt kolonialisierte.
Man hat sich untereinander heftig bekriegt und wurde schließlich von Amerikanern und Russen beiseite genommen und führte so ein halbes Jahrhundert lang sein jeweiliges Schattendasein.
Als Sowjetrussland zerfiel kam eine große europäische Frage ans Licht. Es ist die Frage: Wie weit reicht Europa? Diese Frage bestimmt das Schicksal von vielen Millionen Menschen. Und sie ist bestimmt nicht leicht zu beantworten.
Warum ist diese Frage so wichtig? Das liegt daran, dass bei unklarer und unbeständiger Struktur viele einander widerstrebende Identitäten, sprich kleine Länder und Herren, in europäischen Gefilden stets und immer wieder das gesamte Haus zerstörten.
Dieses kriegerische Chaos hat Europa bereits oft erlebt! Das kann man auf gar keinen Fall wollen, das muss man verhindern. Deshalb sollte Europa einigermaßen klar definiert werden. Dazu gehören nun mal die vermeintlichen Ränder. Eine gewisse Ordnung, Stabilität und Perspektive ist notwendig.
Darüber hinaus gibt es die ebenfalls unangenehme Variante einer neu aufkommenden, konkurrierenden Nebenmacht an den Rändern Europas. Man denke an die Neuauflage russischer oder islamischer Großmacht.
Der sogenannte kalte Krieg ist den Europäern noch gut in Erinnerung. Man hatte zu dieser Zeit keine echte eigenständige Existenz. Man war nur Spielball zwischen den beiden sogenannten Supermächten und man war im kriegerischen Ernstfall als Schlachtfeld ausersehen. Solche erneute Konfrontation in dieser Weltgegend ist, um der Existenz aller Beteiligten Willen, zu vermeiden. Diese Gefahr muss man bei der Frage nach den Grenzen Europas unbedingt berücksichtigen.
Solche unmittelbar benachbarten, feindlichen Machtblöcke sind wirklich das allerletzte was man hier noch brauchen kann. Es wäre für alle Bürger die tagtägliche tödliche Bedrohung aber auch die Unmöglichkeit von wirtschaftlicher und kultureller Entfaltung.
Bei längerem Nachdenken darüber stellt man fest, dass unter diesem Aspekt der Begriff Europa selbst ein Problem wird. Man hat den Eindruck, dass er langfristig die geographische Realität nicht ausreichend widerspiegelt.
Sofern man die sehr nahe russische und islamische Nachbarschaft in die Überlegungen einbezieht, was man wegen der Nähe einfach machen muss, ist das Wort Europa nicht mehr ganz ausreichend.
Schauen wir nochmals auf die Weltinsel Mackinders, so müssen wir heute sehen, dass seine Festlegung des Heartlands auf das innere Eurasien kritisch hinterfragt werden muss.
Und warum ist das ebenfalls riesige Afrika nicht Teil desselben? Nun, Afrika war schon bei Hegel, so auch bei Mackinder nicht Teil der Weltgeschichte. Afrika liegt da als passives Objekt, das man höchstens beherrschte und etwas ausbeutete. Aber auch das ändert sich allmählich. Die Menschen entwickeln sich. Schon die islamische Kultur in Nordafrika klopft deutlich hörbar an die europäische und an die weltgeschichtliche Tür.
Im schwarzafrikanischen Teil herrscht heute in der Tat viel Chaos und eigenständige, stabile Entwicklung ist dort schwer zu erkennen. Das kann für sich bereits gefährliche Konsequenzen mit Auswirkungen auf die ganze Welt haben.
Schwarzafrika hat außerdem trotz Aids als letztgekommener Kulturkreis das noch stärkste zeitversetzte Bevölkerungswachstum. Seriöse Schätzungen gehen von einem Bevölkerungsmaximum von 2.8 Milliarden Menschen aus. Es werden hier noch Menschenmassen mit zusammengenommen chinesischen und indischen Ausmaßen geboren. Das wird nicht ohne Einfluss sein. Jedenfalls sollten wir uns daran gewöhnen, dass Afrika Teil der Geschichte wird. Damit wird es auch beträchtlichen Einfluss auf Europa haben.
Ein weiteres Problem Mackinders liegt in der alleinigen Betonung der Landmasse ohne Rücksicht auf die menschliche Besiedlung und den menschlichen Geist. Als wenn in der Geschichte die Menschen kaum eine Rolle spielten. Dem ist nicht so. Land und Menschen spielen beide eine Rolle. Das ist nachlesbar bei Brczecsinski und wird zum Beispiel im amerikanischen Denken betont.
Festzuhalten bleibt folgendes. Mackinders Weltinsel mit den Kontinenten Asien, Afrika und dem kleinen Europa ist ein außergewöhnlich wichtiger Gedanke und ein schwerwiegender physikalischer Fakt.
Es ist wirklich die mit Abstand größte Landmasse mit den meisten Menschen und dem größten Machtpotential auf unserer Welt. Ihre Beherrschung oder besser gesagt ihre menschenwürdige Gestaltung ist außerordentlich schwierig und wichtig.
Die Frage, ob sie einer alleine beherrschen und gestalten kann, wollen wir sogleich anzweifeln. Die heutige Bevölkerungsgeographie der Weltinsel gibt das nicht her. An den heute vorhandenen Schwerpunkten und Kernländern der Bevölkerung auf dieser Weltinsel müssen vier deutliche, natürliche Pole benannt werden. Es sind dieses Europa, China, Indien und irgendwann Schwarzafrika.
Diese deutlichen Schwerpunkte und Verdichtungen sind einfach da. Sie sind aus der Natur heraus so gewachsen. Ihnen steht natürlich begründete Autonomie zu. Alles andere wäre Handeln an der Natur vorbei und das ist als solches unsinnig. Schon als Autofahrer können wir die Bäume am Straßenrand nicht einfach ignorieren. Wir müssen sie ernst nehmen. So ist es auch hier. Man redet heute von der multipolaren Welt und meint genau diese genannten Pole.
Natur bedeutet zum einen große Landmasse, andererseits das natürliche Vorhandensein einiger weniger menschlicher Machtpole und Bevölkerungsverdichtungen darauf.
Ergänzend könnte die Zahl der Besiedlungspole noch um den islamischen Pol erweitert werden. Jedoch ist dieser seiner Form nach weniger ein Pol, als ein Band, das sich überwiegend schmal am südlichen Rand Europas und weiter Richtung Osten erstreckt.
Die islamische Welt ist damit eine Anomalie im Gefüge der Pole auf der Weltinsel. Sie passt schwerer hinein in das vorhandene Muster. Durch ihre große Ost-West-Ausdehnung könnte sie versuchen, die Weltinsel ganz zu beherrschen. Aber das ist derzeit unrealistisch, da die anderen Pole selbst groß und mächtig sind.
Das heisst man muss sich gegenseitig arrangieren. Die Islamische Welt sorgt für Zündstoff allein durch ihre geometrische Form. Auf der gesamten Weltinsel steht die Aufgabe, den Islam irgendwie politisch-geographisch einzupassen in die einzelnen genannten Pole, sofern man umgekehrt nicht Anhänger der islamischen Weltherrschaft ist.
Da derzeit keiner alleine über die Weltinsel herrschen kann, ergibt sich das Problem der Abgrenzung zwischen den wenigen Machtpolen. Klare Grenzen wären nützlich, da anderenfalls fortlaufende Friktionen und Streitigkeiten an den Rändern zu erwarten sind. Auch das Sichkümmern um die Bewohner der Randzonen darf nicht ausgeblendet sein.
Das Problem der Abgrenzung und der Zusammenarbeit betrifft alle Machtpole gemeinsam. Gleichzeitig ist es damit auch Aufgabe jedes einzelnen Pols, sich räumlich zu definieren.


2. Geographie der Geschichte

Ob die allgemeine Geschichte irgendwelche Gesetzmäßigkeiten der Reichsgeographien, also hinsichtlich Größe und Ausdehnung der Staaten, ihrer Form und Nachbarschaften und ihrer Entwicklung aufweist, das soll hier nicht entschieden werden. Nur auf ein paar Ausprägungen sei verwiesen. Über die passende Geographie der Jetztzeit muss notwendigerweise spekuliert werden.
Das glorreiche Muster aller europäischen Nachfolgeversuche ist das Römische Reich. Es fällt durch sein langdauerndes Existieren über mehrere Jahrhunderte sowie seine gewaltige Ausdehnung auf. Indem Rom die gesamte Mittelmeerumgebung sein Eigen nannte, war es dem heutigen Europa in Stabilität und Konstanz um einiges voraus. Doch da die Geschichte sehr lang ist, hat man viele Reiche kommen und gehen sehen. So musste selbst Rom eines Tages weichen. Aus seinen Resten wuchsen über ewig lange Zeiträume Fürstentümer und Königreiche und letztlich die europäischen Nationalstaaten hervor. Diese sind jeder für sich viel kleiner als das Römische Reich, wobei wir hier über den hochinteressanten Grund ihrer bescheidenen Größe noch nicht spekulieren wollen.
Wenngleich jedes Land mit vielen Erfolgen und Vorzügen versehen war, ist ihr ewiger Zwist untereinander das Hauptproblem der europäischen Geschichte. Immer mal wieder hat einer dem anderen ein Teil abgenommen oder ihn ganz einverleibt. Tiefergreifende Denker sprachen dann auch eher vom europäischen Bürgerkrieg, als wie allgemein üblich Weltkrieg zu sagen. Die Weltkriege waren der Höhepunkt des sinnlosen Gemetzels unter nahen Verwandten und Nachbarn in den heimatlichen europäischen Gefilden.
So war es kein Wunder, dass die europäische Vielstaaterei von größeren, mächtigeren Außenmächten bei der erstbesten Gelegenheit überrannt wurde. Jeder kennt die Geschichte, als Europa 1945 zwischen Russen und Amerikanern aufgeteilt wurde.
Die Russen sind die große Randmacht im Nordosten Eurasiens. Sie leben dort, wo die meisten Westeuropäer gar nicht leben wollen. Der Norden ist vor allem kalt. Nichtsdestotrotz gibt es riesige Ressourcen. Allein das große Land ist eine ungeheuerliche Ressource rein materiell aber auch geopolitisch mit der einzigen innerstaatlichen Ost-West-Magistrale auf der Weltinsel! Dazu kommen Bodenschätze aller Art. Mackinder sah hier das Heartland, von dem aus die Welt zu steuern ist.
Heute ist Russland kleiner geworden. Sie haben weder den indischen Ozean erreicht, noch Europa, noch China, noch Indien auf Dauer beherrschen können. Der Grund? Die Natur der Dinge erklärt es. Weder die Menschenmassen Indiens noch Chinas lassen sich von einer demographisch viel kleineren und weniger dynamischen Bevölkerung aus einem so kalten Land beherrschen. In Europa haben die Russen gegen die technologisch überlegenen Amerikaner verloren. An ihrer Südflanke hat ihnen zuletzt der erstarkende Islamismus gewaltig zugesetzt.
Ob die Russen noch mal Heartland sein wollen oder können? Es ist eher fraglich. Ein Vergleich zu Kanada, das bekanntlich vom und am Rand des US-Imperiums lebt, wäre zumindest eine Überlegung wert.
Größe ist wichtig. Das haben die Amerikaner rechtzeitig begriffen. „Economy of scale“ ist dort seit eh und je ein Zauberwort. Sie haben in geschichtlich kurzer Zeit ihr großes Land sozusagen selbst als Einheit geschaffen. Die Vision der kontinentalen Staatengröße, die heute naheliegend ist, war damals nicht so selbstverständlich. Präsident Washington höchstselbst war der wichtigste Vertreter des Gedankens.
Die Amerikaner sind heute die von den beiden Supermächten übrig gebliebene. Sie sind gegenüber den Russen geographisch deutlich bevorteilt. Vor allem ihre separate Lage macht es ihnen viel leichter. Links und rechts lassen die beiden Ozeane keine Identitätskrisen aufkommen. Die USA sind ein riesiger, fester Block. Man ist von Natur aus Amerikaner. Solch ewig quälende, ressourcenvernichtende Fragen wie danach, welches Land zu Europa oder welche Kolonie zu Russland gehört oder wo die Grenze zwischen Russland und Europa liegen soll, das kennt man in den USA nicht. Man ist von Natur aus viel klarer formuliert.
Nach Norden hat man das ruhige und kälter werdende Kanada, welches keine geopolitischen Probleme bereitet. Nur im Süden gibt es die relativ kurze Latinogrenze, die mit starker Zuwanderung für ethnische Friktionen und Identitätsprobleme sorgt. Im Vergleich zu Europa, Russland oder China ist das Problem aber vergleichsweise klein.
Gegenüber dem in traditionelle Nationalstaaten separierten Europa haben die US-Amerikaner viel stärkeres Gewicht. Zwar hat Europa als Ganzes eine deutlich größere Bevölkerungszahl, aber es vermag diese Kraft nicht geschlossen zu nutzen. Den kräftezehrenden inneren Zwist der Europäer kennen die Amerikaner so nicht. Ganz zu schweigen davon, dass Binnenkriege auf amerikanischem Gelände seit über hundert Jahren nicht mehr stattfanden. Man bedenke nur die ungeheure Zerstörung russischer, polnischer oder deutscher Städte während der Weltkriege. Amerikanische Städte kennen so etwas zum Glück nicht.
Auch als Militärmacht nutzt Amerika, ähnlich den Römern, diese Geschlossenheit. Die Wirtschaft haben sie immer so gehalten, dass Leistung und Kraft produziert werden, häufig auf Kosten des Rests der Welt. Man ließ einfach die besten Leute und Ideen nach Amerika kommen und hier für sich arbeiten.
Als Glaubenssystem wird ein auf menschlicher Freiheit und Individualität beruhender American way of life postuliert, der zu Wohlstand und zu weltweitem Einfluss beitrug.
Doch auch für Amerika bleibt geographisch ein entscheidendes Problem bestehen: Die Weltherrschaft ist schwer zu kriegen. Eurasien oder besser gesagt die Weltinsel ist einfach zu groß, als dass sie von Amerika aus gesteuert werden könnte. Trotzdem bleibt das amerikanische Modell das erfolgreichste der Neuzeit.
Was Dimension und Größe angeht sind andere Reiche deshalb dabei, dieses nachzuahmen. Dieses ist eine extrem wichtige Regel. Ein Reich vom Größentyp USA bildet heute den Prototyp. Kleinteiligere Reiche bringen es nicht mehr.
Das betrifft insbesondere die Europäer, aber auch Araber und andere, die langsam merken, dass sie in ihrem alten, kleinteiligen Staatengefüge schwach und verletzlich sind, zumal neue globale Mitspieler ähnlicher oder noch gewaltigerer Größenordnung wie China und Indien die Bühne der Geschichte betreten.
Es scheint: Die USA bilden das Muster für heutige Reichs- beziehungsweise Staatengeographie. Diese Dimension muss es schon sein. Mit altbekannter Kleinstaaterei ist heute kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Wer es trotzdem wagt, hat viel schlechtere Karten.
Gibt es die Geographie der Geschichte noch eine Stufe höher? Das heißt, gibt es die Weltherrschaft? Nun, für die nächsten Jahrzehnte ist wohl nicht damit zu rechnen. Wir reden heute von der multipolaren Welt. Das bedeutet, dass da und dort die genannten großen Kulturen leben.
Das liegt wie gesagt an der Natur, da es verschiedene schöne und brauchbare Erdräume gibt, in denen es sich gut leben lässt und in denen Völker sich sammeln. Huntington hat darauf aufbauend seinen Clash of civilizations geschrieben. Auf die Gefahr des clashes hingewiesen zu haben ist sein Verdienst.
Weltherrschaft würde Zentrum und Konzentration an einem Ort sowie Auflösung und Verschmelzung der Kulturen bedeuten. Das lässt sich im ersten Fall nicht allgemein begründen, wo sollte dieser Ort sein, und ist im zweiten Fall heute noch wenig praktikabel.
Der räumliche Abstand für eine Verschmelzung von sagen wir Deutschen und Chinesen ist einfach zu groß. Unsere heutige Technik der Raumüberwindung gibt das nicht her. Welche Großeltern wollen schon zum Geburtstag ihrer Enkel um den halben Globus fliegen? Das ist viel zu aufwendig.
Die einzigen, die heute Weltherrschaft ein wenig versuchen, sind die US-Amerikaner. So recht daran glauben, dass sie es können mag man aber nicht. Ihnen fehlt die Legitimität, denn niemand hat sie gewählt.
Um Legitimität zu erlangen müssten sie ein großes Risiko eingehen. Sie müssten sich opfern für den Aufbau der Weltgesellschaft, sie müssten es zu ihrer eigentlichen Aufgabe machen. Danach sieht es aber nicht aus. Amerika will Ruhe haben für die Durchsetzung seiner ökonomischen Interessen. Es will außerdem vorsorglich die eigene Sicherheit garantieren. Darum interveniert man da und dort, auch militärisch.
Immerhin eines mutet Amerika sich und anderen nicht mehr zu. Man interveniert nicht mehr gegen die anderen Machtpole der Welt. Das heißt, die Macht auf der Weltinsel strebt auch Amerika nicht mehr an. Es ist dazu gar nicht in der Lage.
Allerdings sollte man mit einer anderen Gefahr rechnen, und zwar dass die Gewissenlosen, aus welcher Weltgegend auch immer, eines Tages wieder Hitler spielen wollen. Falls die Probleme Überhand nehmen, dann wird es sie geben, die Schlechten und Bösartigen, die Ordnung durch Ausrottung aller anderen meinen erzeugen zu können. Davor sollte man auf der Hut sein!
Wir bleiben schließlich dabei, dass die Geographie der Gegenwart und der überschaubaren Zukunft bestimmt wird durch einige wenige Machtpole auf der Welt.
Diese Pole ergeben sich als große, natürlich gewachsene Bevölkerungsschwerpunkte. Diese Blöcke sind zu jeweils eigenständigem Leben und Wirtschaften in der Lage. Den erfolgreichen staatlichen Prototyp bildeten die USA.
Globalisierung ist heute vielfältige Realität. Sie kann gut und sinnvoll sein, aber jeder dieser Blöcke kann im Notfall auch weitgehend selbständig agieren. Das Wirtschaften innerhalb eines solchen Blocks bietet insbesondere durch die Marktgröße viele Vorteile. Kleinere, selbständige Staaten außerhalb solcher Blöcke haben diese Vorteile nicht. Sie sind auch politisch und militärisch viel verletzlicher.
Falls jeder Block nur seine eigenen Interessen verfolgt besteht allerdings auch die Gefahr schwerwiegender Konfrontation zwischen den Blöcken.


3. Das Problem der Geographie Europas

Europa ist ein Wort des Übergangs. So ist es schon immer gewesen. Bei den Griechen soll es mal die Bezeichnung für das Festland gegenüber der Inselwelt gewesen sein. Man kann den Begriff heute politisch und geographisch unterschiedlich benutzen. Es hängt sehr davon ab, wer ihn benutzt.
So ganz grob bezeichnet er die Halbinselgruppe am westlichen Rand Asiens. Geographiebücher lassen Europa vom Atlantik bis zum Ural reichen mit Kaukasus, Bosporus und Mittelmeer als Grenzen. Das ist sehr willkürlich. Und politisch kann es ganz anders formuliert sein. Die Westeuropäer meinen mit Europa ihre jeweilige wirtschaftlich-politische Staatenunion, bisher meist ohne Osteuropa und immer ohne Russland. Gorbatschow sprach vom Europäischen Haus, natürlich mit Russland. Die Türkei versucht eine europäische Mitgliedschaft. Die Franzosen denken bei Europa schon mal an Algerien, die Italiener an Libyen. Bei einer Fußballeuropameisterschaft ist Israel mit am Ball.
Wie man sieht, sind neben dem Problem der vielen Fraktionen innerhalb des europäischen Kerns vor allem die Ränder Europas sehr unzureichend benannt. Es gibt sehr breite Übergangssäume zu anderen großen Regionen. Man weiß nicht, sollen die Grenzländer mit hinein oder sollen sie außen vor bleiben.
Das ist das eigentliche handfeste geographische Problem für diese Weltgegend. Die Fraktionen im Innern und die unklaren Ränder führen langfristig immer wieder zu ernsthaften Konflikten. Wenn man keine einigermaßen brauchbare Lösung findet, setzt sich die Tragödie endlos fort.
Den meisten Menschen und ebenso Politikern dürften diese Fragen eher diffus erscheinen aber doch häufig begegnen. Man kennt das Problem, kann es aber weder richtig benennen, schon gar nicht lösen.
Der bekannte holländischamerikanische Geograph de Blij dachte vielleicht an diese Konfusion, als er auf seiner Internetseite zugab, kein großer Gläubiger in Sachen Europa zu sein. Auch wegen der Zersplitterung und Fragmentierung im Innern sieht er die Zukunft Europas eher pessimistisch. Interne Konflikte könnten demnach wieder die Zukunft Europas dominieren.
Beide Problemseiten sind für die Gestaltung Europas überlebenswichtig. Klarheit der Verhältnisse innen und außen ist notwendig. Beide Fragestellungen sind außergewöhnlich schwierig, müssen aber gelöst werden. Die innere Zersplitterung ist zu überwinden und klare äußere Grenzen sind zu etablieren.
Das ist so einfach gesagt. Wenn es nur so einfach wäre. Dann hätte es zum Beispiel die beiden Weltkriege, als vor allem europäische Kriege, nicht gegeben. Dann hätte man sich nicht um Grenzen innerhalb Europas gestritten, dann hätte man Europa geeint, friedlich, demokratisch, erfolgreich. Es ist ja eigentlich auch einfach! Nur, die Leute haben es halt nicht erkannt und verstanden. Es hat bereits zweier Weltkriege bedurft, jedenfalls haben sie stattgefunden, um wenigstens etwas von der notwendigen Einheit Europas zu begreifen. Wenn es nun sogar über Europa hinaus geht, sollte man versuchen es nicht wieder so fürchterlich und teuer zu machen!
Sollen sie rein, oder sollen sie es nicht? Gehören sie zu Europa oder nicht? Diese in Zukunft bei jedem neuen Anwärter immer wiederkehrende Frage macht auf die große Schwierigkeit der Begriffsdefinition Europas aufmerksam.
Ein fundamentales Problem könnte dahinter stehen. Vielleicht ist die Bezeichnung falsch! Das vorhandene Wort Europa passt vielleicht gar nicht auf die geographische Einheit, um die es hier eigentlich geht. Europa existiert zwar irgendwie auch politisch, aber eigentlich ist das schon wieder überholt und Geschichte! Das weiß nur noch keiner!
Noch gilt Europa den Europäern als non plus ultra. Man hat doch vor nicht langer Zeit die gemeinsame Währung, den Euro eingeführt.
Aber, auch wenn es überrascht, wir müssen etwas sehr wichtiges und außergewöhnliches konstatieren. Europa, das war einmal! Die Einheit, um die es in dieser Gegend geht ist nicht Europa! Diese Einheit muss erst noch benannt werden. Sie braucht einen Namen.
Europa ist ein alter Landschaftsname, der nördlich des Mittelmeeres weiterhin passt. Schon für die Türkei passt dieser alte Name nicht mehr. Auch Russland kann nicht ohne weiteres und komplett als Teil Europas bezeichnet werden, Nordafrika auch nicht.
Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Es muss nicht gleich alles aufgegeben werden, was die Marke Europa trägt. Nur, ab jetzt geht es über Europa hinaus. Jetzt kommt es zur Weiterentwicklung in größerem aber notwendigem Ausmaß.
Es geht nicht anders. Wir müssen unsere Sprache der Realität anpassen. Nie war es anders. Um die Welt zu verstehen, hat der Mensch die natürlichen Dinge benannt. Erst dann konnte er die Begriffe zu seinen Zwecken nutzen. Was von Natur aus da ist, das muss benannt werden.
Ein Begriff ist ein Fundament auf dem man aufbaut. Ungenaue und falsche Begriffe schaffen Unordnung und Chaos. Es kommt zu schweren Missverständnissen mit fürchterlichen Folgen, wenn wir nicht klar wissen, wovon wir sprechen. So fingen schon Kriege an.
Das ist genau das diffuse Gefühl, welches wir haben, wenn wir nach Grenzen Europas oder nach Osterweiterung gefragt werden. Alles verschwimmt dann in einer ungewissen fernen und manchmal nahen Zukunft. Das erzeugt große Unsicherheit und ist eben kein Fundament auf das sich bauen lässt. Wir wollen für klare Verhältnisse sorgen. Und deshalb benennen wir die Sache neu.


4. Die Entdeckung Eulysiens

Bleiben wir bei der Natur der Dinge. Nehmen wir die Welt so wie wir sie sehen können. Fangen wir nicht sofort an, etwas zu konstruieren. Lassen wir alle Geschichte, alle Länderbezeichnungen und Begriffe, alle Ambitionen, Vorurteile, Politiken und Bündnisse beiseite. Konzentrieren wir uns auf das, was wir sehen.
Was sehen wir dann, wenn wir uns den Karten zuwenden! Seit einiger Zeit findet man wunderbare nächtliche Aufnahmen besagter Gegend. Zum Beispiel bei Wikipedia. Man sieht vor allem Städte, dank Beleuchtung, aber auch die Eisenbahnlinie von Moskau nach Sankt Petersburg und die Erdölregionen Algeriens und anderes mehr. Es lässt sich viel Zeit über solchen Karten verbringen. Man freut sich über allerlei Entdeckungen. Man erkennt Städte wieder. Man sieht genau wo Menschen leben. Man sieht allerhand erstaunliche Zusammenhänge aus solch kleinen Karten. So wie man Siedlungsräume sieht, sieht man auch Grenzsäume. Es empfiehlt sich also Karten zur Hand zu nehmen, zum Beispiel Bevölkerungsdichtekarten. Ein einfacher Diercke Weltatlas, ein Klett-Perthes oder ein Seydlitz für die Schule reichen.
Für unsere Frage Europa betreffend, denke ich, lässt sich letztlich etwas Neues entdecken. Es funktioniert ähnlich wie bei einem sogenannten Drei-D-Bild. Man hat ein aus groben Pixeln zusammengesetztes Bild. Das ist der Vordergrund, das Vorurteil, es ist ein bestimmtes und geläufiges Motiv. Man hat seine eingeschärfte Sichtweise. Mit etwas Glück und Übung und ausreichend langem, konzentriertem Sehen taucht irgendwann ein zweites, vorher verborgenes Bild hervor. Ein neues, vielleicht prächtiges Bild erscheint.
Ähnlich geht es mit dem hier so bezeichneten Eulysien. Irgendwann tritt es hervor. Der Begriff Europa reicht nicht mehr aus stellt man fest, weil sich in seiner unmittelbaren und etwas weiteren Nachbarschaft viele weitere Lichtpunkte häufen.
Eigentlich ist das nicht neu. Schon die Römer waren in Nordafrika präsent. Nicht das Mittelmeer, sondern die Sahara war auch damals schon der natürliche wenig besiedelte Grenzsaum. Aber Nordafrika und all die anderen interessierenden Gegenden haben sich weiterentwickelt. All die vielen Lichter heute, das hat doch viel mehr Bedeutung als damals. Es liegt zwar sehr nah, aber es ist nicht alles Europa. Aber wohin soll es sonst gehören, wo beides so dicht beieinander liegt, umgeben von Dunkelheit? Es gehört natürlich zusammen.
Was ist nun das Naturobjekt namens Eulysien? Die Weltkarte oder Kontinentalkarten der Bevölkerungsdichte zeigen uns die nordafrikanische Besiedlung sehr konzentriert in einem schmalen Küstenstreifen.
Nennenswert ist die Besiedlung in Marokko und Algerien mit je etwa 30 Millionen Einwohnern, Tunesien mit 10, Libyen mit nur etwas mehr als 5. Südlich dieses schmalen Streifens liegt die scheinbar endlose, unbewohnte Sahara. Dieser besiedelte Küstenstreifen am Mittelmeer ist seiner Form nach viel eher eine Erweiterung des südlichen Europa als sonst irgendetwas anderes. Weit und breit ist hier nichts weiter. Er ist also Teil Eulysiens.
Nach Osten schließt sich das enge dicht besiedelte Süd-Nord-Niltal Ägyptens an. Es ist für uns eine Anomalie, weil es die vorhandene Ost-West-Wüstenzone Richtung Zentralafrika durchbricht. Es macht somit die klare Formulierung Eulysiens an dieser Stelle schwieriger. Trotzdem gehört Ägypten natürlich dazu.
Die Arabische Halbinsel ist fast nur Wüste und ausgesprochen dünn besiedelt. Sie ist somit Teil einer Grenze. Die nördlichen, dichter besiedelten Länder wie Israel, Libanon, Jordanien, Syrien und Irak sind klarer Teil der eulysischen Besiedlungszone.
Das Gleiche kann noch zutreffen für den westlichen Teil Irans, während der großteils steppen- und wüstenhafte Ostiran den östlichen Schluss Eulysiens und damit einen Übergang bildet. Danach kann nicht mehr Eulysien sein, weil dort bereits Indien beginnt.
Nördlich des Iran liegen der Kaspisee und die turkmenisch-kasachischen Wüsten als Grenzsaum.
Nordwestlich der kasachischen Wüsten- und Steppenzone liegt der russische Kernraum mit Moskau als hervorgehobenem Zentrum und wichtiger Teil Eulysiens.
Nach Nordosten und nördlich des schmalen Südsibiriens folgt die riesige sibirische Kältewüste. Diese ist ohnehin kaum besiedelbar, bildet also eine natürliche Grenze. Dass das Nordmeer und der Atlantik im Nordwesten den Abschluss Eulysiens bilden versteht sich von selbst. Europa mit Atlantik und Nordmeer als Grenze gehört selbstverständlich zu Eulysien.
Schwierigkeiten der Zuordnung ergeben sich an einigen wenigen Stellen. Das südliche Niltal als Anomalie hatten wir schon erwähnt. Saudi-Arabien bildet einen wüstenhaften Übergangsstaat, dem als islamisches Zentrum und mit sagenhaftem Ölreichtum eine Sonderrolle zufällt.
Für das unmittelbar nördlich vom Pamir gelegene Besiedlungszentrum Turkestan fällt die Zuordnung ebenfalls schwer, weil es erstens außerhalb, also östlich des eulysischen Wüstenrandes liegt. Zweitens liegt es wesentlich dichter zum stark bevölkerten Indien. Es kann also längerfristig auch als Teil der indischen Einflusszone angesehen werden. Aber das können wir nicht von hier aus entscheiden.
Letztlich ist auch der heutige russische nahe und ferne Osten in ernstzunehmender Weise vakant. De Blij unterteilt ihn in Sibirien im Norden, östliche Frontier im Süden und Fernen Osten. Zumindest im östlichen Teil dieser Gegend muss man mit mehr chinesisch-japanischem Einfluss rechnen. Es ist nicht sinnvoll, diesem ostasiatischen Einfluss dort zu viele künstliche Schranken entgegenzusetzen. Schließlich mussten die Russen in einem langen schmerzlichen Prozess feststellen, dass sie gar nicht die Demographie haben, um diesen Raum zu besiedeln und zu nutzen. Die näher gelegenen und bevölkerungsreichen Ostasiaten haben vielleicht eine bessere Verwendung dafür. Das könnte schließlich eine Neuzuordnung des östlichen russischen Raumes, der ja schon mal chinesisch war, vielleicht ab Baikalsee zum ostasiatischen Kulturkreis bedeuten.
Die Russen könnten diesen Vorschlag wohl als Zumutung empfinden. Aber ob der jetzige Status ihnen wirklich hilft, das sollte man hinterfragen. Eine Konzentration Russlands auf Eulysien wäre jedenfalls wichtiger.
Zusätzlich sollte man die sehr volkreichen Inder im Süden bedenken, die möglicherweise selbst mit einer eigenen sibirischen Expedition liebäugeln.
Nun endlich ist Eulysien klar auf Karten formuliert. Es ist eine durchgehende Besiedlungszone, die auch danach definiert werden kann, was sie nicht ist.
Sie ist eben nicht China, nicht Indien, nicht Schwarzafrika, nicht Amerika und nicht Australasien. Diese anderen sind alles wohlseparierte Bevölkerungsobjekte auf der Karte. Ebenso ist es Eulysien, dass eine natürliche räumliche Einheit bildet. Es ist Aufgabe seiner Bewohner, dieses zu verstehen und diese Einheit zu gestalten.
Über den Namen können wir jetzt immer noch streiten. Dieses Wort Eulysien setzt sich aus drei Bestandteilen zusammen. Eu steht für Europa, ly steht für Libyen, als eine alte griechische Bezeichnung für das nördliche Afrika, und sien steht für Asien. Der entsprechende englische Ausdruck heißt dann Eulysia. Es sind diese drei Bestandteile, um die es geht, wenn wir über die Weltgegend sprechen, die in der nordwestlichen Zone Eurasiens und in Nordafrika gelegen ist.


5. Von Russland nach Eulysien

Der berühmte amerikanische Politikberater polnischer Herkunft Brzezinski schrieb, dass Russland eigentlich nur noch eine Wahl hat. Das ist der Weg hin zu Europa. Geographisch ist das nicht neu, ein Blick auf die Bevölkerungskarte genügt. Der russische Schwerpunkt mit dem Großraum Moskau als deutlichem Zentrum liegt ganz klar nach Europa orientiert, er ist ein Teil davon. Ebenso verhält es sich mit der stark russisch beeinflussten Ukraine, die noch dichter nach Zentraleuropa gelagert ist.
Aber weder die Russen selbst, noch die sogenannten Europäer im Westen haben das in der Geschichte jemals einhellig so gesehen. Immer wieder kam es zur gegenseitigen Abstoßung. Den kleinteiligen Westeuropäern war das Riesenreich im Osten eine Nummer zu groß, um damit zu verschmelzen. Allein die Vorstellung lag fern. Eher hat man Russland bekämpft, als sich mit ihm zu vereinen.
Auch die Illusion der seefahrenden Kolonisierung der Welt lag den europäischen Mächten mehr am Herzen. Jede halbwegs eigenständige europäische Insel oder Halbinsel versuchte ihr eigenes Weltreich zu bauen aber eben nicht mit Europa. So waren die Europäer keine guten Hausmänner. Sie haben sich weit in der Welt herumgeschlagen und das eigene Haus dabei vernachlässigt.
Die Russen dagegen hatten auch immer wieder große Ambitionen, sei es die Erschließung Sibiriens, der Vorstoß zum Indischen Ozean oder gar die Weltrevolution.
Heute ist festzustellen, dass beide mit ihren Ambitionen gescheitert sind. Die Russen haben es nicht geschafft, im eigenen Kernraum für ausreichendes Wohlergehen zu sorgen. Die Westeuropäer brachten es mit ihrer inneren Zersplitterung zu großen Kriegen und Selbstzerstörungen.
Jetzt ist es für beide endlich Zeit, im eigenen Umfeld die passende politische und wirtschaftliche Geographie zu erkennen. Wir erinnern daran, dass vom räumlichen Ausmaß her die USA der geographische Prototyp heutiger erfolgreicher Entwicklung sind. Die traditionelle westeuropäische Kleinteilung verspricht keinen Erfolg, das russische Ausgreifen auf die gesamte asiatische Landmasse aber eben auch nicht. Es gilt, sich im wahrsten Sinne des Wortes auf sich selbst zu konzentrieren.
Das heißt für Russland einen gewissen Rückzug aus der Weite und Konzentration auf den Kern. Und dieser Kern ist Teil eines größeren Kerns, zu dem das alte Europa gehört. Zu diesem Kern gehören aber auch die südlichen und südöstlichen Ausweitungen jenseits des Mittelmeeres, weshalb wir dem ganzen den neuen Namen Eulysien gaben.
Für Russland ist es wichtig, die Anbindung an die Europäische Union zu suchen. Umgekehrt gilt das genauso. Man sollte etwas tun, um sich gegenseitig zu nützen, denn man hat dringendes Interesse aneinander.
Das heißt nicht, dass man zum Nachteil Dritter handelt, aber im Zweifelsfall haben die europäisch-russischen Beziehungen Vorrang, denn es sind in gewisser Weise Innenbeziehungen.
Institutionell muss es ähnlich wie bei der Europäischen Union allmählich vorangehen. Es bedarf eulysischer Initiativen auf verschiedenen Ebenen. Es können gemeinsame Interessen formuliert, wirtschaftliche und kulturelle Aktivitäten abgestimmt werden. Im wirtschaftlichen Bereich können Russland und Europa sich ergänzen mit Produkten und Rohstoffen und einem insgesamt großen Markt.
Es gilt auch die materiellen Verbindungsstränge zu stärken. Es müssen Transportwege, Schienen und Autobahnen nach Moskau und Kiew und darüber hinaus gebaut werden. Dazu gehört freier Verkehr für freie Bürger. Das hat in Westeuropa schon gut funktioniert. Warum soll es hier nicht gehen? Es gibt keinen Grund, dass das nicht geht.
Der Großraum Moskau muss eingebunden werden, ebenso weitere russische Millionenstädte. Wenn es eine klare eulysische Perspektive gibt, erübrigen sich einige Probleme. Man wird feststellen, dass die Russen nicht nach Westeuropa auswandern. Die Russen werden merken, dass der Westen sie nicht erobern will.
Russlands Einbeziehung wäre ein Schritt hin zu stärkerer politischer Kontinentalität auch des europäischen Raumes, etwas weg von Atlantik und Weltmeer, hin zu stärkerer eurasischer Konzentration.
Man kennt aus amerikanischer und westeuropäischer Erfahrung den Drang der Menschen nach südlichen, warmen und mittelmeerischen Gefilden. Das Schwarze Meer und der Kaspisee werden daher noch stärkere osteuropäische Aufmerksamkeit erfahren, das eulysische Mittelmeer sowieso.


6. Vom Islam nach Eulysien

Die islamische Welt ist für sich genommen der ausgedehnteste Kulturraum, wenn man die Strecke von Marokko bis Indonesien betrachtet. Sie hat eine ähnlich große Einwohnerzahl wie China.
Durch diese Ausdehnung ist der Raum in sich nicht geschlossen. So liegt die überwiegend nichtislamische Megamenschenballung Indien mitten drin, ebenso der indische Ozean. Der größte Teil der islamischen Länderflächen sind Wüsten und damit kaum besiedelbar. Auch politisch bilden die islamischen Staaten keine Einheit, wenngleich es Versuche von Zusammenschlüssen gegeben hat. Abgesehen von der religiösen Wallfahrt nach Mekka, gibt es kein eigentliches Zentrum. Politisch und wirtschaftlich gibt es das ebenfalls nicht. Es fehlt die Koordinierung und Lenkung, was durch die bandartige Geographie zusätzlich erschwert ist.
Der Islam breitet sich auch südlich der Sahara nach Schwarzafrika aus. Das wird bei dem dortigen noch vorhandenen niedrigen kulturellen und technologischen Status keine Erleichterung für die islamische Welt sein.
Selbst religiös gibt es intern große Unterschiede. So sticht der schiitische Iran durch entsprechende Eigenständigkeit hervor, wie auch die saudischen Wahhabiten. Dort wo der Islam an andere große Kulturkreise grenzt, gibt es je nach aktueller Situation Konflikte und seltener Annäherungen.
Die Türkei, als Osmanisches Reich lange Zeit der Gegenspieler Europas, hat sich seit Atatürk europäisch ausgerichtet und könnte aufbauend auf erreichter Modernität diesen Kurs durchaus fortsetzen wollen. Man will Teil der Europäischen Union werden. Langfristig kann Europa gar nicht anders, als dafür zu sein. Die Alternative wäre die traditionelle osmanische und nun um so mehr islamische Konkurrenz und Gegnerschaft gegenüber Europa. Was bliebe den Türken denn sonst auch übrig?
Die Türkei ist ein zunehmend wichtiger Handelspartner und ein Urlaubsland für Europäer. Durch die beachtliche türkische Minderheit ergeben sich besonders zu Deutschland außergewöhnliche Beziehungen.
Ähnlich verhält es sich zwischen Frankreich und Algerien. Die zeitweise verhassten Kolonialherren aus dem recht nahen Norden werden so allmählich wohl doch wieder zu wichtigen Partnern. Besondere Beziehungen gibt es aus ähnlichem Grund zwischen den fast benachbarten Italien und Libyen. Wenn sich zu den übrigen großen Staaten am südöstlichen Mittelmeer wie Iran, Irak, Syrien, Ägypten ähnliche Partnerbeziehungen nach Europa ergeben, dann wäre das eine Ausgangsbasis für die Entwicklung von eulysischer Gemeinschaft.
Es gilt hier das Gleiche wie bei der Annäherung an Russland. Man muss an das Wohlergehen der Menschen denken und etwas dafür tun. Das fängt damit an, dass Europa seine Beziehungen zu diesen genannten islamischen Ländern auf breiter Front verbessert. Man muss versuchen, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen auf vielen Ebenen zu entwickeln.
Die Beschäftigung mit der arabischen Sprache sollte für Europäer nach dem Englischen viel wichtiger werden. Arabisch ist südlich und östlich des gesamten Mittelmeeres die wichtigste Sprache.
Selbst mit islamischer Religion kann man sich beschäftigen, ohne gleich strenggläubig werden zu müssen. Der sogenannte islamische Fundamentalismus ist großenteils eine verständliche Reaktion auf lange erlebte Ausgrenzung und der verzweifelte Versuch von schwer praktizierbarer Eigenständigkeit. Es sollte Schluss sein mit der Ausgrenzung islamischen Lebens. Islamisch gewachsene Staaten sind ebenso natürlicher Teil Eulysiens wie christliche. Dann wird auch der Fundamentalismus an Einfluss verlieren. Wahrscheinlich hat er seinen Höhepunkt sowieso schon überschritten. Auch die islamische Welt verlangt nach Aufklärung und vor allem nach freiem Leben.
Demographisch hat die islamische Welt des Mittelmeeres ihren Wachstumshöhepunkt hinter sich. Das heißt, es ist eine demographische Beruhigung zu erwarten. Die Europäer müssen keine zu große Angst vor ewiger islamischer Überflutung haben, denn die dortigen Geburtenzahlen werden den unseren bald gleichen, nämlich sehr niedrig werden. Für die Menschen gilt auch hier, dass die gegenseitige Abschottung allmählich aufgebrochen wird.
Eulysische Perspektive wird die Wirtschaft vor Ort verbessern helfen, denn auch in diesen Ländern gibt es riesige Potenzen. Der Sonnentourismus ist nur ein wichtiges der verschiedenen Betätigungsfelder dort. Die Öl- und Gaswirtschaft ist fast überall in der Gegend eine bedeutsame Wirtschaftsquelle. Auch Solarwirtschaft ist in aller Munde.
Allein diese Betätigungsfelder bieten enorme und ausgezeichnete Perspektiven. Die Möglichkeiten bewässerter Landwirtschaft, wie sie das kleine Israel lange praktiziert, hatten wir bis jetzt noch nicht mal erwähnt.
Verkehrstechnisch ist durch die Küstenlage im nordafrikanischen Bereich das Schiff ein sehr wichtiges Mittel. Das Mittelmeer wird dabei die wichtigste Straße sowohl entlang der Küste als auch als Nordsüdverbindung sein. Das Mittelmeer wird zu einer der meistbefahrenen Wasserverbindungen. Ebenso gewinnt es als Wirtschafts- und Lebensraum ungeahnte neue Wichtigkeit und Zentralität.
All das wird besser vorankommen, wenn für die Bürger und die Wirtschaft die klare eulysische Perspektive erkennbar wird. Es muss klar werden, dass zur geographisch ohnehin vorhandenen Einheit auch ein Mindestmaß politischer Einheit entsteht. Dann wird sich vieles beruhigen. Dann werden die Bürger in Nordafrika durchatmen und feststellen, dass sie mit solcher Perspektive leben können.
Ob die islamische Welt auch für sich allein und gegen Europa abgegrenzt glücklich werden kann, ist notwendig zu fragen. Bisher ist die Abgrenzung eher nicht gelungen. Es gibt dort noch nicht die prosperierende Staatenunion. Das muss nicht heißen, dass es für die Zukunft ausgeschlossen ist.
Trotzdem bleibt auf Dauer das Problem der Geographie. Europa und die islamische Welt grenzen sozusagen als zwei Streifen aneinander. Da lässt sich nichts bewegen. Das wird mit den beiden Streifen immer so sein. Da kann man nichts auseinander reißen, das ist so gewachsen. Und was sich nicht trennen lässt, das muss zusammen bleiben. Man hat damit zu leben. Um gutes Miteinander kann man sich bemühen. Es geht gar nicht anders, wenn es gut werden soll.
Die weltweite Separierung der islamischen Gemeinschaft wird übrigens auch in den Grenzräumen zu den anderen großen Kulturgegenden Probleme verursachen. Besonders in Indien, auch in China, Südostasien, Schwarzafrika, überall kollidiert man mit Vorhandenem. Nicht, dass die islamische Welt kein Recht auf Eigenständigkeit hat, sie wird es aber nicht gegen die anderen Machtpole durchsetzen können. Man muss sich arrangieren, anders geht es nicht. Islamische Weltherrschaft mag sich mancher wünschen, aber das ist aus naturgewachsenen Gründen nicht realistisch.
Für unsere Weltgegend bedeutet es, dass islamische und europäische Staaten langfristig nur miteinander arbeiten können, nicht gegeneinander. Man will sich nicht gegenseitig umbringen. Das würde doch keiner überleben. Nur kooperativ kann man leben.


7. Von Europa nach Eulysien

Das Zentrum des heutigen politischen Europa liegt am nordwestlichen atlantischen Rand der europäischen Halbinsel. Eulysien wird dagegen südlicher und östlicher sein. Das ist ein Problem für die heute noch mächtigen Länder in Europa. Sie werden diese Rolle so kaum auf Dauer einnehmen können. Wie gesagt ist Geographie ein Naturprozess. Man muss es nehmen wie es kommt, man muss sich arrangieren, ändern kann man es nicht.
Welche Rolle, welches Verhalten sollte nun dieses alte Europa zeigen? Nun, man muss auch hier feststellen, dass es ohne die anderen im nah gelegenen Osten und Süden nicht geht. Man ist ein Teil dieses großen Ganzen. Das ist das Wichtigste. Diese Einheit muss man befördern, weil alles andere darauf basiert. Man braucht die anderen, allein schon, um mal nach Süden in Urlaub zu fliegen. Man soll aber vor allem an das Wohl der anderen im nahe gelegenen Osten und Süden denken, weil politische Unruhe und Perspektivlosigkeit dort auch uns hier negativ treffen werden. Die vielen schlechten Beispiele aus der europäischen Geschichte bezeugen es. Vom Randchaos ist auch der jeweilige Kern nie ungeschoren davongekommen. Man soll da keine Illusionen haben.
Wenn man im Westen Europas heute Zentrum ist, und meint, dieses als Vorrecht zu genießen und es verbrieft zu haben, dann täuscht man sich. Die anderen können es genauso sein. Man kann sich natürlich bemühen, einen auf Leistung gegründeten außergewöhnlichen, zentralen Status zu erreichen. Aber es wird Konkurrenz geben. Und wahrscheinlich muss man diese zentrale Position sogar abgeben. Man muss sich im Westen längerfristig eher auf die Randlage einstellen.
Es ist also zu überlegen, wie es sich in der Randlage trotzdem gut leben lässt. Sich seiner selbst bewusst zu sein, in diesem Fall der kommenden Randlage bewusst zu sein, ist wichtig. Die Randlage hat den Vorteil des Beobachtens von außen. Man kann es mal etwas ruhiger angehen lassen. Man muss nicht mehr hektisch alles mitmachen, was im Zentrum so gespielt wird. Man kann sich auch mit der Randlage anfreunden.
Das mittlere und nördlich-westliche Europa hat sehr schöne Seiten. Es ist hier schön grün, da man ausreichend Regen hat und es gibt Wälder, die man bei weniger Einwohnern noch besser genießen und auch sonst nutzen kann. Man sollte hier endlich mal anfangen, alles richtig zu genießen, was man sowieso schon hat oder kann, seien es schöne Autos, schmucke Häuser, gutes Bier, ein grüner Wald. Genießen sollte man viel mehr, ohne die Arbeit ganz zu vergessen.
Man ist hier wirklich schon reich und muss nur klug weitermachen. Die größte Gefahr besteht darin, unkluge Schritte zu unternehmen. Manchmal ist es besser nichts, als irgend etwas Dummes zu tun. Man lebt gut im Westen. Jeder sollte mal in sich gehen und tief nachdenken darüber, was er gerne tut. Man wird da einiges entdecken. Nicht alles hat dabei mit Geld zu tun.
Randlage wird unser Schicksal sein, es sei denn man zieht dorthin wo mehr los ist. Der Zug zum Mittelmeer hat ja gerade erst begonnen. Der Mittelmeerraum wird zentrale Funktionen dazugewinnen.
Neben der zu wünschenden Genussfreudigkeit sollte das alte, kühle Europa seine produktiven Kapazitäten und Traditionen nicht vergessen. Man ist hier immer Werkstatt gewesen. In den mittleren Breiten ist immer viel produziert worden. Das ist etwas, was man auf jeden Fall in die Zukunft mit hinüber nehmen soll und kann.
Und noch etwas darf man nicht vergessen. Europa hat die Verpflichtung, sich selbst zu einigen. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für die Einigung Eulysiens. Von Europa ausgehend muss die eulysische Einheit starten. Das liegt an der natürlichen Geographie. Europa bildet einen natürlichen Kern Eulysiens. Nur wenn Europa sich eint, kann auch Eulysien gelingen. Nach Süden und Osten ist Eulysien gewissermaßen die Ausweitung Europas. Es wird allerdings die Zentrumsverlagerung ebenfalls ein Stück nach Süden und Osten geben. Dieses wird aber eine moderate Verlagerung sein.
Da das so ist, hängt von Europa sehr viel ab. Von Europa ausgehend kann man mit dem Bau Eulysiens beginnen. Dabei muss Europa besonders weise sein. Vor allem darf kein Verhältnis Herrscher und Beherrschte entstehen. Dann wird es nichts mit der Einheit. Kategorien und Gegenüberstellungen wie Wessi-Ossi, Christen-Moslems, Euros-Nichteuros sind dann eher Zeichen für nichtgelungene Einheit. Und dann muss man überlegen, was man dabei besser machen kann.
8. Lebensader Mittelmeer
Da wir wissen, dass Geographie ein Naturprozess ist, wissen wir auch um die Schwierigkeiten künstlicher Veränderung oder Beschleunigung. Wir können schon froh sein, wenn wir den Gang der Zeit halbwegs verstehen. Dann müssen wir keine zu großen Fehler machen und uns wenigstens nicht schaden.
Es bedarf für Eulysien keiner geplanten Bevölkerungsverlagerung oder dergleichen, wie es Planer früher gerne vorschlugen. Der heutige westeuropäische Bevölkerungsschwerpunkt im Großraum London-Frankfurt-Mailand hat noch längeren Bestand, ebenso die zahlreichen, über Europa verteilten nationalen Metropolgebiete. Darüber muss keiner diskutieren. Man wird hier wie eh und je leben können.
Die sogenannte Post geht aber woanders ab! Wenn das Mittelmeer im Gefolge eulysischer Eintracht eine politisch stabile und ruhige Zone wird, dann wird es aus verschiedenen Gründen der neue Kernraum!
So sind um das Mittelmeer die alten aber vor allem die neuen volkreichen Staaten der gesamten eulysischen Zone gelagert. Spanien, Frankreich, Italien und der Balkan genießen, im Unterschied zu den nördlichen Staaten wie Deutschland, direkten Zugang.
Die nordafrikanische Küste, die Levante und die Türkei ist der erst in den letzten Jahrzehnten volkreich gewordene Teil des eulysischen Raumes. Hier ist im Gefolge des Wachstums der Bevölkerung das Wachstum auf allen Ebenen des menschlichen Lebens zu erwarten. Das soziale und wirtschaftliche Leben am Mittelmeer beginnt zu pulsieren.
Aber damit noch nicht genug. Das Mittelmeer erfährt seine räumliche Erweiterung durch den Bosporus ins Schwarze Meer und durch den Suezkanal ins Rote Meer. Das ergibt die sehr wichtige Anbindung Russlands, der ebenfalls großen Ukraine und der Kaukasusregion. Das Rote Meer ist außerdem die wichtige Seestraße nach China und Indien.
Es ist somit eine Kette von mittelgelagerten Meeren, die die perspektivische eulysische Lebensader bilden. Einerseits Verkehrsader, andererseits warmer, sonniger und wasserreicher menschlicher Lebensraum, das ist die Perspektive des eulysischen Mittelmeerraumes.
Wenn man entscheiden sollte, ob Eulysien eher kontinentalen oder maritimen Charakter hat, musste man bisher Ausgeglichenheit feststellen. Westeuropa war atlantisch, Osteuropa war kontinental und Südeulysien musste erst noch werden.
Mittelmeerisch, mediterran, also zwischen den Landmassen gelegen, wird daher eine Haupteigenschaft Eulysiens sein. Eulysien ist das Wasser und das Land zwischen Afrika und Europa und Asien. Es ist ein Drei-Kontinente-Raum! Man könnte sich daher sogar zu Größerem aufschwingen und sagen, es hat die Potenz, ein besonderes Zentrum der Weltinsel und damit nach Mackinder der Welt zu sein!
Europa liegt ohnehin zwischen den Riesenmassen Afrika und Asien eingekeilt. Mit Russland nach Asien hineinreichend, mit Nordafrika als Südausweitung und mit Zugang über Persischen Golf und Rotem Meer zum Indischen Ozean fällt Eulysien automatisch eine außergewöhnliche Rolle auf der Weltinsel zu.
Das Wasser selbst und das passable Klima sind Gründe für Wachstum am eulysischen Mittelmeer. Schon heute zieht es Leute aus dem Norden zumindest urlaubsweise besonders an die spanischen, jugoslawischen und türkischen Küsten und Inseln. Das ist aber in Spanien erst so, seitdem das Land Mitglied der Europäischen Union wurde. Erst dann, in diesem ruhigen politischen Gebilde der Europäischen Union, kam der Boom dieses von nun an europäischen Binnentourismus.
Das wird bei einer eulysischen Gemeinschaft seine Ausdehnung erfahren. Menschen machen dann nicht nur ein bisschen Urlaub, sondern fangen an, bewusst hier zu leben. Die Mittelmeerzone wird so zum Zuzugsraum. Die Leute kommen aus dem Binnenland der Anrainerstaaten, aber auch aus nördlichen Ländern. Selbst aus dem großen Russland muss man mit einer Südverlagerung Richtung in Schwarzes Meer und in die Mittelmeerzone rechnen.
Insbesondere die südlichen Randstaaten haben noch hohes natürliches Bevölkerungswachstum, was das Gewicht der Mittelmeerzone vor allem erhöht. Diesen Trend verstärkend wirken dann noch interkontinentale Wanderungen. Das erst noch am Anfang des Einwohnerwachstums stehende Schwarzafrika wird massenhaft Menschenmassen in den eulysischen Raum schicken. Nicht alle die wollen, werden hineingelassen. Trotzdem werden viele hier unterkommen. Auch der indische Teilkontinent hat weiterhin großen Menschenüberschuss, von dem ein Teil in Eulysien anlanden wird.


9. Innere Einheit

Wir haben für das Zusammenwachsen Eulysiens drei vorhandene, politisch noch völlig separate Teilräume festgestellt. Das sind West- und Mitteleuropa, Russland und die islamischen Staaten unmittelbar südlich und östlich des Mittelmeers. Diese drei Teile unter einen Hut zu bekommen gilt heute noch allgemein als ein Ding der Unmöglichkeit, sofern die Frage überhaupt gestellt wird.
Normalerweise geht man in Europa von der Selbstständigkeit jedes dieser Teile aus und man sieht hier keine Einheit und auch keine Notwendigkeit dazu. Aus islamischer Sicht ist man da vielleicht weiter, indem man zumindest den Islam auch nach Europa tragen möchte, also auch irgendwie vereinen will, was ja geographisch tatsächlich zusammengehört. Jedenfalls ist hier festzustellen, dass die bisherige europäische Sichtweise falsch ist. Eulysien ist eine natürliche geographische Einheit. Wie im Fall Berlin muss letztlich auch hier zusammenwachsen, was zusammen gehört.
Ob die Menschen diesen Prozess schnell erkennen und verstehen, oder ob sie länger, vielleicht viel länger dafür brauchen, das ändert nichts an dem Fakt. Ein Blick auf die Bevölkerungskarte genügt, um diese Einheit als natürliche Einheit zu erkennen.
Tatsächlich ist die politische Dreiteilung Eulysiens ein Fakt, den man nicht ignorieren kann. Diese Teilung ist aber nicht natürlich, jedenfall nicht mehr heute im Zeitalter moderner Eisenbahnen, Schiffe, Lastkraftwagen, Flugzeuge, Telefon und Internet.
Europa, Islam und Russland liegen viel zu dicht beieinander, als dass sie sich wirklich voneinander abgrenzen könnten. Vielleicht war das schmale Mittelmeer mal eine natürliche Grenze oder auch die Weiten Russlands bildeten Grenzen. Das kann aber bei heutiger Technik und weltweiten kontinentalen und globalen Ökonomien nicht mehr das Kriterium sein.
Die Kriterien der Trennung sind andere. Es sind Vorurteile ethnischer, religiöser und politischer Art. Es sind Bequemlichkeit und Phantasielosigkeit, es ist mangelnder Erneuerungswille.
Das sogenannte alte Europa traut sich nichts mehr zu. Es gibt Heerscharen von Apparaten, die auf allen Seiten eigene kurzsichtige Interessen verfolgen, statt diese interkontinentalen eulysischen Einheit zu befördern, wovon alle Beteiligten am meisten hätten. Die Trennung der drei Teile nicht künstlich durch Religion und Politik aufrecht zu erhalten, das Zusammenwachsen nicht zu behindern, das wird die wahre Weisheit sein. Das Zusammenwachsen kommt sowieso, denn es ist natürlich. Das Trennen dagegen ist als Frevel oder eben nur als schlichte Unwissenheit zu bezeichnen.
Die Einheit der drei Teile kommt. Die Frage wird nur sein, wie viel man für diese kommende Einheit bezahlen muss, ob sie harmonisch zustande kommt oder ob sie gar kriegerisch verläuft und Menschenleben kostet. Die harmonische Variante ist die bessere, was ein Grund für eben diese Ausführungen ist. Es geht hier um die Erkenntnis und um die Projektierung der eulysischen Einheit.
Man kann es im schlimmsten Fall auch pessimistisch sehen. Es kann dann sein, dass die Menschen es nie begreifen. Möglicherweise leben sie auf lange Zeit in ihrer Vergangenheit, nach ihren alten Mustern. Dann setzt sich der europäische Kreislauf aus Kleinstaaterei und Konflikt andauernd fort. Das wäre wirklich sinnlos und nicht wünschenswert.
Die Hauptquellen der Trennung sind schon genannt worden. Wenn man hier konkreter hinschaut, ist das rationale Europa wohl zu Einheit bereit. Wovor man hier Angst hat ist ethnisch-islamische Unterdrückung durch eingewanderte Bevölkerungen. Man will krass formuliert keinen arabisch-sprachigen Islamistenstaat, wenigstens nicht hier bei sich zu Hause.
Das wird ja so nicht kommen. Trotzdem ist die Angst da und auch ein wenig verständlich. Man kennt sich gegenseitig nicht. Man kann hier kein arabisch. Man ist kein Moslem. Man hat eine andere Geschichte. Man hat außerdem den Islam in Verdacht, Abgrenzung zu betreiben.
Für den Westler wirkt die islamische Gesellschaft weiterhin rückständig, nicht zeitgemäß, unpassend, mit zu vielen archaischen Ritualen, nicht vereinigungsfähig. Der Islam wird auch als frauenfeindliche Männergesellschaft wahrgenommen, was teilweise wohl stimmt. Das ist viel zu rückständig und kann in Europa so nicht akzeptiert werden. Nun ja, vieles davon ist heute so. Bloß, sollen alle da stehen bleiben? Muss man nicht lieber vorsichtig auf die Zukunft setzen? Die Welt ändert sich ständig überall.
Für die islamische Welt ist Europa und der Westen zwar ein Ort des Fortschritts, aber nicht in den islamischen Ländern selbst. Hier ist der Westen der, der zuerst unterdrückte und später ausgrenzte.
Sofern man von ihnen überhaupt in Europa Notiz nahm, wurde islamischen Bevölkerungen bisher immer gesagt, dass sie nicht dazugehören. Damit stand ihre Perspektive in den Sternen. Dieses Urteil war hart und unklug, denn es bedeutete wortwörtlich das Stehen am Rand, manchmal am Abgrund. Vor allem wirtschaftliche Zukunft war damit äußerst behindert, schon aus räumlichen, geographischen Gründen. Man war äußerster Rand, ausgegrenzt und ohne Teilhabe. Am Rand ist nie wirklich was los, am Rand ist mehr Niedergang. Die Sackgasse von Terrorismus und religiösem Fundamentalismus gab dann oft die Richtung vor.
Unter eulysischer Perspektive sollten diese Probleme etwas einfacher und aufgelöst werden. Man kann getrost davon sprechen, dass man dazu gehört.
Auf russischer Seite ist es weniger die Religion als der russische Staat, der für die eulysische Sache bisher wenig übrig hatte. Russland war traditioneller Gegner der verschiedenen europäischen Mächte. Von diesem Grundprogramm wegzukommen ist nicht einfach.
Der vor allem militärische Erhalt des russischen Reiches war dort fast immer oberstes Gebot. Man muss hier völlig umprogrammieren. Es liegt nicht nur an Russland selbst. Auch von Westen her hat man Russland nie als echt europäisch gesehen, was es ja auch nicht ist. Russland ist nicht echt europäisch. Echt eulysisch ist es schon!


10. Problematische Grenzen

Politische Grenzen sind so wie sie notwendig ebenso ein Problem. Ihr Problem besteht darin, dass sie ausgrenzen. Ausgrenzung bedeutet gegenseitiges Unverständnis und mündet manchmal in Konflikt bis hin zum Krieg. Konflikt ist in gewissem Rahmen vermeidbar, wenn die Grenzziehung nur so streng wie wirklich nötig erfolgt und nicht mehr.
Man weiß natürlich, dass vieles ohne jegliche Grenzziehung nicht funktioniert. Sofern sich ein Staat oder eine Region organisieren will und muss, kommt es zur Grenzziehung. Es gibt innen und außen. Anders geht es nicht. Anders ist kein Staat zu machen und kein Gemeinwesen zu haben. Ohne diese Organisation versinkt man in Chaos, Unordnung, Tod.
Nur zu viel davon kann man nicht gebrauchen, weil alles in Bewegung ist. Leben ist Bewegung und Starrheit ist letztlich Tod. Es muss also Spielräume geben. Somit ist es ein schmaler Grat und Grenzen sind behutsam zu organisieren.
Offenbar einfacher ist Grenzziehung, wenn die Grenzen auch natürlich-geographische Grenzen sind. Dann muss man nichts mit der üblichen Willkür abgrenzen. Ein Meer oder eine Wüste ist immer von Natur aus eine Grenze gewesen. Bei solchen natürlichen Grenzen entstehen nicht oder weniger die großen Identitätsprobleme.
Wir hatten die klare, glückliche Identität des Staates USA mit seiner scharfen Ozeanbegrenzung bereits erwähnt. Auch Inselstaaten, wie Japan oder Britannien, bauten zu ihrer historischen Zeit ihre Kraft auf eben dieser Inselstellung auf.
Das eh und je stark militarisierte Russland war so sehr militärisch gerade aus dem geographischen Grund der langen Landgrenzen. Es gab die Notwendigkeit, die Inselsituation künstlich herzustellen. Denn benachbarte Völker im Osten fielen gelegentlich ins russische Kerngebiet ein, welches allerdings weit im Westen liegt. Russland versuchte dagegen zu halten mit radikaler Landausdehnung und darauffolgendem militärischem Halten dieser weiten aber äußerst dünn besiedelten Ländereien. Russland ist ein richtiger Spezialist für dünne, großflächige Grenzsiedlung und Grenzwüstung. Gerade das war auch immer Russlands großes Problem und führte oft zum Disaster.
China ist viel konzentrierter als Russland, vor allem wenn man die Menschenmasse im dichten östlichen Teil betrachtet. Es hat aber ähnliche Problem der Abgrenzung, und zwar nach Norden und Westen. Hier wurde es auch immer mal wieder militärisch aktiv. Von hier wurde es auch selbst zum Opfer fremder Stämme. Mit dem Himalaja hat es eine halbwegs ordentliche natürliche Grenze gegenüber Indien und im Osten liegt zum Glück ein Ozean.
Auch das alte Europa ist gar nicht mal so schlecht abgegrenzt, wenn man es denn dabei belässt. Nach Nordwesten ist alles klar, sofern England nicht Teil Amerikas oder seines Commonwealth sein will. Im Osten fangen die Probleme aber schon an. In Osteuropa gibt es das ewige politische Hin und Her, weil Russland dummerweise immer außen stand. So gibt es die Grenze mitten durch und die armen Menschen im Osten Europas müssen alle paar Jahrzehnte ihre politische Identität und Gesinnung wechseln, eingeschlossen die üblichen sich anschließenden politischen Benachteiligungen und Verfolgungen. Gelernte Ostdeutsche wissen wovon wir sprechen.
Die natürliche Grenze von Westeuropa nach Russland sind vielleicht die im Osten beginnenden Weiten. Aber an sich gibt es diese natürliche Grenze nicht, weil Moskau viel zu dicht an Kerneuropa grenzt und in der nordöstlichen Weite ansonsten allein steht. Zunehmende moderne Verkehrsmittel machen eine Grenzziehung durch Osteuropa immer mehr zur Farce.
Das Mittelmeer als Grenze wird erst neuerdings als Problem identifizierbar. Schließlich ist es kein Ozean, sondern ein ziemlich abgeschlossener, schmaler Streifen Binnenmeer.
Das Neue sind die Veränderungen am südlichen und östlichen Rand des Mittelmeeres. Der wichtigste Faktor ist die Demographie dieser Region. Diese Staaten haben das starke, offenbar gesetzmäßige Wachstum ihrer Bevölkerungszahlen erst jüngst realisiert. Europa hatte es schon 50 bis 100 Jahre früher. Diese Staaten bekommen erst jetzt ihr potentielles politisches Gewicht. Damit verbunden ist die starke religiöse, islamische Erweckung. Diese ist selbst vor Ort gewachsen aber auch ein Reflex auf westliche Vorurteile und westliche Herrschaft. Außerdem hat der Raum die großen Ölvorräte, die seit 50 Jahren so wichtig sind.
Kann das schmale Mittelmeer die Grenze zwischen diesen beiden schweren Gewichten sein? Kann eine scharfe Grenze sein zwischen Europa im Norden und dem islamischen Siedlungsstreifen im nahen Süden? Geht eine solche Grenze?
Nun, kurz und deutlich sei folgendes gesagt. Das Mittelmeer kann keine gute Grenze sein. Es ist ganz einfach zu schmal zur Abschottung dieser jetzt beiderseits dicht besiedelten Räume. Dass es eine gute Einheit durch beide Seiten des Mittelmeeres geben wird, ist nicht garantiert, aber man kann dafür arbeiten. Die natürliche Geographie ändern kann man aber nicht. Eine vernünftige Grenze kann dieses schmale Meer nicht sein. Man kann es nicht breiter machen. Es ist wie es ist. Es gibt den Weg der Abgrenzung durch das Mittelmeer nicht. Da das Mittelmeer eine schlechte Grenze ist, müssen wir dafür sorgen, dass auch hier zusammenwächst, was nicht auseinander gehört.
An dieser Stelle sei nochmals die Karte der USA und ihre klare räumliche Identität bemüht. Vergleicht man beide Situationen fällt das europäische Mittelmeer als Grenze aus. Das schmale Mittelmeer lässt sich als Abgrenzung nicht halten. Es ist zu schmal, um die jetzt beiderseitigen dichten Bevölkerungen zu trennen. Das ergibt notwendig und zwangsläufig längerfristige Gemeinsamkeit rund um das Mittelmeer.
Die Sahara im Süden der islamischen Staaten ist eine deutlich breitere Grenze und mindestens ebenso schwer überwindbar, wie das Mittelmeer. Die Sahara, das Sandmeer, ist eine stärkere natürliche Grenze. Südlich davon liegt außerdem das eigentliche Afrika. Das ist schon viel weiter weg und muss gezwungenermaßen, schon aus seiner Größe, Eigenständigkeit und Eigenart heraus irgendwann seinen eigenen Kern bilden. Schwarzafrika kann nicht mehr Eulysien sein. Eulysien ist das große Reich im Nordwesten der Weltinsel.
Der Sonderfall Türkei kann ein erster Schritt sein zur eulysischen Einheit. Wenn es die Türkei in der Europäischen Union gibt, warum dann nicht auch Marokko, oder der sizilianische Nachbar Tunesien, oder Syrien? Da ist doch dann kein großer Unterschied mehr. Und so käme ein Land nach dem anderen hinzu.
Die russischen Weiten sind durch die reine Ausdehnung als solches eine Art Grenze. Die dünne Besiedlung zeigt, dass dort selbst kein Kern ist. Es ist immer nur Rand.
Die Weite war immer Rand für das Zentrum um Moskau, der militärisch stabilisiert wurde. Dieser Rand war von Natur aus da. Diese Weite wird ebenso Rand für Eulysien sein, der wiederum zu stabilisieren sein wird. Dies muss aus ähnlichem Grund wie bei den Russen geschehen. Man versucht, sein Gelände zu arrondieren und natürliche, also gute Grenzen zu halten und zu schützen.
Die russischen Weiten sind Grenzen der besonderen Art. Sie sind nicht einfach eine Grenzlinie. Sie sind ein sehr breiter Saum, der hunderte und tausende Kilometer breit sein kann. Außerdem sind es nicht notwendig reine Wüsten. Es leben in diesem Saum vereinzelt Menschen. Es kann auch ein gewisses Wirtschaftsleben hier geben. Starke Zentrenbildung ist hier aber schwierig und nicht unbedingt förderwürdig, weil es zu teuer ist. Daran sind schon die Sowjetrussen höchstselbst gescheitert. Es war ein riesengroßes Fass ohne Boden, man denke nur an notwendige Straßen und Schienen unter oft schwierigen Klimaverhältnissen. Auch kann man nicht alles verfallen lassen, denkt man an die dortigen Bewohner. Man kann aber nur so weit entwickeln und zivilisieren, wie es einem noch möglich ist und vor allem bezahlbar bleibt. Diese dünn besiedelten russischen Weiten bilden trotzdem eine brauchbare, wenn auch nicht ganz einfache Grenze.
Ob sich allerdings alle jetzigen russischen Ränder, man denke an den Fernen Osten mit wachsendem ostasiatischem Einfluss oder den islamischen Süden, in der heutigen Form halten lassen oder sinnvoll sind, wird zu hinterfragen sein. Die russisch-islamische Grenze könnte bei eulysischer Einheit von selbst ihre negative Rolle verlieren. Die russisch-chinesische Grenze wird dagegen auf lange Zeit eine solche bleiben.
Das russische Modell des Haltens der weiten Grenzsäume ist insgesamt jedenfalls logisch. Was sollte man sonst mit den Gegenden tun?
Fehlerhaft angewendet haben die Russen dieses Modell nur, als sie versuchten mit der gleichen Methode das dicht besiedelte Mitteleuropa zu beherrschen. Dort konnte es natürlich nicht funktionieren. Statt Grenzziehung hätten sie hier schon damals versuchen müssen, dazu zu gehören! Erst Gorbatschow hat das erkannt mit seinem Slogan vom Europäischen Haus.
Wirklich problematische Grenzen Eulysiens sind der Übergang von Iran nach Indien und von Ägypten durch das Niltal nach Süden. Wie verhält man sich bei so punktuellen aber problematischen, weil beiderseits recht dicht besiedelten Grenzen, die nicht oder nur sehr schwach als natürliche Grenzen gelten können? Das muss man sich auf jeden Fall genauer ansehen.
Beim Iran funktioniert es noch besser, weil Richtung Indien mittelgroße Wüsten liegen, die natürliche Abgrenzung erzeugen. Auch die zentrale Religion Indiens ist eine deutlich andere und grenzt somit ab. Andererseits ist die Nachbarschaft viel dichter als beiderseits der Sahara. Es gibt durch Nähe immer viel mehr Verwandtschaft zwischen den Völkern. Ein Teil des indischen Kulturkreises, insbesondere Pakistan, hat mit dem Islam die gleiche Religion wie Iran. Starre Abgrenzung zwischen Eulysien und Indien birgt an dieser Stelle also Probleme und ist nur bedingt sinnvoll. Man braucht an solchen Stellen sehr viel Fingerspitzengefühl für die Probleme der dortigen Bewohner. Das leidgeprüfte Afghanistan liegt nicht ohne Grund gerade in dieser unklaren Weltgegend. Sicherheitshalber sei noch mal festgehalten, dass Pakistan nicht mehr zu Eulysien gehört, sondern unlöslich und auf Gedeih und Verderb mit Indien verbunden ist.
Schwierig stellt sich auch die Zuordnung der nördlich der großen asiatischen Gebirge wohnenden Menschen, zum Beispiel der Usbeken, dar. Die größte räumliche Nähe gibt es zu Indien. Sie liegen von uns aus gesehen auch hinter den Wüsten. Ob sie aber zu Indien gehören wollen, wissen wir nicht. Es ist eine Frage, die an dieser Stelle vorläufig beiseite gelassen werden soll, weil sie hier einfach nicht geklärt werden kann.
Ebenfalls schwierig ist es, eine Grenze rechtwinklig zum Niltal zu ziehen. Schließlich ist dieser Fluss über mehrere hundert Kilometer Verbindungsader und Lebensraum in Richtung Nord-Süd an dieser Stelle. Es schließen sich nach Süden volkreiche Übergänge, zum Beispiel Äthiopien, nach Schwarzafrika an. Grenzziehung wird hier also ein Problem bleiben.
Weiterhin zu bedenken und recht schwierig und unklar ist der Status des großen Wüstenstaates Saudi-Arabien mit noch bescheidener Einwohnerzahl aber durch Mekka mit starkem religiösen Führungsanspruch, der nicht zuletzt auf außerordentlichem Ölreichtum beruht. Ohne diese Besonderheiten ist Saudi-Arabien, als östliche Ausweitung der Sahara, auf jeden Fall Teil der Grenze. Das heißt, man kann hier den äußeren Rand Eulysiens sehen. Nach Süden hin sind aber auch andere Einflüsse, also indische und schwarzafrikanische, denkbar.
Abschließend bleibt wiederholt festzustellen, dass Grenzen ein notwendiges Übel sind und dass natürliche Grenzen immer noch die besten Grenzen sind. Wenn die natürlichen Grenzen nicht perfekt sind, wird es da und dort Problemstellen geben. Damit muss man dann leben.
Ganz wichtig ist es aber, die aktuell richtigen natürlichen Grenzen der Kulturen und Völker erst mal zu erkennen.
Wir sprachen am Anfang vom Prototyp USA als erfolgreiches aktuelles staatliches Größenmodell. Dem müssen wir gerecht werden. Niemand wird heute darauf kommen, zwischen Deutschland, Frankreich oder Belgien scharfe, undurchlässige Grenzen ziehen zu wollen. Das war früher mal. Heute ist es obsolet. Diese Kleinstaaterei passt nicht mehr, sie funktioniert nicht. Man könnte mit solchen Grenzen nicht mehr sinnvoll leben.
Aber nun wird sogar das Mittelmeer als starre Grenze zunehmend fraglich. Letztlich muss man Entscheidungen treffen. Und so steht hier eine klare Entscheidung an. Selbst wenn das hier eine Wiederholung ist, sei es wegen der Wichtigkeit noch mal festgestellt.
Die Frage lautet einfach, ob das Mittelmeer eine heutzutage angemessene Grenze ist, oder ob es demgegenüber eher die Sahara ist. Und da die Frage so steht, muss es eine klare Antwort geben. Diese Antwort lautet, dass es heute die Sahara als die bestimmende natürliche Grenze im Süden gibt. Das wird erkennen, wer sich die Geographie dieser Gegenden in einem normalen Atlas etwas genauer ansieht. Trotz aller Unterschiede gehört die arabische Welt heute räumlich und auch kulturell eher mit Europa zusammen, als mit Schwarzafrika. Das heisst, das Mittelmeer kann hier nicht die Grenze sein. Es muss die Sahara sein.
Ebenso kann auch Osteuropa nicht länger als Grenze herhalten, denn die Grenze verläuft jenseits davon. Moskau liegt innerhalb und nicht außerhalb unseres Erdkreises.
Wo heute und ein Stück in die Zukunft hinein die wichtigen Grenzen unserer Weltgegend liegen, ist somit formuliert worden. Für diese auch durch ihre Grenzen bestimmte Einheit wurde der Begriff Eulysien geprägt.


11. Die Sache beim Namen nennen

Wir wissen, dass die Einheit Europas und ebenso Eulysiens eine sinnvolle, aber keine einfache Sache ist. All die großen und weniger großen Völkerschaften finden nur sehr schwer zu einer gemeinsamen Identität. Das beginnt bei einer fehlenden gemeinsamen Sprache und endet bei Handlungsunfähigkeit in politischen Fragen.
Es gibt aber einen Vorteil Eulysiens gegenüber Europa diesbezüglich. Eulysien bedeutet Perspektive, denn es hat bessere natürliche und auf die heutige Zeit passende Grenzen. Bei Europa stand immer die Frage nach seiner Ausdehnung. Eulysien kennt diese Frage so nicht, da es bessere Ränder hat. Jenseits Eulysiens gibt es China, Indien, Schwarzafrika und Amerika. Damit ist Eulysien klar konfiguriert. Man muss sich so über die äußere Gestalt keine großen Gedanken mehr machen.
Damit gibt es ein früher so ernstes Grundproblem nicht mehr. Es gibt in dieser Weltgegend eine natürliche Einheit mit der man auf lange Sicht gut leben kann.
Diese Einheit und die Erkenntnis darüber müssen wir als Glücksfall betrachten. Oft sorgen unklare Grenzen für dauerndes Chaos, mit Krieg und allgemeinem Wirrwarr und ökonomischer Unfähigkeit. Klare Grenzen sind dagegen der Glücksfall, der Stabilität bringt. Sie machen ein ruhiges und gutes Leben erst möglich.
Sind die äußeren Grenzen klar, so sind die inneren nicht automatisch beseitigt. Man denke daran, was zwischen Franzosen und Deutschen, Polen und Deutschen, Kroaten und Serben im 20. Jahrhundert so alles passiert ist. Es gab viel Schreckliches und eine Annäherung erfolgt nur ganz allmählich und über ewig lange Zeiträume. Aber wir haben ja Zeit, da wir von langfristiger, natürlich bedingter Stabilität Eulysiens ausgehen können.
Bisher sind nationale Identitäten in Europa jedenfalls bestehen geblieben. Ob das gut oder schlecht ist, wollen wir gar nicht beurteilen. Warum soll es schlecht sein, ein guter Franzose, Pole oder Deutscher zu sein? Wichtig ist nur, dass auch die räumlich höherrangige Identität ausreichend bedacht wird.
Mit Eulysien kommt Identität und Finalität. Eulysien hat die Chance, ins Unterbewusstsein zu sickern. Eulysien ist der auf Dauer passende geographische Rahmen für uns. So wie man in der Mitte Europas noch keine volle gemeinsame Identität gefunden hat, so schwierig wird es sein, die großen Kulturen Eulysiens zu vereinen. Es lassen sich grob die drei genannten Hauptkulturen in Eulysien lokalisieren. Das ist das alte Europa, der östliche russische Kern großräumig um Moskau und der mittelmeerische, süd-südöstliche islamische Großraum. Die Vereinigung dieser drei wurde, trotz ihrer relativen Nähe, bisher selten versucht. Rom hatte diese Einheit zum Teil, zerfiel aber letztlich in das westliche und das östliche Reich. Napoleon schnupperte an dieser Einheit, indem er nach Ägypten und nach Russland zog und ist gescheitert. Der letzte Versuch der Vereinigung der drei Teile war der Hitlersche. In der Methode barbarisch und im Antrieb irrsinnig musste das schief gehen. Der tobsüchtige Hitler war keineswegs Schöpfer eines europäischen oder eulysischen Gedankens. Immerhin schwamm er in großdeutscher, provinzieller Ausprägung als einer der ersten auf einer Welle, die bereits damals in diese Vereinigungsrichtung wies.
Im öffentlichen Bewusstsein heute steht die Vereinigung der drei Teile noch nicht an. Man redet viel über die Europäische Union, aber weder Russland, noch Nordafrika sieht man als Teil davon. Wie soll das auch gehen, wenn der Name Europa dafür nicht taugt. Wir brauchen also dieses Wort, diesen Titel Eulysien. Dieses Wort, dieser Slogan ist wohl das wichtigste Momentum. Wir brauchen den Namen des Objekts. Vom Namen Eulysien müssen wir starten. Eulysien wird erst mal ein zartes Kindchen sein. Dieses Kind kann beim Zusammenprall der drei großen Teilkulturen schnell verletzt oder gar zertreten werden. Bis ein neues Kind geboren ist, kann das wieder ewig dauern. Die Verletzung des Kindes Eulysien muss also vermieden werden. Das Kind Eulysien muss gehütet werden.
Der Name Eulysien muss sich herumsprechen. Das Objekt ist da und der Name ist da. Indem der Name zu einer Selbstverständlichkeit wird, nimmt die Entwicklung ihren weiteren natürlichen Verlauf.


12. Grad und Zeitrahmen der Einheit

Wie weit kann und will man in Eulysien überhaupt zusammenwachsen? Diese Frage stand beim Thema Europa bereits. Auch dort ist sie lange nicht perfekt gelöst. Man ist weit gekommen in Sachen Tourismus, Güterbewegung, gemeinsamer Währung, sogar im Sport. Dagegen haben die Arbeits- und Sozialsysteme, das Militär, die Medien, die Sprache, das Nationalgefühl, die Gesamtregierung wenig gegenseitige Zugänglichkeit erreicht.
Dort klemmt es, so dass ein großer Nationalstaat vom Typ USA hier noch in der Ferne liegt. Dieses große Einheitsgefühl fehlt noch. Man ist noch nicht zuerst Europäer.
Andererseits hat Vielfalt ihre Vorzüge. Es ist nicht alles stupide standardisiert. Es wächst auch immer mal wieder etwas Eigenes. Es ist einfach mehr Leben drin. Das ist angenehm, gut und spannend. Ob dieses Mehr an Leben die Nachteile der ineffizienten Ökonomien zersplitterter Strukturen wettmacht bleibt zu fragen. Ganz uneffektiv wird es, wenn alle diese kleineren Leben und Einheiten in blanken Egoismus zerfallen und jeder nur an sich denkt und auf Kosten der anderen leben will. Das war der von früher bekannte kriegerische europäische Dauerzustand, den wir so nicht mehr wollen. Der Vorteil der Einheit ist da. Nur wie weit sie geht ist eine Frage.
Die Europäische Union war rein wirtschaftlich für die beteiligten Länder ein großer Erfolg. Es gibt die gegenseitig verflochtenen Märkte und großen Unternehmungen. Und die EU als Ganzes ist eine beträchtliche wirtschaftliche Macht. Das kann im Fall Eulysien ähnlich funktionieren. Es kann sogar besser werden. Eulysien kann sich so weit verflechten, dass es als Einheit zum Wohl seiner Bürger handlungsfähig ist. Wie das im Detail aussieht, darüber wird es vielfältige Bearbeitungen geben. Wir befinden uns in einem Prozess, der nur als sehr langfristiger Prozess zu verstehen ist.
Es gibt verschiedene Wege, wie es organisatorisch zur Einheit Eulysiens kommt. Jede Teilregion könnte da ihre eigenen Vorstellungen haben. Der russische Teilraum scheint der zur Zeit am wenigsten ambitionierte zu sein. Der islamische Teilraum wird vielleicht den Weg über seine Religion wählen wollen. Das wird aber nicht den im Kern rationalen Ambitionen des Vorhabens gerecht.
Eulysien ist mehr ein mathematisches Problem, denn ein religiöses. Das Prinzip Eulysien basiert auf räumlicher Nachbarschaft. Man bildet eine Einheit, weil man eine zu anderen Gegenden natürlich abgegrenzte Gegend gemeinsam bewohnt. Wegen der Nähe kann man sich Gegnerschaft nicht leisten. Man muss gemeinsam das Beste aus der Situation machen. Statt Gegnerschaft zu kultivieren, ist der einzige Weg, gemeinsame Möglichkeiten zu nutzen. Nie und nirgends hat es anders gut funktioniert. Eulysien ist rational.
Für Europäer bietet sich die Fortschreibung des europäischen Wachstumsmodells an. Ausgehend vom nordwestlichen europäischen Kern war bis jetzt die Erweiterung der europäischen Union immer noch ein Erfolgsfall. Wenn man Spanien erfolgreich integriert hat, warum dann nicht auch Marokko? Wenn Griechenland mit dabei ist, warum dann nicht die Türkei? Und die Türkei ist fußballerisch und touristisch schon fast integriert, warum dann nicht noch der Iran?
Diese Fragen wurden bereits weiter oben gestellt. Die jetzige Frage ist die nach dem Ablauf des Prozesses. Wo man aufhören muss weiß man schon, nämlich an den Grenzwüsten. Wo und wie man anfängt, das ist eine Frage. Und da hat man schon die ersten Gelegenheiten verpasst. Marokko hat sich mal um Mitgliedschaft in der EU beworben und wurde abgelehnt. Das hätte man so einfach nicht machen müssen. Es macht uns das Leben in Zukunft nicht leichter. Man sollte diese Entscheidung überdenken und wieder auf die Tagesordnung setzen. Mit der Türkei verhandelt man ja wenigstens noch. Und eine sogenannte Mittemeerpartnerschaft gibt es auch.
Man hat in Europa wahrlich genug zu tun. Man will die osteuropäischen Staaten integrieren. Das ist eine wirklich schwierige Aufgabe, die ihre Zeit dauert. Es geht hierbei immer um Jahrzehnte. Und dann ist da noch das riesige Russland, welches ebenfalls mit hineingehört, jedoch noch völlig draußen vor ist. Auch das dauert wieder Jahrzehnte. Hoffentlich wird man im Süden und Osten nicht die Geduld verlieren. Man wird hier also beschleunigen müssen. Man wird beginnen müssen, schon jetzt organisatorische Elemente der kommenden eulysischen Gemeinschaft ins Leben zu rufen und zu institutionalisieren. Ein brauchbarer Standort für solche Institutionen wäre übrigens der Großraum Balkan. An das Mittelmeer und weiter nach Osten wird sich schließlich der Schwerpunkt dieser neuen Einheit bewegen.
Von Europa aus muss dieser Prozess unterstützt werden, weil es in Europas eigenem Interesse ist. Auch wenn der europäische Nordwesten nicht mehr das Zentrum bleibt, wird man von eulysischer Einheit profitieren und man hat auch gar keine bessere Wahl.
Was kann man heute tun, um diese Dinge zu verbessern und voran zu treiben? Das Wichtigste scheint das Zusammenwachsen ohne Streit und Zank zu sein. Es darf nicht zum culture clash kommen. Ein Zusammenprallen Europas und der islamischen Staaten muss verhindert werden. Von Europa aus gesehen ist es sinnvoll, geziehlt Annäherung zu schaffen. Marokko oder Algerien im Westen und die Türkei im Osten sollten mit einbezogen werden in die europäische Erweiterung, die damit schon in die eulysische Entwicklung übergeht. Diese Aufnahmen verdienen eine gesonderte Behandlung. Jedoch sei darauf verwiesen, dass damit noch nicht Schluss ist. Der große Rest am südlichen Mittelmeer muss folgen. Und die Abrundung nach Osten hin darf dann nicht fehlen.
Das kann nicht mehr nur von Brüssel oder Straßbourg aus geschehen. Zumindest teilweise müssten zentrale Gestaltungskompetenzen in diese volkreiche südöstliche Region verlagert werden. Da kann der Standortvorschlag Balkan nur noch mal erwähnt und betont werden. Diese Gegend wäre ein sehr guter Standort für die Präsentation der mehr östlich und südlich gelagerten eulysischen Einheit. Der Standort könnte ein neuerliches Auseinanderklaffen in eine Art west- und oströmisches Reich verhindern. Mit der öströmischen Hauptstadt Byzanz war man, man erinnert sich, nicht dauerhaft gut gefahren. Das Reich zerfiel in zwei Teile, der Osten wurde später von den Osmanen überrannt.
Der Balkan dagegen könnten gerade noch so als europäische Fortschreibung anerkannt werden, was man aus islamischer und orthodoxer Sicht genauso feststellen könnte. Schon der Große Alexander versuchte von hier aus die europäisch-asiatische Einheit.
Wird Eulysien ein Staat oder nur eine lockere Verbindung von Staaten? Nun, wenn es was entscheiden soll, muss es eben einige staatliche Funktionen tragen. Irgendwann werden die Bürger wahrnehmen, dass Eulysien lebt und dass sie Eulysien brauchen. Sie werden erkennen, dass Europa nicht der letzte Schluss sein kann. Sie werden andererseits auch erkennen, dass der Islam nicht das natürliche Ende ist. Dann werden sie Eulysien von selbst die Funktionen geben, die es braucht um zu funktionieren.
Die große eine Weltgesellschaft haben wir so schnell noch nicht. Es gibt mehrere große Kulturen und Erdreiche. So lange muss auch Eulysien sich selbst als Einheit wahrnehmen und sich danach organisieren.
Atatürk hat zu seiner Zeit die Türkei nach ähnlichem Muster, eben nur kleiner, gegründet. Die Hauptstadt legte er ins Zentrum seines Landes und er hat eine brauchbare nationale Einheit geschaffen. Das ging damals völlig in Ordnung. Heute wissen wir, dass die Einheit solchen Größentyps mittlerweile zu klein ist, aber die Art und Weise war in Ordnung.
Es kommen in unserer Weltgegend heute nur zwei Hauptvarianten räumlicher Existenz in Frage. Einmal gibt es Europa, den Islam und Russland jeweils eigenständig, oder andererseits gibt es alle drei Teile als Einheit, als Eulysien.
Es funktioniert langfristig de facto nur die Variante Eulysien, weil die Teilreiche sich zu sehr aneinander scheuern. Es ist ein geschlossener gemeinsamer Lebensraum. Das zeigt uns eine einfache Bevölkerungskarte.
Wenn man sich absichtlich voneinander fernhält, wird das nicht helfen. Man wird dann wahrscheinlich trotzdem in Konflikt geraten. Weltkriege und Nahostkriege zeigten es. Letztlich folgt aber auch dann das was überall gilt, dass nämlich zusammenwächst, was zusammen gehört.
Welche Institutionen können es sein, die Eulysien auf die Beine helfen? Da ist das Wort helfen schon mal nicht so schlecht. So könnte man in Europa mal fragen, was man für die Bildung der Kinder in zum Beispiel Algerien tun kann. Die Bildung der Kinder am südlichen Mittelmeer ist ein Problem, das gerade heute wichtig ist. Und man sollte dann etwas dafür tun.
Es geht um Interessenvertretung. Will man erst mal ein Büro für eulysische Freiheit gründen, oder etwas für die Kultur, die Medien oder für wirtschaftliche Projekte tun? Oder will man gar schon einen Präsidenten in direkter Wahl wählen? Letzteres wird sicher notwendig werden. Nur, getraut hat man sich das selbst bei Europa noch nicht. Die Macht liegt noch bei den alten Nationalstaaten.
Hierzu also ein Vorschlag. Irgendwann muss es diese demokratische Präsidentenwahl geben. Und ohne direkte Demokratie läuft hier gar nichts. Seine genauen Machtbefugnisse sind noch im Detail auszuhandeln. Der Präsident wird Pflichten haben. Dazu braucht er Rechte. Diese werden die Nationalstaaten ihm abgeben müssen. Man sollte die alten Nationalstaaten aber nicht überstrapazieren. Schließlich haben sie ihre eigenen Verfassungen und eigene Rechte zu vertreten. Der Präsident, wenn er dann in Griechenland oder Serbien residiert, wird für eulysisches Recht arbeiten müssen. Er ist ein Interessenvertreter. Er sorgt sich für die Entwicklung Eulysiens insgesamt, also auch für jedes seiner Teile. Zugleich ist er Repräsentant und Symbolfigur und Beschwörer von Einheit.
Hinsichtlich des Zeitrahmens ist folgendes zu sagen. Sowie sich die eulysische Idee verbreitet, ist der Zeitrahmen nicht mehr ganz so wichtig. So wie Eulysien ins allgemeine Bewusstsein tritt, ist der Horizont abgesteckt, ist der Prozess in Gang gesetzt. Die Institutionalisierung ist ein andauernder Prozess, fortlaufende Verbesserung ist möglich.
Zeitlich geht es bei diesem Prozess immer um Jahrzehnte. Die Sache muss nach menschlichem Lebensmaß trotzdem zeitlich überschaubar sein. Das heißt im Laufe der Jahrzehnte müssen schon immer mal ein paar Fortschritte erkennbar werden. Alle Eulysier müssen zunehmend teilhaben an den Vorzügen dieser Einheit. Die Nachteile, die es bei jeder Einführungsphase gibt, sollte man möglichst klein halten. Ein gewisser Wertekatalog wäre zum Start sicher angebracht. Das wäre ja auch eine Art Verfassung. Das müsste einer der nächsten Schritte sein auf dem Weg nach Eulysien. Wer dieses hier liest und Zeit hat, könnte sich also hinsetzen und damit anfangen, solch eine eulysische Verfassung zu formulieren. Aber bitte kurz halten.


13. Der Kern Eulysiens

Dadurch, dass Eulysien die Einheit und Konzentration auf sich selbst anstrebt, kann es sogar als besonderes Weltzentrum Bedeutung erlangen. Es wird von der Fläche und Bevölkerung größer sein, als alle anderen derzeitigen Machtpole. Eulysien liegt als einziges Zentrum auf der Schnittstelle der großen Landmassen der Weltinsel. Afrika, Europa und Asien bilden die Standbeine. Eulysien hat die natürliche Potenz, und auch die Pflicht, ein wichtiges Zentrum dieser Welt zu werden. Wir können hier von Pflicht sprechen, denn alles andere, als seine natürliche Rolle wahrzunehmen ist nicht vernünftig.
Der Schwerpunkt und der Kern Eulysiens liegt weiter im Süden und Osten als wir das von Europa her kennen. Von Osten her gehört der russische Großraum mit hinein. Demographisch viel dynamischer und schwergewichtiger ist heutzutage aber die Süd- und Ostküste des Mittelmeeres. Es gibt hier jetzt mehrere Staaten mit Einwohnerzahlen zwischen 30 und 70 Millionen, die auch weiterhin noch etwas wachsen. Ägypten, Türkei, Iran und selbst Algerien werden zu demographischen Schwergewichten. Sie sprengen damit die Dimensionen der traditionellen europäischen Großmächte. In ihrer Wirtschaftskraft sind sie heute noch recht bescheiden. In einigen Jahren und Jahrzehnten wird das anders sein.
Dieser Schwerpunktverlagerung nach Süden und Osten muss man mit der Standortwahl eulysischer Institutionen irgendwann Rechnung tragen. Es geht nicht um Komplettverlagerung Brüsseler und Straßburger Kompetenzen, aber Berücksichtigung muss dieser südöstliche Schwerpunkt schließlich finden. Brüssel und Straßburg liegen am nordwestlichen Rand und sind somit keine gute Alleinvertretung Eulysiens. Eine Hauptstadtlage am Mittelmeer wäre da mit Sicherheit viel günstiger. Damit muss und könnte der zunehmenden Zahl schwergewichtiger Mittelmeeranrainer Rechnung getragen werden.
Einen Touch nach Osten muss diese Standortwahl ebenfalls aufnehmen. Und damit wird die Zahl der Kandidaten für eine Hauptstadt schon kleiner sein. Bedenkt man, dass das alte Europa, auch als vorteilhafter Siedlungs- und Wirtschaftsraum, natürlich sehr wichtig bleibt, wird die Standortwahl auf die Nordküste des Mittelmeeres weiter eingegrenzt.
Somit sind wir sehr schnell beim Ergebnis einer Standortsuche. Es sollte sich bei der Hauptstadtwahl im weiteren Sinne um griechisch-balkanische Orte für die neuen eulysischen Institutionen handeln. Dem Großraum Griechenland-Balkan könnte man langfristig den Hauptstadtstandort zusprechen, weil es dem weiten östlichen Anspruch, der schließlich auch Russland und Iran noch umfasst, am ehesten gerecht werden kann. Wir müssen daran denken, dass der Schwerpunkt Eulysiens kontinentaler, südlicher und östlicher ist. Beidem wird vor allem der Großraum Balkan gerecht. Er liegt weitestgehend zentral in Eulysien und hat gute Eigenschaften, die drei Welten aus West, Ost und Süd zu vereinen. Griechenland ist Mitglied der alten westlichen Welt. Es ist aber auch traditionell byzantinisch, orthodox und damit östlich. Gleichzeitig ist es einer der ersten Anlaufpunkte, wenn man über das Meer von Süden und Südosten kommt. Denken wir an diese potentielle Hauptsstadt, sollten wir auch die alten großen Werte und Traditionen der Gegend nicht vergessen, wie frühe Hochkultur und Demokratie, die als Vorbild immer wieder für Fortschritt sorgten. Heute gibt es dort angenehmes, gelassenes Leben, Wein, Blaues Meer. Auch das sind Merkmale, an die man bei dieser Gegend gerne denkt und die Eulysien nicht schaden werden.
Aber ganz so einfach ist es mit der neuen Hauptstadt nicht. Bei solcher Hauptstadt geht es nicht um das Zentrum irgend einer kleinen Provinz, sondern ganz Eulysien soll hier vertreten sein. Man muss daher deutlich größer als sonst üblich planen. Wenn man über diesen neuen Kern und eine Hauptstadt beratschlagt, muss man längerfristig notwendigerweise die Dimension New York-Washington und größer in Betracht ziehen. Für solch ein gigantisches Projekt ist die stark besiedelte, schmale Küste von Adria und Ägäis mit Sicherheit zu knapp bemessen.
Das griechische Küstenhinterland wird rasch gebirgig. Diese Gebirge sind relativ hoch und auch in der Flächenausdehnung gewaltig. Sie gehören physisch-geographisch zum Kern dessen, was man weltweit als Balkanhalbinsel kennt. Schon zur Römerzeit wurde dieser Balkan zum Grenzgebiet, was eben auch mit dieser Gebirgsnatur zu tun hat. Wüsten, Gebirge und Meere bilden schließlich gute natürliche Grenzen. So war allein das Vorhandensein dieser Balkangebirge offenbar ein natürlicher Grund für den Zerfall Roms in das Weströmische und Oströmische Reich!
Heute ist der Balkan als Kulturgrenze natürlich nicht mehr ausreichend. Eulysien lässt sich nicht am vergleichsweise kleinen Balkan trennen. Das einzige Problem, welches hier und jetzt besteht, ist, dass dort wo die Balkanischen Gebirge liegen eigentlich die Eulysische Hauptstadt hingehört.
Der Balkan als Ganzes bildet den Mittelpunkt und Kern Eulysiens. Das zeigt uns die Karte. Griechenland gehört zu diesem Kern. Es reicht mit seinen schmalen Küstenländern aber nicht aus als Kern Eulysiens. Dieser Kern muss von der Grundanlage her größer sein. Es wird hier Platz benötigt für die neue Hauptstadt, die ähnlich anderer großer Hauptstädte völlig neu geplant werden muss. Außerdem braucht man Platz für all das Volk, das sich erfahrungsgemäß in solch einem Zentralraum ansiedeln wird. Also sollte man versuchen, diesen Zentralraum Eulysiens unter Bewahrung der vorhandenen Kultur und Natur so großzügig wie möglich zu planen.
Man sollte den Balkan als Gesamtprojekt verstehen. Die Küste, aber auch das Hinterland im Gebirge kann man dann nutzen, sofern es Natur und Technik erlauben. Transporttechnisch sollte es hier verschiedene große Anschlusshäfen an das Mittelmeer sowohl östlich als auch westlich der Balkanhalbinsel geben. Nach Nordwesten, Nordosten und Osten sind Schienen- und Straßenwege ebenfalls sehr wichtig und müssen großzügig entwickelt werden.
Wo die eigentliche Hauptstadt dann gebaut werden soll, ob vielleicht in Mazedonien oder vielleicht schon in Serbien oder sonst irgendwo in dieser Gegend, das wird dann entschieden, wenn man genug überlegt, gesucht und projektiert hat.


14. Weltkultur als Gemeinschaft von Gemeinschaften

Wenn wir über ein Objekt namens Eulysien sprechen, sollten wir überblicken, welche weiteren Objekte der gleichen Art es noch gibt. Es geht notwendigerweise um die Beziehungen unter ihnen, da es vielleicht Überschneidungen positiver oder problematischer Art gibt.
Schließlich haben wir alle, wie stark wir unsere jeweilige Kultur auch immer überhöhen mögen, bloß die eine Erde. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Niemand kann ausscheren, es gibt die kategorische gemeinsame Verantwortung. Gemeinsam leben oder gemeinsam den Niedergang erleben, dass sind die beiden einzigen Möglichkeiten. Also sollten wir uns vertragen.
Über Grenzen Eulysiens wurde bereits geschrieben. Auf entsprechende Schwachstellen wurde hingewiesen. Nun geht es bei der Weltkultur weniger um das Pochen auf Grenzen, als um sinnvolle Überwindung derselben und um Brückenbau. Trotz mehrerer großer Kulturzentren gibt es eine einzige Weltkultur, die bei aller Unterschiedlichkeit und Eigenständigkeit auch zu entwickeln ist. Die Weltkultur dürfen wir nicht verkümmern lassen. Wir müssen etwas dafür tun. Das hindert uns nicht daran, Eulysien zu bauen.
Hier in Eulysien steht also die Frage, was man für die Weltkultur tun kann und tun sollte. Die erste und wichtigste Antwort darauf ist, Eulysien muss sich selbst bauen. Nur wenn es selbst stabil und gesund ist, ist es ein wertvolles Mitglied in der Weltgemeinschaft.
Diese Gesundheit Eulysiens ist nicht selbstverständlich. Noch ist Eulysien nicht geeint. Noch wächst Europa sehr langsam. Noch ist das Zusammengehen mit Russland für die meisten Europäer utopisch. Noch gehört für die Europäer die nah gelegene arabische und islamische Welt wohin auch immer, nur nicht nach Europa. Noch versucht sich die islamische Welt mit religiösen Experimenten. Kurz, Eulysien steckt noch in den Kinderschuhen. Eulysien hat mit sich selbst wahrlich genug zu tun. Die Einheit Eulysiens ist vorerst eine gigantische und notwendige Aufgabe.
Verglichen mit Eulysien ist Nordamerika eine geeinte Kultur. Die USA sind der dominante, stabile Kern. Allmählich taucht Mexico als wichtiger Faktor in der Gegend auf. Die USA werden langsam latein-amerikanischer. Die ehemals weißen USA und das ehemals weiße Europa wird es nicht für immer geben. Man wird ethnisch diversifizierter mit Einwanderung aus unterschiedlichen Quellen. Auch wenn man nichts überstürzen sollte ist festzustellen, dass das alte nordatlantische Band damit langsam etwas von seiner speziellen Bedeutung verliert. Europa wird östlicher, südlicher, eulysischer. Langfristig kann es nicht anders sein, als dass eulysische Einheit mindestens genauso wichtig wird wie nordatlantische Einheit. Wie sollte Eulysien sich intern einigen, wenn innere Einheit nicht zählt?
Ebenso wie Nordamerika wird auch Südamerika als eigenständige Großkultur zurecht kommen können. Der Gigant dort ist Brasilien. Brasilien ist schon staatlich geeint. Und sie werden sich auch sonst zu einigen wissen. Dieser Prozess ist eine eigene Betrachtung wert, hier aber nicht der Gegenstand. Zu Eulysien gibt es vor allem historische Beziehungen über Spanien und Portugal. Man lebt auf unterschiedlichen Inseln, ist räumlich weit voneinander entfernt und hat naturbedingt eher wenig außergewöhnliche Kontakte. Der Kontakt von Brasilien nach Schwarzafrika wird dort vielleicht wichtiger sein.
China ist das große Reich im fernen Osten. Alle erwarten, dass China ökonomisch voll erwacht. Davor hat man Angst, weil China eine ökonomische Supermacht nie gekannten Ausmaßes werden kann. Das chinesische Potenzial übertrifft die anderen Länder um ein Vielfaches. Damit hat alles was China macht starken Einfluss auf die vielen Kleinen in der Welt. Von chinesischer Wirtschaftspolitik sind alle Märkte, alle Volkswirtschaften unmittelbar und direkt betroffen. Davor kann man sich nur schwer schützen, besonders wenn man klein ist.
Um so wichtiger ist die starke eigene Einheit. Eulysien wird dafür sehr wichtig sein. Eulysien ist somit eine Antwort auf die chinesische Herausforderung. Nichtsdestotrotz soll der Handel mit China für beide Seiten Gewinn und Wohlstand bringen. Auch deswegen sollte man mit China gut harmonieren.
Bei Indien ist die Sachlage fast so wie bei China. Allerdings ist Indien kleiner, weniger entwickelt, hat fast ebenso viele Menschen und wächst demographisch noch. Außerdem liegt es dichter nach Eulysien. Man hat sozusagen eine gemeinsame Grenze etwas westlich von Pakistan.
Der Bevölkerungsdruck aus Indien in Richtung Eulysien ist damit etwas größer als der aus China. China ruht etwas mehr in sich selbst. Indien ist wohl noch eher für Überraschungen gut. Wenn es den Indern zu eng wird in ihrem dicht besiedelten Kleinkontinent, dann ist dort wenig Ausweichmöglichkeit. Man sollte Indien also nicht zu sehr auf das Tigerfell rücken. Sie brauchen einfach mehr Spielraum. Insbesondere die Zone nach Nordwesten sollte man als indische Einflusszone betrachten und lieber selbst dort etwas zurückhaltend agieren. Pakistan sowieso, aber auch Afghanistan und teilweise darüber hinaus gelten damit als unmittelbare indische Rand- und Einflusszone.
Auch Indien hat ein ernsthaftes Einigungsproblem. Es gilt, die hinduistischen und islamischen Bevölkerungsgruppen auf dem Subkontinent untereinander zu befrieden. Daran führt für Indien, Pakistan und Bangladesh kein Weg vorbei. Man muss Gemeinsamkeit finden.
Die riesige Insel- und Halbinselwelt Südostasiens ist ebenfalls schon volkreich, hat aber auch noch viel Platz. Kulturelle Zentralisierung ist hier noch nicht vollzogen. Sie sind von Eulysien weit entfernt und für uns vorerst kein zentraler Aspekt.
Schwarzafrika schließlich verdient eine gesonderte Behandlung aus verschiedenen Gründen. Es ist der am wenigsten entwickelte Kulturkreis. Aus diesem Grund wird es das noch massivste Bevölkerungswachstum haben. Man kann von zu erwartender Verdopplung und Verdreifachung der 800 Millionen Afrikaner ausgehen. Dadurch und durch Nähe und Nachbarschaft wird es einen beträchtlichen Abwanderungsdruck in Richtung Eulysien geben. Afrika ist für uns ein wichtiger und schwieriger Fall. Deshalb gibt es dazu mehr im nächsten Abschnitt.
Es gibt heute das Zauberwort von der Globalisierung. Das bedeutet, dass es wirtschaftlich immer weniger um Nationen, Reiche oder Kontinentalmächte geht. Jeder kann weltweit handeln wie er möchte. In der Tat ist diese Globalisierung heute vielfache Realität. Firmen verkaufen ihre Produkte rund um den Globus und produzieren so auch.
Andererseits ist Globalisierung immer nur ein Teilaspekt. So hat jedes Reich immer noch seine eigene Währung, eine gewisse Wirtschaftkoordinierung, sein Steuersystem, seine eigene Politik einschließlich der militärischen Komponenten. Vor allem große Reiche bestehen so fort. Die perfekte und einzige Weltgemeinschaft liegt noch in weiter Ferne und jeder muss sowieso dafür sorgen, dass bei ihm zu Hause alles in Ordnung ist.
Die großen Weltreiche werden damit auch weiterhin die Bedingungen aushandeln, unter denen sie ihre Beziehungen pflegen. Dass dieses die letzten Jahre wirtschaftlich und touristisch, jedenfalls aus unserer Sicht, recht liberal vor sich ging, ist erfreulich. Das muss aber nicht für alle Zeit so sein, es kann Rückschläge geben. Außerdem kann man zum Verlierer der Globalisierung werden und wird dann vielleicht sogar zu ihrem Gegner. Handelspolitischer Protektionismus durch die insbesondere altindustrialisierten Großreiche und Machtpole scheint daher für die nächsten Jahre wieder wahrscheinlicher zu werden.
Bei sich zu Hause, vor Ort passende Einheiten und Reiche zu bilden liegt auch deshalb in jedermanns Interesse. Alle Menschen auf der Welt stehen vor der Notwendigkeit, sich entsprechend räumlich zu gruppieren. So kann man als Akteur dabei sein und am allgemeinen Fortschritt partizipieren. Allein und klein ist man dagegen schwach. Nur die großen haben den Vorteil, die Bedingungen selbst festzulegen und durchhalten zu können.
Wir haben jetzt mehrere große Zentren der Weltkultur benannt. Eines davon ist Eulysien. Gibt es Zentralität, die noch darüber hinaus geht? Gibt es den zentralen Ort der Welt? Hat Eulysien die Möglichkeit oder sogar den natürlichen Auftrag zentraler Ort der Welt zu sein?
Nun, mit diesbezüglichen Heilsversprechungen wollen wir vorsichtig sein. Der zentrale Ort der Welt wird vorerst eher unwahrscheinlich sein. Auch wenn es gemeinsam zu regelnde Interessen aller gibt, wird derzeit niemand so eine Herrschaftszentrale mögen und wollen. Es werden nur noch etwas mehr als eine Handvoll Großreiche übrig sein. Da wird man sich in einer Art Weltrat wohl verständigen können. Die paar Teilnehmer brauchen keinen gemeinsamen Herrscher. Alles lässt sich hier verhandeln. Die großen Gemeinschaften von Staaten und Völkern bilden wieder eine Gemeinschaft.
Etwas anderes ist es, wenn man versucht, ein gelobtes Land zu sein. Man kann versuchen, der Ort zu sein, wo die Botschaft herkommt. Man darf nicht herrschen wollen, aber man kann überzeugend sein. Man kann das gute Leben praktizieren, ohne irgend jemandem etwas aufzudrängen. Man kann schon fragen, was man für die Welt Gutes tun kann, indem man sowohl an sich, aber auch an die anderen denkt. Man kann keinesfalls Zentralität um ihrer selbst Willen beanspruchen. Solche Zentralität wäre nicht neu, sondern nur die übliche Herrschaftssucht und Größenwahn. Zentralität könnte sich ergeben, wenn man etwas für die anderen leistet. Danach ist also zu fragen.
Was kann Eulysien für die Welt tun? Da sollte man vielleicht bescheiden sein. Man hat ja genug mit sich selbst zu tun. Man muss eine Einheit werden. Und sonst? Was ist sonst noch die Botschaft Eulysiens? Nun, die Freiheit sollte man schon hochhalten. Und dass jeder Mensch unendlichen Wert besitzt und sein Glück verfolgen kann ist wichtig. Es sollte schon lustig zugehen, es muss Leben drin sein.
Das geht nur, wenn der Staat, der eulysische, den Spagat versucht. Freiheit muss sein, und ebenso Stabilität und eine gewisse Fürsorge. Die Wirtschaft muss die notwendige Leistung erbringen, sonst geht das alles nicht. Wirtschaft in einem sehr großen Markt ist ja gerade ein Vorteil, den man sich mit Eulysien erhoffen kann. Langfristige Stabilität sowie economy of scale in diesem großen eulysischen Wirtschaftsraum sind ganz entscheidende Faktoren.
Freiheit ist ein wichtiges Wort. Aber wieso sollte Freiheit noch etwas besonderes sein? Überall kann Freiheit sein. Sind wir denn in einem Wettlauf, in dem der eine Kulturkreis mehr Freiheit haben soll als ein anderer? Nein, darum geht es nicht. Aber Eulysien sollte schon versuchen, Freiheit allgemein zu praktizieren und damit ein Vorbild zu sein. Dazu gehört, dass man sturem Nationalismus oder kultureller Selbstüberhebung ade sagt. Alle menschlichen Kulturen sind gleichwertig.
Aus dem unendlichen Wert des Menschen ergibt sich dann auch, dass das für alle gilt. Man kann es sich dann mit Obdach Suchenden und Flüchtenden, aus welcher Gegend der Welt auch immer, nicht einfach machen. Man muss Notleidenden helfen, im schlimmsten Fall sie aufnehmen. Und man darf sie nicht irgendwo in den Untergang schicken.
Insbesondere dem von vielen Unglücken heimgesuchten Afrika sollte man helfen, wenn man denn irgendwie kann. Das heißt nicht, dass man Geschenke und Almosen verteilt oder dass man alles verteilt, was man hat. Kein Staat kann es sich leisten, auf Kosten seiner arbeitenden Bewohner, Reichtum in die Welt zu streuen. Verstand muss walten und Reichtum ist nicht unbegrenzt.
Aber letztlich geht es schon darum, ein Hort der gemeinsamen Weltkultur zu werden. Eulysien sollte danach streben, ein Bauplatz der Weltkultur zu sein. Das bedeutet dann vor allem auch, dass es in Eulysien langfristig ethnische und kulturelle Vermischung gibt. Die Vermischung wird vielleicht stärker sein als in manch anderem Kulturkreis. Das liegt an der geographischen Situation hier. Westeuropäer, Osteuropäer, Nordafrikaner, Vorderasiaten wird es hier geben. Dazu kommen eine Masse Inder, Chinesen und vor allem Schwarzafrikaner, sowie viele andere. Sie alle treffen sich hier am Eulysischen Mittelmeer.
Ob die Welt dann letztlich und endlich nicht doch noch ihren Präsidenten wählen soll? Das ist eine interessante Frage und ein weites Feld. Wie überall, so werden auch hierbei demokratische Entscheidungen nötig sein. Ein Bürger, eine Stimme, anders geht es nicht. Man wird darüber genauso nachdenken müssen, wie über die dann ins Gespräch kommende Welthauptstadt.


15. Hilfe für Afrika

Über die Beziehung zu Afrika sollten wir an dieser Stelle gesondert reden. Schwarzafrika wird ein Kontinent sein, von dem in den nächsten Jahrzehnten besondere Einflüsse auf Eulysien ausgehen werden.
Einerseits ist Afrika selbst überhaupt noch nicht geeint. Es ist noch ein sehr loser Kulturraum ohne inneren Halt. Andererseits übersteigt das kommende Bevölkerungswachstum alle bekannten Ausmaße. Ein großer Teil dieser in Armut und Chaos Geborenen wird an den Rändern Eulysiens stranden und um Einlass nachsuchen oder Einlass erzwingen wollen.
Mit irgendwelchen kleinen Hilfsversuchen ist es bei Afrika nicht getan. Dafür ist es viel zu groß und schwergewichtig. Wirklich kann sich Afrika nur selber helfen.
Geographisch geht es auch bei Afrika, genau wie bei Eulysien, um das Erkennen und die Definition von Kernräumen. Wird Schwarzafrika als Ganzes eine Einheit, oder ist es besser, Teilräume als Kerne zu beschreiben? Zum Beispiel wäre es möglich, West-, Ost- und Südafrika als Kulturräume zu unterscheiden, unter anderem weil sich dort gewisse Konzentrationen ergeben haben.
Heutzutage ist natürlich selbst eine sinnvolle Organisation dieser Teilräume illusorisch, da innerhalb derselben viel zu viele Widerstrebungen herrschen, es gibt noch keine brauchbare Einheit dort. Selbst die einzelnen Staaten dort versinken in Chaos und Bürgerkrieg. Vernünftige Staatenbünde in wirtschaftlicher und politischer Sicht können daher nicht funktionieren, da sie keine Basis haben. Längerfristig wird sich das aber ändern. Und so sollte man lieber heute fragen, welche räumliche Struktur angemessen und natürlich ist.
Da wird die Frage nach dem Zentrum nun doch wieder einfacher zu beantworten sein. Auch wenn Schwarzafrika mehrere Zentren haben wird ist es wenig sinnvoll, dort Teilkulturen so zu definieren, dass sie bedeutsamer als das Ganze sind. Afrika lebt sollte man auch hier besser sagen. Es gibt nur ein Afrika und dieses wird eine Einheit.
Alles was südlich der Sahara liegt ist ein kompakter Raum mit vielen Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Interessen und klaren Grenzen. Man kann gar nichts anderes tun, als dieses Gebiet als Einheit zu sehen.
Es sind einige wichtige Gemeinsamkeiten neben der gegebenen kompakten Geometrie aufzuzählen. Schwarze Hautfarbe, farbenfrohe Kleider, noch dünne Besiedlung, typische Plateau-Savannenlandschaften mit teilweisem Regenwald sowie entsprechender Tierwelt sowohl im Norden als auch im Süden, koloniale Unterdrückung, modern-kulturelle Spätentwicklung mit extremen wirtschaftlichen und politischen Defiziten.
Wenn Eulysien etwas für Afrika tun will, muss es anfangen mit Afrika als Ganzem zu verhandeln. Man muss Afrika als potentielle Einheit ansehen.
Da kommt sofort die Frage auf, wer dann der Vertreter Afrikas sein soll. Nun, das könnte Afrika selbst entscheiden, wenn es das könnte. Hier liegt ein Problem. Es gibt viele Staaten, auch schon panafrikanische Staatenverbünde, aber wenig demokratische Repräsentanz. Man wird sich ansehen müssen, mit wem man verhandelt.
Dabei stellt sich eine objektive, fast naturwissenschaftliche Frage. Wo liegt das Zentrum Afrikas? Welcher Ort ist zur Repräsentanz der Einheit geeignet? So wie China derzeit zur Küste strebt und Eulysien idealerweise zum Mittelmeer, stellt sich die Frage auch für Afrika. Wo soll es sein Zentrum, seinen Schwerpunkt haben?
Ideal wäre das Zentrum genau in der Mitte drin. Schließlich soll hier eine Landmasse geeint werden. Man hat auf beiden Seiten Küste. Und so kann man hier nicht extra zur Küste hin, wenn man zentrieren will. Man muss seinen Kern im Land suchen.
Dabei entsteht jedoch ein großes Problem. In der Mitte liegt empfindliche Natur, hier liegt tropischer Regenwald. Ist es wert, diesen Regenwald einem afrikanischen Zentrum zu opfern? Diese zusätzliche große Gefahr der Zerstörung besteht, wenn Afrika sich genau dort zentriert. Also sollte es so nicht gehen. Letztlich entscheidet Afrika darüber selbst. Besser wäre aber, den Regenwald zu schonen.
Vielleicht kann man das Zentrum ja um den Regenwald drum herum bauen! Unweigerlich kommt hier die Erinnerung an Randstadt Holland. Vielleicht kann ja Randstadt-Afrika entstehen. Die zentrale Repräsentanz Afrikas kann nur am Rand, etwas weg vom Regenwald entstehen. Sonst geht der Regenwald noch mehr kaputt. Das kann kein Mensch wünschen, selbst wenn der Regenwald das geometrische Zentrum ist.
Um den Regenwald herum kommen mehrere Standorte als Hauptstadt in Frage, insbesondere drei. Diese liegen schwerpunktmäßig hin zur dichteren Besiedlung im Nordwesten Richtung Westafrika und Nigeria, im Osten zum Victoriasee und im Südwesten in der Gegend der Kongomündung.
Sollte Afrika sich für eine Hauptstadt entscheiden wollen, käme tatsächlich wohl nur einer dieser drei Standorte in Betracht. Denkt man die Sache zu Ende, dann liegt dieser natürliche Zentralstandort an der Kongomündung, besser noch etwas südlich, also weg vom zu schützenden Regenwald, mehr in die Nähe von Luanda. Warum gerade dort?
Die Nordwestecke ist ungünstig, weil sie zu peripher zum bedeutsamen südlichen und östlichen Afrika liegt. Das Ostzentrum liegt vor allem zu Westafrika, dazu noch unterbrochen durch den Regenwald, aber auch zu Südafrika zu weit entfernt.
Der Großraum Kongomündung-Luanda ist das einzige der drei potentiellen Randzentren, das zu allen afrikanischen Großräumen im Westen, Osten und Süden etwa gleiche Entfernung hat und ziemlich in der Mitte liegt. Durch die Küstenlage ist dazu eine günstige Seeverbindung nach dem weit ausschwingenden bevölkerungsreichen Westafrika gegeben. Nach Süden und Osten ist die Landverbindung über Straße und Schiene entwickelbar, ohne den Regenwald zu queren zu müssen.
Dieses ist ein nach geographischem Wissen und Gewissen objektiver Vorschlag für die afrikanische Hauptstadt. Auf Luanda und Randstadt-Afrika sollte man setzen, wenn man Afrika entwickeln will! Mit Luanda und Randstadt-Afrika muss Eulysien reden, wenn es mit Afrika reden will.
Und wo doch von Hilfe die Rede war, da kann man auch das eine oder andere wichtige Projekt dieses außerordentlichen strategischen Problems mit anschieben helfen. Afrika lebt ist dann eine neue Geschichte, deren Szenario das wahre Leben schreiben wird.
Man kann hier weiter spekulieren und Szenarien erstellen. De Blij spricht zurecht von der günstigen zentralen Lage Afrikas auf der Welt. Zu den Zentren der Welt im Norden, Westen und Osten liegt Afrika vergleichsweise dicht. Das sieht man sich am besten auf einem Globus an.
Sofern Afrika eines Tages positive Entwicklung erfährt, könnte dieser Vorteil zu wahrer Zentrumslage für Afrika in der Welt führen. Das ist derzeit bloße Zukunftsmusik, aber Afrika kann aufgrund seiner Lage ein wahres Zentrum der Welt in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht werden.
Damit könnte überraschend schon die Frage nach der Welthauptstadt beantwortet sein. Die zukünftige Hauptstadt der Welt liegt aus geographischen Gründen in Afrika. Afrika hat die Zentrumslage innerhalb der bewohnten Ländereien. Wenn man unter Berücksichtigung aller Entfernungen den genauen Standort für die Hauptstadt sucht, dann könnte das etwa den Sudan oder gar die zentrale Sahara ergeben. Darüber kann man getrost ein Weilchen sinnieren.


16. Fazit I

Mit einem Ausblick auf Afrika und seine Zukunft sind wir vorläufig doch am Ende unserer Definition und einer gewissen Programmatik Eulysiens.
Eulysien reicht von Iberien im Westen bis nach Iran im Osten und von Nordafrika im Süden bis nach Skandinavien im Norden. Dieses ist eine ziemlich geschlossene, dichte Besiedlungszone, die man nicht künstlich trennen kann. Eulysien ist ein natürliches, das heißt nicht von Menschen geplantes Objekt.
Sofern sich Eulysien seiner selbst bewusst wird, wird es auch möglich, das eigene Schicksal besser als bisher zu vertreten. Große interne kriegerische Auseinandersetzungen, wie insbesondere jene vom Typ Weltkrieg und religiös-fundamentalistische Kriege zwischen Moslems, Christen und Juden sollten sich dann besser vermeiden lassen.
Auf jeden Fall war es wichtig, dieser natürlich gegebenen Einheit einen Namen zu geben. Wenn eine Einheit natürlich da ist, dann muss man sie zum eigenen Nutzen und zum Nutzen seiner Mitbewohner gestalten. Alles andere ist dumm und wider die Natur. Dazu muss man das Objekt benennen. Das ist hier geschehen. Wir sprechen nun von Eulysien und wissen, was damit gemeint ist. Das Kind ist auf der Welt, es hat seinen Namen bekommen und es kann jetzt gefördert, unterstützt, erzogen werden.
Es kann dem hier vorliegenden Schriftstück wohl passieren, dass es in irgendwelchen Bücherlagern oder auf Festplatten verstaubt. Das ist zwar schade, aber kein Drama. Es kann aber sein, dass andere Leute ebenfalls das Objekt Eulysien schon wahrgenommen haben oder noch wahrnehmen werden und es akzeptieren. Vielleicht gefällt manch einem der Name nicht. Darüber kann man ja noch reden. Am Vorhandensein des Objekts ändert das aber wenig. Eulysien ist nun mal da. Es ist eindeutig auf der Karte identifizierbar. Besonders auf der Bevölkerungskarte tritt es deutlich hervor.
Die politische Alternative zu Eulysien gibt es auch, aber sie sieht trostlos aus. Sie besteht darin, dass Eulysien drei zunehmend separate Teile hat. Teil I ist das kleine, alte, depressive Westeuropa, Teil II ist das um seine Existenz kämpfende Großrussland und Teil III ist das dann islamistische Mittelmeersüdufer mit Vorderasien. Alle drei Teile sind für sich lebensfähig. Es gibt nur ein bestimmendes Problem dabei. Sie lassen sich nicht voneinander abgrenzen. Die langen, breiten, alten, historischen Grenzsäume wären bei versuchter Abgrenzung wieder voll im Bilde. Im Geröllgürtel Osteuropa, auf dem blutigen Balkan, im ehedem maurischen Spanien und auf dem gesamten Mittelmeer beginnt der Kampf gegeneinander von vorn.
Wenn es um die Aufteilung Eulysiens geht, würde keiner so schnell nachgeben. Das was der Kern Eulysiens werden kann, das wird dann leider die Kampfzonenwüstung. Worum wird man kämpfen? Natürlich darum, Eulysien zu vereinigen.
Man nennt es dann anders, aber man will und muss es einigen, denn man muss ja die nahen anderen besiegen, weil man sonst von ihnen besiegt würde. Es wird geeint sein, wenn man die anderen geschlagen hat. Das kann dauern. Und es wird viele Menschenopfer geben.
Wozu das Ganze? Es wäre nur dazu da, dass tolldreiste Figuren, Führer, Demagogen, ohne Verstand aber mit vielen egoistischen Ambitionen ihre bösartigen und tobsüchtigen Spielchen trieben. Man kennt sie die Ignoranten, Aufschneider, Aufhetzer und Sprücheklopfer, die bei eigenem geldwerten und machtwerten Vorteil zu jeder Bosheit und zu jedem Verbrechen bereit sind, egal ob Millionen Menschen sinnlos leiden.
Dass es dazu nicht kommt, gerade deshalb sollte man das Projekt Eulysien bei Zeiten mit Verstand und behutsam angehen.
Die Gestaltung Eulysiens ist mit Sicherheit eine sehr schwierige Aufgabe. Gar unterschiedlich sind die Sprachen, Religionen und Kulturen. Das Projekt kann auch immer mal wieder scheitern. Es kann aber nicht aufhören, eben weil es von Natur aus da ist. Am Projekt Eulysien führt kein Weg vorbei, denn das Areal ist natürlicherseits vorgegeben. Das Projekt Eulysien ist ein sehr schwieriges Projekt. Der Verzicht darauf wird aber noch schwieriger sein.
Ökonomisch ist Eulysien eine Größenordnung, die heutiger und potentieller erfolgreicher Wirtschaftsmacht vom Typ USA oder China gerecht wird. Unter diesem Aspekt hat Eulysien zusätzlich seine Berechtigung und ist dabei sogar, trotz aller Probleme, erfolgversprechend. Hierbei ist der Erfolg natürlich eine Frage der Umsetzung dieser gigantischen Einigungsaufgabe. Man mag vielleicht schaudern vor der Größe und dem Ausmaß dieser Aufgabe. Aber man muss und wird sich daran gewöhnen.
Die Umsetzung im Detail können wir an dieser Stelle nur andeuten. Behutsamkeit ist insgesamt sicherlich angebracht. Man kann nicht mit der Tür ins Haus fallen und die Leute verschrecken. Das Erste und Wichtigste wäre, dass sich eben der Name herumspricht und dass sich das Objekt allmählich seiner selbst bewusst wird, dass es eine Marke wird, dass die Menschen Name und Inhalt Eulysiens kennen lernen.
Wie Eulysien zu regieren ist, ist letztlich sehr wichtig. Man kennt die Schwierigkeiten beim Regieren Europas. Zersplitterung ist das Hauptproblem. Einfache, von oben angeordnete Zentralisierung wird jedoch ebenso schlecht sein. Es fehlt die Legitimation. Ohne Demokratie wird es nicht gehen. Man wird Demokratie wagen müssen, und zwar gesamteulysische Demokratie. Man muss aber genauso Stabilität festschreiben.
Zum Vergleich sei die Präsidentschaft in den USA als der mittlerweile natürliche, stabile Faktor angeführt. Dergleichen fehlt in Europa. Hier gibt es viele kleine Herrscher, die um Vorteile und Subventionen ringen und damit manchmal das ganze Gebäude gefährden, wenigstens zeitweise. Dieser Prozess muss verbessert werden.
Eulysien braucht demokratische Repräsentanz. Das Vorbild USA ist gar nicht so schlecht. Nicht jede wirtschaftliche Detailfrage oder die Verteilung von Subventionen ist für die Position des Präsidenten wichtig, eher ist es der Name, die Einigkeit, die Außenvertretung. Ohne Macht sollte er aber auch nicht sein. Justiz und Parlament müssen ebenfalls funktionieren.
Die Wahl eines Eulysischen Präsidenten wird zwangsläufig irgendwann auf der Tagesordnung stehen. Seine genaue Macht wird noch auszuhandeln sein. Es ist auch denkbar, dass der Titel aus einer Volksbewegung heraus entsteht, sofern sich entschlossene Leute dazu zusammenfinden.
Schließlich ist heute schon zu sehen, dass die einzelnen Staatschefs mit diesem Auftrag natürlich überfordert sind, denn sie sind ja für ihr Land gewählt. Sie können Europa und Eulysien gar nicht einen. Dafür haben sie keine Vollmacht. Eine Eulysische Verfassung kann über einen geistigen Schöpfungsakt entstehen, der dann demokratisch zu legitimieren ist. Demokratisch heißt eine Person, eine Stimme.
Das bedeutet nicht, dass man damit warten muss, bis alle möglichen eulysischen Territorien schon geeint sind. Man kann von Europa ausgehend mit dieser Verfassung beginnen. Eulysien kann allmählich wachsen. Seine maximal mögliche und abschließende Form soll hiermit aber von Anfang an klar sein.




Teil II: Eulysientour


17. Mit dem Freundschaftszug

Die Eulysientour ist eine Reise, die ich mir als persönlich für irgendwann einmal wünsche, die aber in Ansätzen schon einmal stattgefunden hat. Nimmt man seine eigenen Reiseerfahrungen und die einiger Verwandter und Bekannter zusammen, so hat es die Eulysientour ja tatsächlich schon gegeben.
Wenn politisch fast alle die Hände heben und sagen "Oh Gott, doch nicht mit Russen und Arabern in einer Union", so haben doch viele von ihnen ihren Urlaub, eine Bildungsreise oder dienstliche Aufenthalte längst dort gehabt.
Wenn mancher sagt oder lächelt, Eulysien sei abenteuerlich, ein zu gewagtes Projekt, ein reines Phantom, ein Hirngespinst, dann behaupte ich genau das Gegenteil. Eulysien nicht zu starten ist abenteuerlich, das Phantom, das Hirngespinst und gefährlich.
Die Eulysientour ist eine Zusammenstellung von erstaunlich vielen Reiseerfahrungen rund um die Eulysischen Mittelmeere im weitesten Sinne aber auch der Traum von einer Reise, die es irgendwann einmal geben wird.
Die fiktive Rundreise beginnt hier eher zufällig auf einem Etappenort im Norden, in Sankt Petersburg, wo sie dann auch wieder enden muss. Sie läuft zunächst entgegengesetzt dem Uhrzeigersinn. Da Eulysien sehr groß ist, sollte man für eine solche kompakte Tour sehr viel Zeit einplanen. Man muss sich länger als einen Sommer dafür Zeit nehmen. Etwas Gemächlichkeit ist der Größe des Raumes angemessen.
Um für Eulysien zu werben lässt sich solche Reise auch als Tross planen mit festen und mit wechselnden Teilnehmern oder als Eulysienbus oder mehr. Auch eine Motorradtour ist denkbar oder die kleine Eulysientour als Schiffsreise um die Mittelmeerküsten herum.
Eine Fahrradtour wäre natürlich eine tolle Sache. Die Nordafrikastrecke allein mit rund 5000 Kilometern nimmt dann, abhängig von der Geschwindigkeit, zwei ganze Monate oder viel mehr in Anspruch. Das ist nur etwas für absolute Enthusiasten oder Radprofis. Sie brauchen außerdem sehr viel Zeit und Finanzierungsmittel. Vorstellbar ist es trotzdem. Einmal mit dem Auto rund herum wäre aber auch toll.
Im kommunistischen Ostdeutschland hat es die kleine Eulysientour mit der Eisenbahn gegeben. Sie führte von Mitteleuropa nach Russland und zurück und wurde vom Staat und von den Betrieben für mehr oder weniger verdiente Bürger organisiert. Man nannte so etwas damals Freundschaftszug. Ein Freundschaftszug durch Eulysien wäre heute gar keine schlechte Idee.
Bleiben wir vorerst bei den Touren, die es schon gegeben hat und berichten wir davon. Im Ostblock, zumindest in Ostdeutschland, gab es das Propagandawort Völkerfreundschaft, das für alles mögliche strapaziert wurde. Sollten wir nicht doch in Europa und Eulysien auf die Völkerfreundschaft großen Wert legen?


18. Start in Sankt Petersburg

Die Stadtgründung Sankt Petersburg ist ein löblicher Versuch Russlands gewesen, nach Europa zu gelangen. Die Karte weist es eher als Notgründung aus, denn sowohl für Russland, als auch für Europa liegt Sankt Petersburg weit am Rand und eben auch im kalten Norden. Trotzdem ist es eine große und schöne Stadt geworden.
In Sankt Petersburg war ich 1983 als ostdeutscher Student. Wir kamen mit dem Zug an. Es war sogar ein Studentenaustausch und unsere Gastgeber im Studentenwohnheim waren, man sollte es kaum glauben bei diesem fernen großen Land, genau wie wir, also Leute wie du und ich.
Der sowjetische Kommunismus war dann doch nicht so leuchtend, wie er uns damals in Ostdeutschland in den Medien und im Geographiestudium gepriesen wurde. Besonders die spartanischen, unfreundlichen und unglaublich umständlichen Geschäfte, die kaum vorhandenen Gaststätten und die überall verdreckten Toiletten sprachen dem Leuchten sehr entgegen. Auch vernünftige Landkarten waren nicht zu kriegen, obwohl unser Geographieprofessor das Gegenteil beteuerte.
Für das Leuchten sprachen aber unsere studentischen Mitstreiter wie der große Russe Wolodja, der besondere, eben estnische Viktor, der rundliche Hobbygitarrist Kolja, die unerwartet weltbürger-sprachkundige charmante Galja und einige andere. Sie waren uns so unglaublich ähnlich oder gar fortgeschrittener und wir feierten zusammen. Beim Gegenbesuch konnten wir ihnen wenigstens die ebenfalls fortgeschrittene Deutsche Demokratische Republik zeigen, deren Landwirtschaft sogar besser als die sowjetische funktionierte, was der Genossenschaftsbesuch in meinem Heimatdorf nach Viktors Aussage deutlich bewies.
Ich weiß nicht, was aus unseren Kumpels von damals geworden ist und ich war seit dem auch nicht mehr in Sankt Petersburg, aber irgendwann muss es noch mal sein. Immerhin hat ein Bekannter aus meinem jetzigen Dorf eine Petersburgerin geheiratet. Möge die Ehe halten!


19. Finnland hat was

Gut zwanzig Jahre später bin ich endlich in die Nähe Sankt Petersburgs nach Helsinki und damit nach Finnland gekommen. Vom deutschen Hafen Rostock laufen Fähren, es war genauer ein griechischer Fährverbund, der diese Linie betreibt, die fast 1000 Kilometer Richtung Helsinki aus.
Solche Schiffsreise ist eher langsam aber trotzdem bequem und sie war dazu noch sehr preiswert. Man kann dabei auch gut mit der Verwandtschaft reisen. So wurde es ein schöner verlängerter Familienwochenendausflug auf See. Das Fährlokal war den ganzen Abend voller Männer, die sich später als Lastwagenfahrer entpuppten. Finnland ist also vor allem über das Meer zu erreichen.
Auch Helsinki ist bei Sonnenschein sehr schön. Am Hafen leuchteten die großen frischen Lachsfilets in der Sonne und auch der Präsidentenpalast strahlte im hellen Frühjahrslicht an einem kalten Morgen.
Finnland ist dünn besiedelt. So ist auch Helsinki verständlicherweise keine riesengroße Stadt. Auch die vielen Bäume in den umliegenden Wäldern schienen mir deutlich schmächtiger zu sein als in Deutschland. Weltklasse hatte der große Buchladen im Zentrum der Stadt, in dem englische Titel gleichwertig neben finnischen vertreten waren, der aber ebenfalls französische und deutsche Bücher führte.
Die englische Sprache war nicht nur im Buchladen vertreten. Auch in der Gaststätte, im Geschäft und in der Straßenbahn war englische Verständigung selbstverständlich. Das zeigte mir, dass Finnland auf einem sehr interessanten, weltoffenen kulturellen Kurs ist.
Ein Buch und ein kirchlich beschäftigter Deutsch-Finne aus der Gegend von Vaasa lehrten mich auf der Rückreise etwas finnische Geschichte und auch den Fakt, dass man vom Rand her vieles ganz anders sehen kann. Man kann Fischen gehen und Geld ist überhaupt nicht so wichtig. Wichtig ist ein Sommerhaus bei Freunden. Dünne Besiedlung ist doch toll, weil man viel mehr Platz hat. Und ein Lehrergehalt ist schließlich auch nichts anderes als Sozialhilfe und es ist doch gut, wenn der Staat wenig Geld hat. Dann werden die Alten endlich wieder zu Hause gepflegt. Und der Winterkrieg war für Finnland ein ganz besonderes Ereignis.
Jedenfalls war Finnland angenehm unkonventionell. Es wird Zeit, wenigstens einmal richtig Urlaub hier zu machen. Im Sommer, versteht sich, an einem ruhigen, sonnigen, dampfenden See. Vorsicht Mücken!


20. Die lustigen Schweden und Dänen

Auch nach Schweden war ich schon unterwegs, wenn auch nicht häufig. Ein Verwandter war über die Jahre beruflich und privat sehr oft dort. Für die Finnen liegt Schweden eher südlich, weshalb es wohl auch die lustigen Schweden sind. Trotzdem sind beide Länder ja nicht unähnlich. Eine der beiden größeren Städte, Göteborg, habe ich wenigstens schon besucht. Im Urlaub zeigt sich, dass Schweden eine ruhige ländliche Gegend ist. Am auffälligsten und hübschesten für mich sind die mit Schwedenrot gestrichenen in die Landschaft gestreuten Holzhäuser, vorzugsweise in den Schären gelegen.
Die ebenfalls lustigen Dänen sind für ein breites Publikum im Filmklassiker "Die Olsenbande" verewigt. Aber auch in Natur kenne ich Dänen eher als humorvolle aber auch solide und gesetzte Gesellen.
Im Haus von Alf, einem Berufsschullehrer aus Hobro in der Nähe von Arhus auf Jütland, habe ich schöne Stunden mit üppigem Essen, Frokost genannt, mit Rehkeule, sehr gutem südlichen Wein, leckerem Eis, viel Kaffee und vielen anderen guten Sachen verbracht. Bei Magenvölle war zusätzlich immer ein hilfreiches chemisches Gegenmittel zur Hand.
Alf, seine Frau und seine Kinder und Kollegen waren sehr gute mehrsprachige Gesprächspartner. Auch im besten Wirtshaus von Arhus bewirteten sie uns auf diese Weise. So habe ich die Dänen als große Genießer kennen gelernt, die uns aber auch ihre offensichtlich gut funktionierenden Betriebe und Schulen nicht vorenthielten. Eine Speisesalzfabrik und ein Werk für Gipskartonplatten haben wir besichtigt.
Auch in Dänemark gibt es viele private Ferienhäuser, die man selbst nutzt aber wenn es geht auch gerne vermietet, was alles sehr gut organisiert ist. In Deutschland sind die Dänen vor allem über verschiedene große Firmen, so im Schiffbau, im Handel und der Nahrungsmittelindustrie bekannt.


21. Norwegen und Island

Norwegen kenne ich persönlich nicht. Allerdings gibt es zahlreiche Bekannte und Verwandte, die schon dort waren. Mein Bruder war sogar nach Spitzbergen.
Sehr beliebt ist der Urlaub in Norwegen als Kreuzfahrt vor allem zur Besichtigung der Fjordlandschaft. Norwegen hält sich sonst von Europa noch etwas fern, wohl wegen seines derzeitigen eigenen Reichtums durch Öl.
Nach Island ist immerhin schon ein Verwandter, ein Schwager, zur Besichtigung gereist. Grönland rechnen wir erst mal nicht zu Eulysien, wenngleich Bekannte aus der Nachbarschaft dorthin bereits reisten.


22. Britannien liegt mitten im Weltmeer

Die Briten werden wohl weiterhin besondere Weltbürger bleiben, was absolut in Ordnung ist. Die Insellage hat es so eingerichtet. Sie sind dadurch ein ewiger Sonderfall, was andere Eulysier auf ihre Art ja auch sind.
Nach England war ich mehrmals unterwegs, zum Sprache lernen und im Urlaub. London ist natürlich der erste Anlaufpunkt. Aber eine Stadt wie Cambridge ist ebenfalls sehenswert.
Abgesehen von den Sonderinteressen und Sondereigenschaften durch die Insellage habe ich die Briten als ganz normale Leute kennen gelernt. Sie gehen zur Arbeit und ins Wirtshaus oder zur Grillparty, wo sie sich unterhalten, wie alle anderen auch.
Das lange Festhalten an Gewohntem und Funktionierendem, sei es bei verfassungsgebenden Schriften, bei der Bahn, beim Cottage oder beim Regieren ist mir eher als sehr angenehme Eigenschaft aufgefallen.
Auch das manchmal schrullige Individualistentum fand ich eher sympathisch und wichtig, denn jeder hat dabei das Recht Ich zu sagen, ohne andere dabei zu belästigen. Jeder kann irgendwas ganz intensiv betreiben, egal ob es Quatsch oder nobelpreisverdächtig ist. Manchmal wird ja aus Quatsch auch ein Nobelpreis. Da kann man von Britannien einiges lernen.
Es gibt einige kulturelle Ausprägungen, die fortgeschrittener als anderswo sind. Natürlich spielen hier Parks und Gärten eine größere Rolle und Rasen eben, dazu also auch Golf. Sportliche Spiele verschiedener Art sind häufig anzutreffen und offenbar auch besonders ausgefeilt. Der subtile Humor der Briten sei mit erwähnt.
Ihr eigenes Reiseverhalten ähnelt eher dem der Deutschen, denn man liebt die südliche Lebensart, besonders in Spanien und Frankreich. Man liebt auch den Wein. Damit sind die Briten potentielle Interessenten für die Eulysientour. Manche fahren im Urlaub allerdings auch an indische Strände. Sie könnten sich aber ruhig mal unser Osteuropa ansehen. Hier sieht man sie leider noch selten. Also ihr Briten, steigt ein in den Zug!


23. Benelux

Aus Belgien erinnere ich mich an die nächtliche Straßenbeleuchtung der Autobahn, da morgends das Schiff ab Ostende nach England fuhr. Ich hatte auch mal eine belgische Aktie gekauft; die Firma ging leider Pleite. Seit dem bin ich vorsichtiger, habe aber nichts gegen Belgier.
In den Niederlanden bin ich bereits öfter gewesen. Dass die Holländer überall mit Auto und Wohnwagen unterwegs sind, ist kein Klischee, wie es jede Europareise zeigt. Viele Holländer haben, so sagte mal einer von ihnen, lange sommerliche Betriebsferien, in denen sie mit ihrem Treck mal hier, mal dort auftauchen. Warum können deutsche Firmen nicht so großzügig mit ihren Mitarbeitern sein? Im Sommer muss Holland jedenfalls leer sein.
Von der Sprache und der Lage her eher deutsch, und keineswegs auf einer Insel gelegen, haben die Holländer in ihrer ganz individuellen Geschichte eine ungewöhnliche Sonderstellung gewonnen. Die weltmännisch-kaufmännische Kolonialgeschichte ließ sie gar ein Riesenland wie Indonesien beherrschen. Die Rückbesinnung auf Europa scheint seitdem für das kleine Volk schwierig aber nur natürlich.
Die Holländer sind die einzigen Westeuropäer, die man häufiger auch Richtung Osteuropa fahren sieht, sei es zur Eröffnung eines Farmbetriebs oder zum einfachen Verkauf irgendwelcher Besteckkästen oder dergleichen. Ihr Geschäftsgeist ist jedenfalls stark ausgeprägt. An ihrem Humor, immer verbunden mit Schlitzohrigkeit und Geschäftssinn konnte ich mich bereits häufiger erfreuen. Nicht an alles, was man auf einer Verkaufsveranstaltung in Holland spaßig präsentiert bekommt, sollte man auch kaufen. Manches ist eben verbal sehr gut verpackt.


24. Germany goes east

So, wie manch anderer Staat ist auch Deutschland von sonderbarer und unkontinuierlicher Gestalt. Die nördlichen Meere und das südliche Gebirge bilden wenigstens natürliche Grenzen. Im Osten und Westen gab es jedoch immer den unnatürlichen Verschiebebahnhof. Man kann Deutschland so auch als unnatürlichen Flecken Land auf der Karte Europas sehen. Die Form ist willkürlich, sie könnte auch ganz anders sein und wurde ja tatsächlich im Westen und besonders im Osten immer wieder verändert. Woran liegt das?
Ein wichtiger Grund ist die Geographie Frankreichs. Das Hexagon Frankreich hat bei der Staatenbildung in Europa eine weitestgehend günstige natürliche Form abbekommen. Es ist fast ein Kleinkontinent mit natürlichen Grenzen, außer bei einem Stück im Nordosten. Damit wurde Frankreich eine zivilisierte Großmacht.
Es war für die wilden Teutonen im kalten Nordosten alles viel schwieriger. Sie hatten nicht diese separierte Lagegunst. Sie hatten sogar die ganz offene Flanke zu noch weniger zivilisierten Riesenländereien im Osten.
Nach dem Zerfall des Fränkischen Reiches zogen sich die Franzosen auf ihre eigene einfache und klare Geographie zurück. Das war legitim und zu dem Zeitpunkt sehr vernünftig. Sie machten ihr eigenes Ding auf ihrem eigenen arrondierten Gelände und machten nach Osten hin dicht. Irgendwo muss die Ostgrenze schließlich sein. Somit war auch über die Absonderung Deutschlands entschieden.
Für die Deutschen blieb die eigene Ostgrenze immer ein Diskussionspunkt. Es war eine Frage, die tatsächlich gar nicht entscheidbar war. Jede Antwort war immer nur willkürlich, ohne haltbare Begründung.
Man sieht das Problem heute bei Europa nun genauso. Wo die Ostgrenze sein soll, das kann man europäisch gar nicht beantworten.
Wo soll die Grenze Europas sein im Osten? Wer will das entscheiden? Das lässt sich tatsächlich gar nicht festlegen, das lässt sich erst eulysisch klären. Russland, oder zumindest der besiedelte Teil davon, gehört jedenfalls mit hinein. Weiter im Osten liegt die Grenze Eulysiens. Wo Russland aufhört und wo China und Indien anfangen, da ist die Grenze. Sie ist eine natürliche Grenze irgendwo in dünn besiedelten Gebieten zwischen Moskau, Peking und Delhi.
Als Autor bin ich bei Deutschland natürlich befangen. Die Deutschen waren mit Hitler sehr schlecht. Sie bilden sich auch heute häufig ein, etwas ganz besonderes zu sein, oft deshalb weil sie nichts anderes kennen. Das ist bei anderen Völkern aber genauso.
Tatsächlich ist Deutschland ein ganz normales Land. Man hat hier gute Autos gebaut, die jedoch immer mehr gute Konkurrenz bekommen haben.
Die Landschaft ist eher hübsch und grün bewaldet, die Häuser sind meist besonders gut gepflegt. Auch ein deutscher Wald ist etwas besonderes. Supermärkte und Gaststätten, Wasserleitungen und Krankenhäuser funktionieren und man jammert viel.
Es wurde hier immer viel politisiert. Das heißt, zu viele Leute reden zu viel über die Probleme anderer Leute. Zu viele bekommen auch noch Geld dafür. Das nennt man dann Regieren.
Der amerikanische Wahlspruch "no big government" müsste hier dringend eingeführt werden. Das Arbeiten leidet natürlich unter dem vielen Gerede. Das heißt, es geht abwärts mit Deutschland, wenn es sich nicht ändert und man wieder mehr arbeitet.
Der Grund des vielen Politisierens hat ebenfalls stark mit der Geographie zu tun. Grenzverschiebungen, Vertreibungen, politische Benachteiligungen erlebte hier jede Generation wieder aufs Neue. Das erzeugt Unruhe. Auf Bezahlung schielende Politisierer leben davon. Manche haben sich das Politisieren dabei auch einfach angewöhnt. Das heißt, auch bei ruhenden Grenzen würde das noch eine ganze Weile so weitergehen.
Gegenüber Europa sind die Deutschen aufgeschlossen. Durch den II. Weltkrieg heftig zurechtgestutzt verstehen sie schon die Notwendigkeit dazu.
Vor zu viel Multi-Kulti sei allerdings berechtigt gewarnt. Die Zahl der Deutschen selbst geht schon zurück. Kinder werden einfach sehr wenige geboren. Bei der jetzigen Spaßgeneration wird sich das noch verstärken. Immer weniger Deutsche und immer mehr Zugereiste, das sorgt für neuen Konfliktstoff. Da muss etwas gebremst werden. Zum Aufbau Eulysiens sollten die Deutschen ruhig ermuntert werden. Da könnten sie mal wieder zeigen, was sie tatsächlich können. Zu guten Taten sind sie eigentlich immer bereit.


25. Österreich und Schweiz

Die Österreicher nehmen es eher locker. Das zeigt schon ihr spezieller deutscher Dialekt. Viele Begriffe sind freundlich verniedlichend einschließlich die Aussprache. Das Leben ist schön. Man will sich kein Bein ausreißen, das lohnt doch nicht, womit sie völlig Recht haben.
Man sitzt lieber in einem Wiener Kaffeehaus und lässt es sich und anderen gut gehen. Es fehlt ihnen, abgesehen von Arnold Schwarzenegger, die Verbissenheit, die den Deutschen wohl nachgesagt werden muss. Im Sport kann das hinderlich sein. Jedenfalls macht das Österreich sehr angenehm und ich bin sehr gerne dort gewesen.
Das Land selbst ist sehr gepflegt, sei es in Salzburg, in Wien, im angeblich armen Burgenland oder in der Steiermark. Überall hat man sehr schöne Landschaft, gute Gaststätten und nette Bürger angetroffen.
Österreich im alten Sinne hat die Türken am Einmarsch nach Europa gehindert. Vor Wien kamen sie zu stehen und so entwickelte sich Österreich zum langjährigen Beherrscher Ost- und Südosteuropas. Irgendwie musste der Raum östlich des Westens, westlich von Russland und nördlich Osmaniens ja organisiert werden. Die Österreicher als östlichste moderne Westler taten es!
Österreich entsprach in der Größe genau dem Muster, welches mit dem Nationalstaat Frankreich natürlich und historisch gesetzt wurde. Die Geographie der Geschichte hatte Frankreich, als insulare Sonderfälle auch Britannien und Spanien, zu jener Zeit und für Europa als Prototyp erwählt! Auch Deutschland war genau daran orientiert. Nun also auch Österreich.
Der Einzige, der sich nicht daran orientierte war damals Napoleon. Er versuchte an diesem Muster ein wenig zu experimentieren, indem er mal nach Ägypten und mal nach Russland ins Feld zog. Außer Chaos hat er dabei wenig erreicht. Um dieses natürliche Muster zu durchbrechen hätte er schon damals die beginnende Einigung Europas oder ein Reich Europa mit Frankreich, Deutschland und Österreich auf die Tagesordnung setzen müssen. Stattdessen wählte er, wie auch später Hilter, lieber das kriegerische, größere Abenteuer, dessen Katastrophe zwangsläufig und eigentlich vorhersehbar war.
Österreich überlebte so wie es war, um nach dem I.Weltkrieg als Verbündeter Deutschlands dann doch noch völlig zerrupft zu werden.
Diese neue Kleinstaaterei im Osten war natürlich eine Katastrophe auf Dauer, nicht nur für Österreich, sondern für Europa!
Worte wie Srebrenica oder Mostar zeugen fast 100 Jahre danach noch von dieser katastrophalen Langzeitwirkung der Nichteinigung Europas.
Gesetzt war die neue Zerplitterung vor allem von auswertigen Siegermächten, namentlich den viel größeren und mächtigeren USA.
Aber selbst Frankreich entschied sich sehr fatal für sein eigenes altes Größenmuster und eindeutig gegen Europa. Frankreich machte die Situation noch viel schlimmer als vorher, indem es als Sieger Osteuropa durch Kleinstaaterei einfach nur chaotisierte. Der nächste große Europakrieg ließ so nicht lange auf sich warten.
Demgegenüber ist die Europäische Union von heute eindeutig ein Segen. Sie muss weitergeführt werden, damit das Chaos nicht wieder von vorn beginnt. Zunächst müssen die leidgeprüften Osteuropäer alle mit aufgenommen werden. Dabei sind die demokratischen Strukturen zu verbessern, weil sonst keine Beständigkeit gesichert ist.
Wenn sich das einigermaßen etabliert hat, dann muss allmählich der Übergang zur eulysischen Einheit mit Russland und den islamischen Anrainern erfolgen. Wenn man das versäumt, wird es zwangsläufig irgendwann wieder chaotisch.
Die Österreicher werden das friedliche Wachsen Europas an ihren östlichen Grenzen jedenfalls unterstützen, daran teilhaben, davon profitieren und in bewährter Manier genießen.
Die Schweiz wollen wir nun nicht ganz vergessen. Die Schweiz kennen wir als sehr schöne touristische Gebirgslandschaft. Vor einigen Jahren habe ich vor allem den öffentlichen Bahnverkehr als sehr angenehm, preiswert und gut ausgebaut in der sonst teuren Schweiz vorgefunden. Damit soll es nicht mehr ganz so gut aussehen, wie mir Schweizer kürzlich berichteten. Die Schweiz hat seit langem ihren politisch-wirtschaftlichen Sonderstatus inmitten Europas, so auch im Bankenbereich. Ein Banksafe in der Schweiz gilt wenigstens noch als sicher vor staatlichem Zugriff.
Man kommt andererseits nicht umhin, sich da und dort organisatorisch in das europäische Gebilde einzupassen, weil man ja damit und davon leben will.
Erwähnenswert und lobenswert sind die Demokratieelemente der Schweiz, wo das Volk seit eh und je viel mehr zu sagen hat als anderswo. Das sollten sich die obrigkeitsstaatlich verwöhnten Politiker aus Deutschland oder Frankreich aber auch die einfachen und oft untertänigen Bürger ruhig mal ansehen. Wir leben doch in Demokratien, oder?


26. Bella Italia

Italien ist schöner, als ich vorher dachte. Die Kulturlandschaft ist einfach alt, echt, nicht imitierbar. Rom ist in seiner antiken Bebauung natürlich unschlagbar. Es gibt das schöne, überlaufene Venedig. Das ist aber nur der Anfang für Weltreisende.
Wohin man auch kommt, überall findet man kleine und große Städte mit wunderbaren antiken und mittelalterlichen Straßen und Plätzen und ebenso hübsche Gebirgsdörfer unter südlicher Sonne. Viele dieser abgelegenen Dörfer sind schon unterbelegt, weil die Jugend es dort natürlich nicht aushält. Aber die hier gewachsene Ästhetik des Bauens und Lebens sollte irgendwie bewahrt werden.
Verschönert wird diese Ästhetik durch die passende Lebensart. Nicht nur die Bauten sind schön, auch die Menschen selbst sind einen langen Blick wert. Ästhetik spielt hier ganz natürlich eine größere Rolle. Manche von uns teutonischen Urlauber in kurzen Hosen wirken dann eher befremdlich in dieser perfekten Kulisse. Die Italiener dagegen können sich wirklich sehen lassen. Obwohl alles sehr natürlich gewachsen ist, tun sie auch etwas für die gute Figur. Das sieht man im Schwimmbad, wo sie den Körper ausgiebig pflegen, bräunen und schließlich präsentieren.
Auch die Art der Ernährung ist dabei nicht zu vergessen. Wenn man von mediterraner Küche spricht, dann steht die italienische eher leichte Kost mit an vorderster Stelle. Obst und Gemüse stehen ganz oben auf dem Speiseplan und Fleisch ist eher ergänzend dabei. Stattdessen bilden Nudelgerichte und handgefertigte Pizzen einen zentralen Anteil und das alles zusammen macht die Küche leichter als anderswo am Mittelmeer.
Die Italiener selbst sind die besten Wirtshauskunden, wie man allabendlich beobachten kann. Was sollte man abends auch besseres vorhaben, als auf einer wunderschönen Piazza zu sitzen, Pasta, Salat und Wein zu genießen, das Leben zu zelebrieren, eher laut als leise zu diskutieren und zu gestikulieren.
Wein ist in Weingegenden immer ein extra Kapitel. Frankreich ist eigentlich bekannter dafür als Italien. Aber längst ist Italien eine eigene Adresse in dieser Hinsicht. Weinorte wie Barolo, Montepulciano oder Montalcino sind mittlerweile weltbekannt. Zum Essen ist eine schöne Flasche Wein für mich in Italien unentbehrlich. Besonders gerne erinnere ich mich an weinselige Stunden mit Valpolicella in der Innenstadt Veronas, mit Dolcetto in Ligurien und Vino Nobile in Montepulciano.
Rom war einst die Hauptstadt des gleichnamigen Riesenreiches. Leider ist es irgendwann in das oströmische Reich und die westlichen Nachfolgegebilde und später noch weiter zerfallen.
Unter Rom gab es das bisher einzige Reich, welches den gesamten Mittelmeerraum umfasste. Es war immerhin ein sehr langlebiges Reich. Das zeigt nur, dass ein Reich rund um das Mittelmeer möglich und natürlich ist. Warum es dann doch zerfiel, darüber ist schon viel spekuliert worden. Sicherlich spielten die expandierenden Randvölker im Norden und im weiten Osten eine wesentliche Rolle bei diesem Zerfall.
Zur Integration von Germanen, Slawen oder Persern fühlte sich Rom trotz seiner Größe nicht mehr in der Lage. Sonst hätte es eine Art eulysischen Verbund bereits zu jener Zeit gegeben. Auch das von Osten sich ausbreitende Christentum hat in der Verfassung Roms starke Verwirrung erzeugt und die ideelle Basis und damit das Reich selbst zerstört.
Für uns interessant ist die Frage, ob der Standort der Hauptstadt Rom mitverantwortlich für den Untergang des Reiches war, oder ob es ein anderer Standort besser getan hätte. Dazu sei erwähnt, dass das östlichere Konstantinopel als Hauptstadt des immer noch großen Oströmischen Reiches zumindest noch eine längere Zeit zu selbständiger imperialer Existenz in der Lage war.
Für die Standortwahl eines heutigen eulysischen Zentrums ist das ein Indiz dafür, dass eine solche Hauptstadtwahl eine etwas östlichere, eurasischere Komponente wohl berücksichtigen muss, als das mit der Hauptstadt Rom der Fall war.


27. Tour de France

Erst vor kurzem konnte ich mal wieder Frankreich bereisen. Dabei musste ich als eher östlicher Europäer feststellen, dass dieses große, reiche, schöne Land den Osten doch eigentlich gar nicht braucht.
Was sollen sich die Franzosen mit uns Osteuropäern herumärgern, wo sie doch alles Gute und Schöne selbst haben. Besser kann es für sie sowieso nicht werden. Ihr Klima ist sehr moderat mit viel Sonne. Sie haben genug Platz. Es sind ausgezeichnete und lange Küsten für Badeurlaub und Schiffahrt vorhanden. Die Küsten sind nur unterbrochen von wunderbaren Randgebirgen, die ebenfalls touristisch sehr wertvoll sind.
Sogar das Straßennetz ist perfekt und besser als in Deutschland. Franzosen haben eine ausgezeichnete Küche und dazu noch allerbeste Weine, ihren berühmten Käse und manches mehr. Sogar ihre Beziehungen nach Süden, also nach Nordafrika verbessern sich wieder. Was sollen sie also mit uns Trümmernationen im Osten Europas? Was sollen sie mit ewig nörgelnden und ständig politisierenden Mitbürgern?
Diese Frage ist uralt. Frankreich weiß, wie schön es selbst ist. Leben wie Gott in Frankreich ist ein weit verbreitetes treffendes Sinnbild.
Da man den weiten Osten nicht beherrschen konnte, hat man ihn immer auf Distanz zu halten gesucht. Mit Polen und Russen war man zwar befreundet, aber die waren sowieso weit weg.
Auch Deutschland war für Frankreich immer nur Peripherie. Es war gleichzeitig ein Puffer gegen die östlichen Weiten. Da dieser Puffer jedoch selbst immer wieder Ärger machte und aufstrebende Ambitionen hervorbrachte, war Stress zwischen den beiden programmiert. So hat es die großen Kriege bis ins 20. Jahrhundert hinein gegeben. Nach dem II. Weltkrieg ist es zur Verständigung gekommen, die bis heute zur Europäischen Union führte. Frankreich und Deutschland können also nur glücklich sein, wenn sie gemeinsame Sache machen, wenn es beiden gut geht.
Die Polen stoßen mittlerweile dazu. Dann kommt Richtung Osten mittlerweile die Frage auf, ob Russland dazu gehört.
Das heißt, geht es heute nicht doch darum, den besiedelten Kontinent Europa ganz zu beherrschen, zu kultivieren und zu pflegen? Kann irgendeine Abschottung und das absichtliche auf Distanz Halten in unserem durchgängig besiedelten Raum die Perspektive sein? Alle Erfahrung spricht dagegen. "Tear down this wall" forderte Reagan an der Berliner Mauer.
Aber das gilt nicht nur dort. Künstliche Grenzen taugen nichts! So wie Frankreich sich auf Dauer gegen Osten nicht abschotten konnte, so kann es auch Westeuropa gegenüber Russland nicht. Man muss nicht alle Unterschiede aufheben. Eine Gemeinschaft und eine gewisse Einheit sollte man jedoch in Angriff nehmen.
Mein Vater war 1942 noch als dummer Bauernjunge und Soldat in Frankreich in eingefallen. Er lernte so Le Havre kennen, was nach seiner Aussage viel schöner war, als alles was er als mecklenburgischer Dorfjunge bis dahin kannte.
Unsereins fährt mittlerweile als Urlauber dahin, was doch noch viel schöner ist. Umgekehrt ist das nach wie vor nicht so. Das heißt Franzosen fahren eher selten in die östlichen Gefilde, was bei den Holländern ja ganz anders ist, da sie wohl überall hinfahren. Franzosen sind mit ihrem Land offenbar völlig zufrieden. Und das kann ja auch so bleiben.
Eines sollten sie aber nicht vergessen. Auch der gesamte Osten Europas braucht Ordnung und Wohlergehen. Und dafür ist Frankreich mitverantwortlich, weil es ein wichtiger Teil Europas ist und weil es sogar das geographische Muster vorgibt. Frankreich darf sich nicht abschotten. Es muss daran mitwirken, Europa zu einen und zu kultivieren. Anderenfalls macht es Europa und damit auch sich selbst kaputt.
Nach Süden hin hat Frankreich mit seinem Einfluss in Afrika, besonders im nordwestlichen Teil, eine lange Tradition, die unbedingt nützlich ist.
Der Raum südlich der Sahara kann nicht mehr Eulysien sein, was bereits begründet wurde. Dort kann man helfen, aber die Raumbildung muss intern erfolgen. Im Norden allerdings, insbesondere in Marokko, Algerien und Tunesien, hat man den eulysischen Teil, in dem Frankreich seine besonderen Beziehungen, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten zum Nutzen aller Beteiligten wahrnehmen kann.
Der Autor ist kein Frankreichspezialist, aber ein paar schöne Frankreicherlebnisse lohnen sich aufzuzählen.
Wenn man von Deutschland aus in das Land hinein fährt, dann sind die Weinberge und Weindörfer im Elsaß ein wunderbarer Start, auch wenn sie optisch gar nicht so französisch wirken. Die weißen Weine, von preiswert bis teuer, waren viel besser als vorher gedacht. Es lohnt sich, hier ein paar Flaschen mitzunehmen.
Die Dörfer gelten als Spiegelbild der ostrheinischen Schwarzwaldseite. Sie sind äußerst gut gepflegt, oft mit Fachwerk, farblichen Verzierungen und blumengeschmückt. Die Weinberge ziehen sich rheintalseits wunderbar an den Vogesen entlang und bilden so eine einzige Weinlandschaft. Kommt man etwas höher in die Berge, erscheint hier eine urwüchsige Mittelgebirgslandschaft mit kräftiger Bewaldung, die ihren altertümlichen gewachsenen Reiz sehr gut erhalten hat.
Weiter südlich in Burgund konnte ich auch wieder nur vom Wein schwärmen. Dort hatte ich bei einer Flasche einfachem Aligote einst meine Weininitiation. Natürlich hat Burgund bedeutendere Weine, aber selbst Aligote war okay.
Die Gegend von Grenoble ist keine Weingegend, doch konnte ich hier eine Bergetappe der Tour de France mitverfolgen. Unser nahe gelegener ganz einfacher Landgasthof bot immerhin gute französische Menüs und war schön, preiswert und solide. Die Wirte waren dazu äußerst nett. Das einzige Problem war hier die Zunahme des eigenen Körpergewichts, der man durch die Bewirtung ausgesetzt war.
Eine Fahrt durch das Zentralmassiv hat sich mit wunderschönen weiträumigen Bildern eingeprägt, während die Cevennen kleinteiliger und oft stark bewaldet sind.
Im bald anschließenden Languedoc-Roussillon spielt dann der Wein wieder eine größere Rolle. Die Gegend ist bekannt für Weine in der Massenproduktion. Erstaunlich war nur, dass hier Weine selbst der preiswertesten Sorte noch ausgezeichnet schmeckten.
Ein Abstecher von Nimes an die Küste nach la Grande Motte zeigte schöne obwohl staatlich geplante Architektur am Mittelmeer. Die Küste bot lange Sandstrände, was den Eindruck verstärkte, dass die Franzosen von Natur aus alles haben, was man so braucht. Außerdem gibt es in Städten wie Nimes, Arles oder Montpellier sogar antike Römerbauten zu besichtigen. Das Geräusch der Zikade ist meistens präsent und lässt original südliche Stimmung aufkommen.
Innerhalb Eulysiens liegt Frankreich eher am westlichen Rand. Durch reiche Natur und Landschaft, durch die Küstenlagen, durch den Zugang zum zentral gelegenen Mittelmeer sowie die Verbindung zum Maghreb hat es trotzdem günstige Lagefaktoren. Auch wenn es selbst nicht das Zentrum Eulysiens sein kann, so kann es doch vom Zentrum und von eigenen Faktoren profitieren.


28. Spanien und Portugal

Über diese beiden möchte ich nicht viel schreiben, weil ich sie persönlich erst wenig nicht kenne. Nur Mallorca ist mir persönlich bekannt. Desweiteren ist dieses Kennenlernen aber neuen Reisen oder der geplanten Eulysientour vorbehalten.
Auch Spanien, zusammen mit Portugal, bildet einen kleinen Kontinent. Es ist eine große und sehr separate Halbinsel am Rand Europas. Durch diese Sonderstellung war es nie prädestiniert, zum Gestalter Europas zu werden. Eher hat man sich, ähnlich wie England, der äußeren Welt zugewandt und so auch Amerika entdeckt und erobert. Als die Kolonien sich mehr und mehr verselbständigten, war man jedoch wieder auf sich selbst und auf Europa zurückgeworfen.
Die heutige europäische Einigung kam da gerade zur rechten Zeit, da die iberische Halbinsel eher ein einsames Schattendasein führte. Für die beiden Länder, die ihren überaus reichen Kolonialglanz schon lange hinter sich gelassen hatten war das Projekt Europa ein gutes Stück Hoffnung.
Und tatsächlich kamen mit Europa einige Fortschritte ins Land. Sogar moderne Industrie wurde errichtet, wie einige Autofabriken. Auch die südliche Landwirtschaft mit Gemüse, Obst und Wein profitierte vom europäischen Markt. Ein besonderer neuer Faktor wurde der Tourismus. Nach Spanien und Portugal fahren außerordentlich viele Urlauber aus nördlichen Ländern. Manche lassen sich zum Wohnen sogar ganz hier nieder. Am bekanntesten dafür sind sicherlich die Baleareninseln aber auch das Festland profitiert.
Die Randlage in Eulysien werden Spanien und Portugal nicht loswerden können. Trotzdem hat man die günstige Küstenlage, insbesondere zum Mittelmeer. Nach Süden hin bieten sich zudem gute Anschlüsse in den dann aufstrebenden Maghreb.
Aus dem ganzen großen westlichen Afrika und aus dem sprachlich und historisch verbundenen Lateinamerika wird es immer wieder starke Impulse durch Zuwanderung und durch Handel und Wandel geben. Schlecht ist die heutige geographische Lage Iberiens also nicht.


29. Auf in den Maghreb

Die Maghrebstaaten sind Marokko, Algerien und Tunesien. Insbesondere durch Algerien ist das staatlich gesehen ein Riesenterritorium.
Einigermaßen dichte Besiedlung gibt es jedoch nur auf dem schmalen Europa zugewandten Küstenstreifen von etwa 200 Kilometer Breite. Nach Süden folgt dann die bis zu 2000 Kilometer breite Sahara. Südlich davon beginnt Schwarzafrika.
Mit wem sollte die hier ansässige, stark gewachsene Bevölkerung also kooperieren und Wirtschaft pflegen? Zuallererst mit Europa natürlich. Das liegt doch ganz dicht und gleich gegenüber. Mit dem Schiff ist man doch ruck zuck in Spanien, Italien und Frankreich. Gibraltar liegt gar in Sichtweite. Das Mittelmeer ist nur ein größeres Binnenmeer.
Das war schon früher so. Zur römischen Zeit, zur Zeit der Mauren, unter dem Einfluss Spaniens oder als französischer Teil hatte der Magrheb diese mediterrane Beziehung. Trotz Abschottung und Islamisierung kann das auf lange Sicht aus festen geographischen Gründen gar nicht anders sein. Der Maghreb und Europa lassen sich nicht trennen. Sie sind beide Teil Eulysiens.
Zum Glück gibt es politische Arbeit in diese Richtung. Ein Europa-Mittelmeerabkommen mit dem Ziel einer Freihandelszone existiert. Bilaterale Beziehungen zur Kooperation zwischen Spanien und Marokko und zwischen Frankreich und Algerien sowie EU-Beziehungen entwickeln sich.
Die jüngere Geschichte der Maghrebstaaten war eher unglücklich. Am schlimmsten hat es Algerien getroffen. Nachdem es sich 1962 von der Vormundschaft Frankreichs losgesagt und befreit hatte versuchte es sich mit sozialistischer Planwirtschaft. Die Planwirtschaft war bekanntlich nirgends ein großer Erfolg. Mit dem Scheitern des Ostblocks wurde es aber noch schlimmer. Es gibt seitdem quasi einen islamistisch inspirierten Bürgerkrieg mit zehntausenden von Toten.
Dabei ist Algerien von Natur aus ein reiches Land. Das Land ist sehr groß, man hat weiträumige Möglichkeiten für die Landwirtschaft, es gibt schöne weite Küsten und man hat ganz viel Erdöl und Gas. Wenn man irgendwann die Solartechnik großtechnisch nutzen kann, ist Algerien wieder in guter Position. Vielleicht lassen sich für das weitläufige Saharagebiet weitere Nutzungen finden. Selbst der französisch inspirierte Weinbau hatte Tradition, ist dann jedoch vernachlässigt worden und weitestgehend kaputt gegangen.
Moslems ganz allgemein mögen ihr eigenes von Gott bestimmtes Reich für das beste halten. Trotzdem ist die absondernde Islamisierung Algeriens kein Heilsbringer. Ganz im Gegenteil. Es wird hier völlig die geographische Situation verkannt, denn Maghreb und Europa gehören zusammen wie die Karte zeigt.
Die Islamisten werden Gründe haben für ihren Kampf. Dazu gehören insbesondere die schlechte Regierung mit Korruption und schwacher Wirtschaft. Der zweite Grund für die unglückliche Islamisierung Algeriens ist das Fehlverhalten Europas.
Bisher hat Europa diese nahe gelegene Weltgegend immer als außenstehend behandelt, so in der Ablehnung Marokkos als EU-Kandidat. Europa muss sich endlich um diese Gegend kümmern, damit nicht noch mehr kaputt geht.
Der dritte Grund ist das Islamisierungskonzept selbst. Mit einer Religion als Glücksbringer können wir uns in der modernen Zeit doch nicht mehr recht anfreunden. Nirgends hat eine Religion allein oder ein sonstiger Glaube Wohlergehen für die Bürger gebracht. Arbeit, Wissenschaft und kluge Wirtschaft machten das Leben der Menschen besser. Lassen wir den Glauben besser Privatsache sein. Irgendetwas müssen wir glauben, weil wir nicht alles wissen können. Aber, soll doch jeder glauben was er selbst für richtig hält.
Der Maghreb und insbesondere Algerien ist es wert, entdeckt zu werden. Reisende in diese Gegenden kenne ich schon. Zu kommunistischer Zeit gab es zwischen Ostdeutschland und Algerien gute Beziehungen, sie waren schließlich "Teil des sozialistischen Lagers", wodurch auch ein guter Bekannter als Urlauber nach Algier reisen durfte. Algerier selbst hielten sich zu Ausbildungs- und Arbeitszwecken in Ostdeutschland auf.
Marokko ist heute noch ein relativ normales Reiseland ebenso wie auch Tunesien, wo verschiedene Bekannte und nähere Verwandte noch jüngst gewesen sind. Die Islamisierung hat das Reisen dort gegenwärtig etwas schwieriger gemacht. Es gab die Meldungen von vermissten deutschen Saharatouristen oder von Bombenattentaten in Tunesien und Marokko. Das ist ein ernstes Problem und kann noch länger eines bleiben. Man sollte den Faden aber nicht abreißen lassen und immer daran denken, dass Europa und Maghreb eine natürliche Einheit sind.


30. Libyen

Das Riesenland Libyen hat nur knapp sechs Millionen Einwohner. Das hat mit der trockenen Natur zu tun, denn Niederschlag kommt hier nur in ganz geringer Menge und auf sehr begrenzten Territorien bei Tripolis und bei Bengasi an.
Die menschliche Ernährung fand hier also keine rechte Basis. Obwohl nach wie vor recht sonderbar und eigenwillig regiert, hat das Land durch Öl- und Gasreichtum eine deutlich verbesserte Perspektive.
Durch die fast benachbarte Lage und die Geschichte hatte Libyen immer gesonderte Beziehungen zu Italien. Das ist auch heute wieder so durch Wirtschaftskontakte und Öllieferung. Durch die Isolationspolitik Gaddhafis war das Land trotz seiner Größe seit langem ziemlich unbekannt. Das scheint sich erst neuerdings etwas zu lockern.
Gaddhafi versuchte es immer mit wechselnden Koalitionen. Mal war er Freund der Russen und des Ostblocks, ein andermal tat er sich als Sprecher Afrikas hervor. Heute gibt er sich eher weltoffen. Soll er sein Land ruhig öffnen, damit es endlich besucht werden kann.
Mein einziger Bekannter, der je nach Libyen gekommen ist, war mein Onkel Paul. Das war 1942, als er dort als Soldat mit dem deutschen Afrikakorps unterwegs gewesen ist. Sicherlich wird sich auch uns Normalreisenden das Land irgendwann zu erkennen geben.


31. Ägypten

Die Integration Ägyptens in politische Strukturen des kommenden Eulysiens ist schwieriger als in den Maghrebstaaten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zunächst ist es die größere Entfernung zwischen Zentraleuropa und Ägypten. Für den Maghreb ist Europa der einzige nahegelegene Partner. Bei Ägypten und den anderen Staaten des nahen Ostens ist das anders. Sie könnten als volkreiche Kernstaaten Ägypten, Türkei und möglichst auch Iran ein eigenes großes Reich gründen. Das wäre möglich und geographisch nicht die schlechteste Variante für die dortigen Völker.
Allerdings würde es Europa direkt gegenüberstehen und die traditionelle Gegnerschaft zwischen Europa und dem alten Osmanischen Reich, insbesondere in Südosteuropa, wiederbeleben. Diese Gegnerschaft kann sich keiner ernsthaft wünschen.
Ein nächster Grund ist die mit Armut verbundene hohe Einwohnerzahl Ägyptens von 70 Millionen. Die überwiegend im schmalen Niltal lebenden ursprünglich landwirtschaftlichen Ägypter brauchen bessere wirtschaftliche Perspektiven. Daran muss gearbeitet werden, aber einfach ist das nicht.
Ein bereits erwähntes Problem war die Findung der eulysischen Außengrenze, die gerade bei Ägypten durch das bewohnte Niltal nach Süden Richtung Schwarzafrika etwas offener als anderswo ist.
Ägypten hat schon lange gute Beziehungen zu verschiedenen europäischen Staaten, worauf sich aufbauen lässt. Die militante Islamisierung schreitet zwar in Ägypten voran. Das hat aber mit starken Demokratiedefiziten zu tun.
Eigentlich gelten die Ägypter als diskussionsfreudig und humorvoll. Ihre Geschichte ist viel älter als die des Islam. Da müsste sich demokratisch doch mehr machen lassen. Ägypten ist immerhin eine jahrtausendealte Kultur, bei der sogar der Islam nur einen Teil des Spektrums ausmacht. Europa sollte mit diesem großen Staat Ägypten mehr ins Gespräch kommen. Traditionell hatte Britannien besondere Beziehungen. Besser wäre, wenn Europa insgesamt sich um diese Beziehung kümmern würde.
In deutschen Supermärkten konnte ich immerhin schon ägyptische Waren kaufen, zum Beispiel frische Bohnen. Als Reiseland ist Ägypten durch Rotes Meer und Pyramiden bei uns bekannt. Das Rote Meer betreffend gibt es vor allem für die kalten europäischen Wintermonate Reserven für den Ausbau des Tourismusgeschäfts. Es ist eine im Winter warme Küstengegend, die von Europa einigermaßen schnell erreichbar ist. Den Ägyptern selbst bietet diese touristisch attraktive Meeresküste die wirtschaftliche Chance aus dem übervölkerten Niltal etwas wegzukommen.


32. Saudi-Arabien

Arabien kann noch Teil Eulysiens sein, sofern es das überhaupt will. Jedenfalls sollte Eulysien den Raum langfristig als Mitglied anstreben. Saudi-Arabien ist ein dünn besiedelter Wüstenstaat und daher ein Grenzraum. Durch das religiöse Zentrum um Mekka und durch den außerordentlichen Ölreichtum ist die Stellung des Landes stark individualisiert.
Bekannt ist das Land heute durch die Unterstützung islamischer Gläubiger weltweit, einschließlich militanter Extremisten. Andererseits ist es ein Verbündeter und Lieferant von Öl für die USA und den Westen.
Reisefreiheit und überhaupt westliche Freiheiten und Demokratie sind in diesem Land noch unterentwickelt. Schlecht steht es mit den Frauenrechten. Dafür sorgt die Ausrichtung auf die strenge Sonderform des Islam den Wahhabismus, der speziell auf das herrschende Königsgeschlecht zugeschnitten ist.
Durch diese wenig offene, unkontrollierte Politik kann Geld der Saudis international eine Gefahr darstellen. Man sollte daher auf Verbesserung der demokratischen Verhältnisse Einfluss nehmen. Kontakte sind immer gut, so auch hier. Vor internationaler geldgestützter saudischer Religionsförderung sollte man auf der Hut sein, weil sie die Kulturen in Europa und Eulysien auseinandertreibt und zu Feinden machen kann. Wahrscheinlich muss man sich mit diesem Land erst mal richtig befassen, um den Grund für den religiösen Eifer zu erkennen. Vielleicht ist es finanzieller Hochmut gepaart mit Massenverführung zum Zwecke des eigenen Machterhalts. Religiöse Hetzerei sollte sicherlich verfolgt und bestraft werden. Das ist nur sinnvoll, wenn man die islamischen Länder aus Eulysien nicht ausgrenzt. Anderenfalls wäre der religiöse Eifer berechtigt. Außerdem sollte man viel mehr über die Verhältnisse in diesem Riesenraum wissen, bevor man völlig falsche Schlüsse zieht. Auch von kleineren Liberalisierungen in Saudi-Arabien ist immer mal wieder zu lesen, zum Beispiel bei Frauenrechten und Einreise. Reisen nach Arabien tun also dringend Not.
In Arabien findet man noch weitere Länder wie Jemen, Oman oder die Emirate. Aus dem Jemen hatte ich mal einen unvergesslichen Studienfreund, Nasser mit Namen, der ein sehr angenehmer, intelligenter und freundlicher Mensch war. Er studierte Pharmazie.
Die Emirate immerhin lassen sich von Deutschland aus leicht bereisen, was gute Bekannte auch schon taten. Auch Oman ist liberal und reisefreundlich.
Der Süden der Arabischen Halbinsel ist bereits Indien und Afrika zugewandt. Auch wegen der geringen Entfernung dorthin muss man vor allem wegen dem volkreichen Indien mit entsprechenden geopolitischen Einflüssen in Arabien rechnen. Spätestens östlich und südlich Arabiens kann nicht mehr Eulysien sein, weil dort bereits Indien und Afrika beginnen.


33. Irak

Was die Amerikaner sich bei Saudi-Arabien nicht trauten, das taten sie im Irak. Als das Land nicht so mitspielte wie es sollte, wurde es militärisch angegriffen und die vorhandene Regierung abgesetzt. Ging es dabei wirklich nicht um Öl?
Irak gehört natürlich zu Eulysien. Es ist Teil der geschlossenen eulysischen Besiedlungszone. Wenn die Türkei Mitglied der Europäischen Union würde, warum sollte dann ausgerechnet der benachbarte Irak kein Mitglied sein können? Natürlich werden dafür längere Zeiträume gebraucht.
Europa kann sich einmischen, um für den Irak positive Entwicklung zu erreichen. Dazu sollte man die eulysische Perspektive darstellen und sich als Interessenvertreter der Iraker zeigen. Das heutige politische Chaos im Irak mit der Zersplitterung in sunnitische, kurdische und schiitische Bereiche könnte sich als Problem abschwächen, wenn die eulysische Pespektive erkennbar wird. Schließlich wären dann auch die Kurden in der Türkei und im Idealfall der schiitische Iran darin eingebunden.


34. Israel und Umgebung

Über Israel und Palästina ist schon viel geschrieben worden, das möchte ich hier nicht weiter strapazieren. Mit Eulysien könnten die drei großen Religionen hier ihren Frieden finden und damit auch Israel und Palästina. Die Gegend liegt direkt am eulysischen Mittelmeer. Sie liegt somit sehr günstig.
Bekannte und nahe Verwandte waren schon nach Israel unterwegs. In Deutschland kriegt man mit jüdischer Geschichte selbstverständlich und zwangsläufig zu tun. Erstaunlich ist immer und immer wieder, zu welchen hervorragenden Leistungen Juden auf den unterschiedlichsten Gebieten kommen. Wie sie das schaffen ist bewunderns- und ergründenswert.


35. Land der Türken

Eigentlich müsste es Land des Atatürk heißen. Atatürk war es, der nach dem Zerfall Osmaniens die Gegend arrondierte und seine neue Hauptstadt Ankara mitten in das Land hineinschob und so einen festen Kern schuf. Die Türkei ist mit 70 Millionen Einwohnern ein demographisches Schwergewicht und ein Machtfaktor in Eulysien.
Falls die Türkei und Europa weiter zueinander tendieren, dann ist das die entscheidende Grundlage für die positive und finale eulysische Einheit im Osten.
Falls die Türkei sich von Europa abwendet, dann wird es das Gegenreich zu Europa im Osten Eulysiens geben!
Dazu würden notwendig weitere Nachbarn der Türkei gehören. Das würde dann auch die alten Grenz- und Machtprobleme in Südrussland, auf dem Balkan und im Maghreb wiederbeleben.
Es wären dann langfristig zwei oder mit selbständigem Russland sogar drei Machtblöcke in dichter Nachbarschaft verfestigt. Alte Erzfeindschaften, wie sie früher zwischen Frankreich und Deutschland stattfanden, wären dann im Osten, im Südwesten und Südosten Europas zu finden.
Diese Dreiteilung wäre auf jeden Fall nicht der große Wurf, der mit Eulysien möglich ist. Als Machtfaktor in der Welt wäre Eulysien damit zurückgestuft. Gegenüber großen Mächten wie USA und China wäre man so separiert stark benachteiligt. Es besteht weiterhin die Gefahr, dass diese inneren Zwistigkeiten in Eulysien von äußeren Mächten dankbar benutzt werden. Das muss nicht mal böswillig gemeint sein, aber schaden wird es. Schließlich ist jeder für sich selbst verantwortlich.
Einfach ist letztlich keine der genannten Varianten. Jedoch trennt man ohne große Not keine dicht liegenden Siedlungsräume. Solche künstliche Trennung ist mit Sicherheit die schlechtere Variante.
Auch als Reiseregion würde die Türkei nebst südöstlichem Gefolge dann ausfallen. Für Reisende aus Europa, insbesondere aus Deutschland, ist die Türkei heute eine zunehmend gute Adresse. Es gibt antike griechische Kultur, orientalische Stimmung und südliche Badeküste. Und in Deutschland leben durch Arbeitseinwanderung viele Bürger türkischer Herkunft. Solche guten Beziehungen sollte man unbedingt weiter lebendig halten.
Die Türkei gehört nach Eulysien, so wie Europa auch. Die Differenzen durch die unterschiedlichen Religionen werden sich abschwächen, wenn auch in türkischen und anderen islamischen Völkern der in Europa gewohnte Wohlstand Einzug hält. Eine auf effektive Ökonomie gegründete Gesellschaft vermag viele Probleme zu lösen.


36. Ein Abstecher nach Armenien

Die Armenier sind eine Art christliche Exklave im sonst muslimischen Umland. Als ich im Jahre 1983 das Land besuchte, war diese christliche Prägung, obwohl damals sowjetisch, deutlich zu spüren. Es fanden sich etliche Kirchen, christliche Heiligtümer und Reliquien, die mit großem Stolz präsentiert wurden. Selbst antike griechische Kultanlagen gab es, die auf die uralte Geschichte Armeniens verweisen. Armenien, das kleine Land im Osten mit eigener Schrift, wirkte europäisch.
Die staatstragenden Russen liebte man damals nicht, das war deutlich zu merken. Die Türken liebte man sogar offiziell nicht, unter anderem weil diese den wunderschönen armenischen Berg Ararat besetzt hielten und wegen der heute allgemein bekannten Massaker an Armeniern. Große geopolitische Auswahl hatten die Armenier nie, irgend jemand hatte sie immer in der Hand. Man war damals Teil der Sowjetunion.
Die Gastfreundschaft der Armenier war bemerkenswert. Sie bewirteten uns üppig und zeigten gern alle ihre Schönheiten. Und sie fuhren wild mit dem Wolga auf breit geteerten Straßen.


37. Iran und weiter östlich

Der Iran ist im Westen aus klimatischen Gründen weit dichter besiedelt als im Osten. Im Osten breiten sich bis nach Afghanistan und Pakistan hinein große Wüstengebiete und spärliche Gebirgssteppe aus. Lediglich im Nordosten um Meschhed ist die Besiedlung wieder dichter.
Es wurde bereits beschrieben, dass diese Wüstengegend die natürliche Abgrenzung zwischen Eulysien und Indien bildet. Der Iran gehört somit noch zur eulysischen Besiedlungszone, während die beiden östlichen Nachbarn schon natürlicher Teil Indiens sind. Grenzziehung ist häufig ein Problem, aber wo soll die Grenze zwischen Eulysien und Indien sein, wenn nicht hier.
Politisch ist Iran derzeit alles andere als europaorientiert. Man hat eigentlich gar keine Orientierung, außer seine eigene religiöse Intensität zu verfolgen. Das war bekanntlich mal anders, als man ähnlich wie die Türken den Westen als Beispiel nahm.
Vom Westen enttäuscht folgte die anfangs bejubelte iranische Revolution mit ihrem schiitischen Gottesstaat. Neuerdings scheint man aber nicht mehr zufrieden mit dieser religiösen Form der Staatsführung zu sein. Jedenfalls machen sich Anzeichen von Liberalisierung bemerkbar.
Iran ist bekanntlich sehr islamisch. Aber dieser schiitisch genannte Islam ist eben ein besonderer. Das hat zweifellos mit der iranischen Geschichte zu tun, die als Persisches Reich viel älteren Ursprungs als der junge arabische Islam war. Man meldet somit eigenständige Ambitionen gegenüber der arabischen Welt an.
Der Iran sollte ermuntert werden. Diese Gegend lässt sich durchaus politisch in Eulysien einbinden. Immerhin hatte man schon mal sehr gute Beziehungen zum Westen. So weit liegt man gar nicht auseinder. Dieser Prozess braucht auf jeden Fall Zeit und sollte von Europa ausgehend als geziehlte Annäherung erfolgen.
Dass das streng islamische Glaubenssystem des derzeitigen Iran nicht zu Europa passt, sollte klar sein. Westliche Freiheit und Sozialstaatsmentalität contra islamischer Glaube lautet derzeit die Alternative. Da ist so schnell keine Einheit zu machen, zumal der Glaube für die armen Massen im Osten eine tatsächliche Funktion hat, indem er eine bescheidene Hilfe gegen das tägliche harte Schicksal darstellt.
Wirtschaftliche Freiheit und Wachstum bei gleichzeitiger Bescheidenheit in den Ansprüchen sollten allerdings für beide Weltgegenden notwendiger Maßstab sein. Freiheit und Glaube sind somit nicht völlig entgegengesetzt.
Ein Bekannter war schon im Iran arbeiten. Die deutsche Fußballbundesliga hat mehrere iranische Spieler. Ich habe über den Iran schon einiges gelesen. Die direkte Bekanntschaft mit diesem großen Land steht noch aus.
Von Iran Richtung Osten liegen dünn besiedelte Wüsten und Gebirgsgegenden. Erst das Industal Pakistans ist wieder eng bewohnt. Pakistan ist zwar islamisch, gehört durch die außerordentliche Nähe geopolitisch jedoch zum eindeutig großen überwiegend hinduistischen Indien. Ganz Indien muss diesen religiösen Glaubensdualismus überwinden, wenn es vernünftig leben will.
Nördlich vom Iran und östlich des Kaspisees finden sich weiterhin die riesigen kaum bewohnten turkestanisch-kasachischen Wüsten- und Steppengegenden. Das ist somit Grenzland.
Das östlich und südlich zu den Wüsten gelegene Besiedlungszentrum um die Städte Duschanbe, Samarkand, Taschkent bis Almaty ergibt durch die isolierte Lage das schwierigste Zuordnungproblem. Aus eulysischer Sicht sollte festzustellen sein, dass diese Gegend sicher nicht mehr Teil Eulysiens ist. Sie liegt hinter den Wüsten und ist außerdem viel zu weit weg vom Kern Eulysiens. Am wahrscheinlichsten ist es, dass die kommende Großmacht Indien sich der Entwicklung dieses Siedlungsraumes mehr annimmt. Indien ist hier der einzige nahegelegene große Machtpol. Außerdem ist Indien trotz riesiger Bewohnerzahl in der Fläche recht klein. Die Ausdehnung des indischen Einflusses über Pakistan und Afghanistan in den nahen Norden wäre nur natürlich. Auch China könnte allerdings ein Auge auf die Gegend geworfen haben. Indien liegt jedoch günstiger.


38. Sibirien

Von Iran nach Sibirien ist es immer noch ein weiter Weg. Dazwischen liegt auch das riesige Kasachstan. Der nördliche Teil dieses Landes ist mehr russisch besiedelt und gehört eher zu Russland, denn zum südlichen Siedlungspol um Taschkent.
Sibirien kennt unsereins vom Hörensagen besser als die eben behandelten Gegenden. Es war Teil unseres Verbündeten im Ostblock, der Sowjetunion. Man hat sich im Studium damit beschäftigt und es wurde mal von Studienkollegen bereist. Es gab eigene Brieffreundschaften in diese Gegend.
Mehr noch war es mir bekannt aus den Erzählungen meines Vaters. Nachdem der Frankreicheinsatz beendet war wurden sie im Frühjahr 1943 an die Ostfront befohlen. Dieser Einsatz endete schließlich im Gefangenenlager in Nowosibirsk. Vier Jahre musste er dort bleiben, eine ausreichende Zeit, um Land und Leute etwas kennenzulernen.
Die deutschen Krieggefangenen wurden natürlich mit Arbeit beschäftigt. Insbesondere der Bau eines großen Theaters blieb meinem Vater gut in Erinnerung. Er selbst arbeitete überwiegend als Dreher an einer Werkbank. Die Kost war spärlich aber sie wurden von den Russen nach seiner Aussage gerecht behandelt.
Die Millionenstadt Nowosibirsk lässt sich von Russland aus schon als Außenposten bezeichnen. Die Besiedlung Sibiriens erfolgte als schmales südliches Band über die großen Städte Tscheljabinsk, Omsk, Nowosibirsk weiter nach Osten. Irkutsk, über 1000 Kilometer weiter am Baikalsee, ist schon kleiner.
Chabarowsk und Wladiwostok liegen weit, weit im Osten und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis das demographisch schrumpfende Russland diesen Raum wieder an die immer mächtigeren Ostasiaten abgibt. Eigentlich ist das gar nicht so schlimm, man weiß mit dem riesigen Land dort ohnehin nichts anzufangen.
Die östlichen Häfen brauchte man als militärische Weltmacht, die man aber nicht mehr ist. Eine Handelsmacht ist man nie gewesen. Außerdem gehörte die Gegend früher sowieso zu China.
Eulysien reicht für uns im Osten höchstens bis zum Baikalsee mit Irkutsk. Südlich liegen die mongolischen Wüsten, die als Grenzland chinesischer Einflussraum sind. Nördlich gibt es unbesiedelte kalte Taiga, die nur als Rohstofflieferant und Naturraum von Bedeutung sein kann. Weiter im Osten ist die Besiedlung sehr dünn und geht hinter dem Amur bald in dichte chinesische Einwohnerschaft über.


39. Westwärts nach Moskau

Nur wenige Westeuropäer kennen Russland aus eigener Ansicht. Die meisten Begegnungen gab es noch im Militärzustand bei Generationen deutscher Väter. Ostdeutsche zog es zu Ostblockzeiten öfter mal nach Russland, so zum Bau von Erdgasleitungen, zu ausgesuchter Besichtigung und zum Studieren. Zahlreiche gute Bekannte absolvierten Studien in Wolgograd, Smolensk, Rostow, Kaluga und anderen größeren Städten.
Mein eigener Aufenthalt in Moskau fand eben zu jener Zeit statt. Am Mausoleum stand damals noch eine Menschenschlange von zwei Kilometer Länge, und Lenin wirkte wie von innen beleuchtet.
In der geographischen Fakultät der Lomonossow-Universität wurden die Studenten, anders als bei uns, tatsächlich zur Erforschung und Nutzung eines großen Reiches ausgebildet. Die allgegenwärtige Geheimhaltung machte die Landkarten aber auch hier schlecht.
Sieht man auf die eulysische Bevölkerungskarte, so ist Moskau immer noch Teil des eulysischen Kerns. Es ist nur etwas an den nordöstlichen Rand geschoben. Bis Wien sind es um die 1500 Kilometer, bis Delhi oder Peking aber das Mehrfache davon.
Um Moskau, südlich davon und östlich Richtung Wolga ist der eigentliche Kern Russlands, wo die große Masse der Bewohner lebt. Moskau ist damit zweifellos ein wichtiger Teil Eulysiens.
Hinsichtlich der Fläche und der Einwohnerzahl ist der russische Kern deutlich größer als alle anderen europäischen Staaten. Das weckt immer wieder die Furcht vor Moskauer Herrschaft. Dergleichen muss man ernst nehmen. Wie das Zentrum eines Spinnennetzes liegt Moskau über dem Osten.
Trotz dieser Größe und der spinnenförmigen Ausdehnung über das weite Osteuropa hängt Russland unmittelbar mit dem zentraleuropäischen Siedlungskern zusammen. Wer wirklich in europäischen Dimensionen denkt, kann gar nicht darauf kommen, hier eine Trennlinie zu ziehen. Gerade solch eine Grenze hat immer nur Unheil hervorgebracht.
Russland ist eine Art europäische Halbinsel, wie all die anderen großen Halbinseln und Inseln in Europa auch. Es ist nur etwas größer und kontinentaler.
Auch die Russen selbst sollten wieder auf ein vernünftiges Maß zurückfinden. Als selbstverständlicher Teil Europas und Eulysiens werden sie sich viel besser fühlen, denn als Beherrscher Eurasiens. Hier können sie Ruhe und Wohlergehen finden, dort gälte es vor allem die Grenzen im Westen, Süden und Osten mühsam zu verteidigen.


40. Ukraine

Die Abspaltung der Ukraine von Russland ist ein außergewöhnliches Ereignis, denn die 50 Millionen Einwohner zählende Ukraine ist ja selbst ein Stück russisches Kernland.
Sofern beide die eulysische Perspektive gewinnen, sollte diese Trennung jedoch weniger schwer wiegen. Die Ukraine wird demokratisch, was die jüngsten Präsidentenwahlen kraftvoll zeigten.
Von der heutigen Ukraine kenne ich persönlich nur die Krim. Davon haben sich ein wunderbarer Kefir in Simferopol, eine Weinverkostung und das schöne blaue Bademeer bei Jalta in meiner Erinnerung festgesetzt. Auch die Bewohner und Wirtsleute waren freundlicher als man das sonst von Sowjetrussland kannte. Es ging sehr sonnig zu auf der Krim.
Diese Sonnenseite müssen auch die schwäbischen Vorfahren im Auge gehabt haben, als sie im frühen 19. Jahrhundert nach Bessarabien, nördlich Odessa, siedelten. Sonnenblumen, Melonen, Weintrauben waren auch damals schon Früchte für den besonderen Genuss. Meine arme Mutter musste ihr in einem Bildband verewigtes Heimatdorf Teplitz, welches von Hitler an Russland verschachert worden war, in der heutigen südwestlichen Ukraine leider im Alter von neunzehn Jahren 1940 verlassen. Sie hat es seitdem nicht wiedergesehen.
Mein Vater hat die Ukraine als Soldat erlebt, sogar den Ort Tschernobyl, und ist dort irgendwo in einem Kornfeld in russische Gefangenschaft gegangen.
Auch meine Schwester war schon mal in der Ukraine und zwar mit einem sogenannten Freundschaftszug, der für Ostdeutsche gelegentlich zur Besichtigung des sowjetischen Bruderlandes, wie die Propaganda es damals nannte, in Fahrt gesetzt wurde.
Heutzutage ist das Land nicht unbedingt das begehrte Reiseziel für Westler. Es ist arm, man hört von schlechter und korrupter Regierung, das Verbrechen blüht, sogar Aids ist groß im Kommen. So hat im Westen jeder seine Gründe, sich nicht für Osteuropa zu interessieren. Das ist jedoch ein Fehler, denn auch die Ukraine hat eine gute Zukunft in einem friedvollen, kooperierenden Eulysien. Auch in der Ukraine werden die Bewohner ihre Wirtschaft aufbauen und versuchen, am bisherigen europäischen Erfolg teilzuhaben. Das ist richtig so und berechtigt zu Hoffnung, denn viel zu verlieren hat man dort nicht.
Viel schlimmer als es ökonomisch bisher war, kann es nicht mehr werden. Die Ukraine ist einer der zukünftigen Anwärter für die Europäische Union, nachdem Polen, Ungarn und Rumanien dabei sind. Es gibt keinen einzigen strategischen Grund, warum die Aufnahme der Ukraine abgelehnt werden sollte. Sie liegt ja fast in der Mitte Eulysiens.


41. Rumänien

Bei mir zu Hause steht ein Wörterbuch rumänisch-deutsch. Es gehörte meinem im Krieg gefallenen Onkel mütterlicherseits, der dort Dolmetscher war. Das schon erwähnte Bessarabien war häufig Grenzland. Daher wurden deutsche Siedler vom Zaren zugelassen. Es wechselte hin und wieder den Besitzer, mal war es russisch mal rumänisch. Mal war man russischer, dann wieder rumänischer, dann deutscher Soldat.
Selbst osmanischer Einfluss reichte bis in die Gegend. Die Mutter wuchs also neben deutsch mit rumänisch auf. Die heutige nahegelegene Republik Moldawien hat das Rumänische wieder als wichtigste Sprache.
Auch Rumänien selbst ist noch ein sehr armes und unterentwickeltes Land. Immerhin gibt es wundervolle Landschaft, es gibt Wahlen statt paranoider Diktatur. Es wird irgendwann aufwärts gehen, sofern nicht wieder allgemeines europäisches Randchaos ausbricht.
Manche Beziehungen nach Rumänien sind durchaus persönlicher Art. Ein Bekannter wird noch heute dann und wann von einem entfernten Cousin, einem Apotheker, aus der Bukowina besucht.
Eine Verwandte ist selbst sogar zur Hälfte rumänisch, was wiederum ein Ergebnis eines ostblocktypischen längeren Studienaufenthaltes ihrer Mutter ist. Verständlicherweise fährt sie mit der Familie häufiger dort hin. Ein anderer Bekannter hatte ebenfalls einen Studienaufenthalt im Land. Überhaupt sind die deutschen Verbindungen in diese Gegend das mir am ehesten Bekannte an Rumänien.
Viel Symphatie empfinde ich für rumänische Musik, vorneweg Zigeunermusik verschiedener jüngerer Aufnahmen. Sei es Gesang oder ein Blechblasinstrument, es ist unverwechselbar südosteuropäisch und zeugt kräftig von einer verlorengegangenen und manchmal sogar heilen Welt. Es erinnert an das stets wechselvolle Leben der Zigeuner und ihrer Umgebung in schönen Dörfern und kleinen Städten, an Hochzeiten, Kinderkriegen, Beerdigungen. Es erinnert daran, dass dieses zerpflückte Osteuropa es verdient, Frieden und Wohlergehen zu finden.


42. Balkan

Wir wollen jetzt nicht über den negativen Aspekt von Balkanisierung reden. Die immer wieder aufgetretenen schlimmen Fälle ethnischer Säuberung gingen oft durch die Medien und sollen hier nicht betont werden.
Fakt ist, dass der Balkan der Raum ist, auf dem sich die drei großen Kulturen Eulysiens treffen und häufig zusammenprallten.
Diese drei großen Kulturen sind räumlich, religiös und ethnisch definiert. Sie treten auf als südlich-östlicher Islam, als östlich-orthodoxes und als westliches Christentum.
Bei solch kulturellem Zusammenprall werden gewaltige soziale Kräfte freigesetzt. Der kleine Mann findet in solcher Gegend selten sein ruhiges Leben. Es ist ein ständiges Hin und Her. Die Nachbarn hassen sich, und sie können doch beide wenig dafür, wenn sie an ihrem Gartenzaun den Zusammenprall der Kulturen verkörpern und ausfechten.
Wir wollen nicht weiter lamentieren. Schließlich sind wir gerade dabei das Problem zu lösen! Wir sind dabei, die drei Kulturen unter einen Hut zu bringen. Dieser Hut ist die natürliche Lage der drei in einem gemeinsamen klar definierten Raum. Man hat nur diesen einen gemeinsamen Raum. Wenn man sich hier streitet überlebt man nicht. Man muss zusammengehen!
Dem Balkan fällt dabei wieder eine Sonderrolle zu. In diesem Fall ist die Rolle aber positiv. Der Balkan ist das Zentrum Eulysiens! So muss hier auch der urbane Schwerpunkt entstehen. Der Balkan ist dazu bestimmt, die Hauptstadt Eulysiens zu tragen!
So wie Straßburg eine bescheidene Hauptstadtfunktion eines nur übergangsweise konzipierbaren Westeuropas erhielt, so wie das Elsaß vom ständigen Streitfall zur prosperierenden Mitte zwischen Frankreich und Deutschland wurde, so hat auch der Balkan seine glorreiche Zukunft noch vor sich.
Irgendwo zwischen Saloniki und Belgrad soll die Hauptstadt Eulysiens sein. Ob nun in Mazedonien, im Kosovo oder weiter nördlich, hier gehört sie hin. Sie liegt in der Mitte Eulysiens und sie soll für alle drei Bestandteile gleich gut zugänglich sein. Nach Norden, Osten und Westen gibt es den Landweg, der über den Meereszugang entlang der Mittelmeere ergänzt wird. Nach Süden ist das Mittelmeer die wichtigste Verbindung.
Für die Dimension solch einer Hauptstadt reicht der elsässische Maßstab bei weitem nicht mehr aus. Es geht um das Zusammenwachsen von Kulturen, die sich nach Tausend-Kilometer-Schritten bemessen.
Diese Stadt hat einen schwerwiegenden natürlichen und deshalb zumindest semifinalen Charakter. Sie sollte daher nicht zu knapp bemessen sein.
Es muss notwendig Stadtraum in den Dimensionen einer Megalopolis vorgehalten werden. Das ist dann nicht mehr nur eine einzelne Stadt, sondern ein Stadtraum mit riesigem Metropolgebiet.
Das Wachstumspotential übertrifft jenes von New York und Bosnywash. Das ist hier keine Spinnerei. Man denke nur an die vielen Millionen Bewohner nördlich, südlich und östlich des Mittelmeeres und rechne dazu die vielen potentiellen Zuwanderer von weiter her. Dieses Zentrum wird ein riesiger Zuzugsraum.
Bezogen auf unser Territorium Balkan ergeben sich einige Besonderheiten. Die hier gelegenen wunderschönen griechischen und jugoslawischen Küsten muss man schützen. Sie dürfen nicht einfach mit Städten verbetoniert werden. Das bedeutet unsere Megalopolis gehört zumindest ein Stück ins Hinterland der Küste, wobei ausreichend bemessene und verbundene Hafenzugänge unerlässlich sind.
Da im Hinterland weiträumig die balkanischen Gebirge liegen, sind ingenieurtechnisch besondere Leistungen dafür notwendig.
Die vorhandenen Beckenlandschaften werden am ehesten zu Stadtland. Aber selbst bis in die flacheren serbischen Gegenden kann sich dadurch dieser Stadtraum ziehen. Wo eigentliche Hauptstadtfunktionen ganz genau hinzusiedeln sind, das lassen wir erst mal offen. Das wird sich finden, es bedarf genauerer Analyse. Auch der Name dieser Stadt fehlt noch.
Die eigentliche Hauptstadt sollte auf jeden Fall angemessen geplant sein und präsidiale und parlamentare Funktionen verkörpern. Es sollte weniger die Menschenballung sein, sondern mehr die ruhende Repräsentanz irgendwo in oder an der Megalopolis.
Ob Serben, Albaner und Griechen so etwas wollen in ihrer Gegend? Sie werden jedenfalls davon profitieren. Man sollte optimistisch sein und aufpassen, dass man kein Monstrum plant.
Wenn Eulysien sich eint, dann ist hier das natürliche Zentrum. Dann wird hier natürliche Zentrumsbildung erfolgen, ob mit oder ohne großem Plan! Ganz sicher ist es besser, wenn der Mensch sich um das Gedeihen seiner Weltgegend bemüht. Daher ist das fördernde Entwickeln und vor allem das Nichtbehindern eines solches Stadtraums wichtig. Die Stadtarchitektur für diese beispiellose Gegend muss sowieso erst entwickelt werden.
Meine persönlichen Beziehungen in diese Weltgegend sind noch nicht besonders ausgeprägt. Aber es wird Zeit, die Reise dorthin anzutreten. Junge, grüne Burschen aus der Nachbarschaft waren im Kosovo bei militärischen Wacheinsätzen. Verwandte fahren nach Bulgarien in Urlaub.
Aus Jugoslawien hatte ich als Kind eine meiner schönsten Briefmarken. Es war eine Landschaft in wunderbarem Grün. Das mir unbekannte und geheimnisvolle Land vermittelte ein Gefühl von natürlicher Freiheit.
Die Dalmatinische Küste ... .


43. Ungarn

Dank meines älteren Bruders gibt es nach Ungarn außergewöhnliche Beziehungen. Er hat ein Mädchen aus der Puszta geheiratet und uns Geschwister immer mal wieder dorthin mitgenommen.
Bei der Maisernte fand ich mal einen dunkelroten Maiskolben, der mir das schönste Mädchen des Dorfes bescheren sollte. Dazu ist es dort zwar nicht gekommen, aber die Zuneigung zum Land ist geblieben.
So habe ich sogar ein paar Brocken ungarisch gelernt und bin über die Jahre immer mal wieder dort gewesen.
Die Ungarn haben eine ausgezeichnete und vielfältige Küche, die vor allem dem Fleiß der Frauen zu verdanken ist. Dazu gibt es schöne Weine und den berühmten Palinka.
Ungarn ist heute ein kleines und zur Zeit auch kein reiches Land. Es könnte von der prognostizierten Zentrenbildung in Südosteuropa jedoch außergewöhnlich profitieren, vor allem wenn es konsequent auf seine bewährten Attribute setzt.
Das sind gerade die vielfältigen ländlichen und touristischen Besonderheiten und natürlich gewachsenen Qualitäten, für die das Land seit langem bekannt ist.
Diese Besonderheiten zu pflegen und zu schützen ist eine wichtige Aufgabe. Dabei sollten die Ungarn ruhig selbstbewusst und weniger bescheiden auftreten. Sie galten zu Ostblockzeiten als die lustigste Baracke im sozialistischen Lager. Sie können in der Zukunft auch zu einer echten Perle im Zentrum Eulysiens werden.


44. Tschechien

Budapest, Bratislava, Brünn und Prag sind wichtige Stationen, wenn es aus Ungarn zurück nach Deutschland geht.
In das befreundete Nachbarland Tschechoslowakei ist man aus Ostdeutschland öfter mal gereist, sei es eine Studienexkursion in die Hohe Tatra und nach Brünn, ein Urlaub im Riesengebirge oder in Karlovy Vary. Mit dem Auto namens Trabant und mit Zelt fuhr man nach Pilsen und in den Böhmerwald, und natürlich mit dem Zug in die Goldene Stadt Prag. Man hat einiges von diesem gemütlichen Land gesehen.
Eine Kneipe mit Knödel, Pilsner Urquell und der trauten tschechischen Sprachmelodie ist schnell zu einer Art zweiten Heimat geworden.
Den Tschechen fühlte sich der Ostdeutsche verwandt, obwohl es die germanisch-slawische Sprachgrenze gab. Sie waren familiär, häuslich, naturverbunden, trotzdem exotisch und sie liebten ihr Land.
Die Tschechen wurden hier mehrheitlich als positiver Ostblockkern wahrgenommen. In dieser vom Westen stark abgegrenzten Welt war hier der Ort, wo es einigermaßen heil und in Ordnung war. Die Tschechoslowakei war Teil der kleinen, scheinbar abgelegenen Insel, auf der man sich häuslich eingerichtet hatte.
Das Angenehme bei den Tschechen war immer eine gesunde Spur von Bürgerlichkeit in allen Schichten. Sie waren individualistisch, aber mit Verantwortungsbewusstsein und tätigem Schaffen. Diese Mischung liebten die Deutschen. Individualismus allein reichte nicht.
Wie die vielen anderen kleinen Länder, muss Tschechien klug seine Entwicklung betreiben. Traditionell spielte die Industrie eine große Rolle. Daran versucht man anzuknüpfen. Der Name Skoda ist wieder eine bekannte Marke.
Fährt man heute nach Prag, so sieht man nicht nur deutsche Urlauber, sondern auch italienische und jüdische Besucher. Prag wird also wieder eine Metropole im Herzen Europas und darüber hinaus.
Das Pilsner Urquell gilt übrigens nicht als alkoholisches Getränk, sondern ist eine besondere Medizin, wie unser erfahrener Reiseführer Herr Stanislaw beim letzten Besuch sagte.


45. Polen

Als Deutscher hat man normalerweise mit Polen Kontakt. Deutschland war immer ein Einwanderungsland für polnische Bürger. Man kennt einige gebürtige Polen somit aus direkter Nachbarschaft aus seinem Wohngebiet.
Für Ostdeutsche gab es weitere Kontakte, wie Schüleraustausch oder betriebliche Beziehungen. Historisch sind natürlich zusätzliche Beziehungsstränge da, weil große Teile des Landes mal deutsch waren. Nur sind diese Stränge nach 1945 gekappt worden, also tatsächlich nicht mehr vorhanden.
Die private Reise nach Polen ist ein anderes Problem. Zum Flohmarkt über die nahe Grenze ist es normal, aber die weitere Fahrt ins Hinterland ist für viele Deutsche nicht selbstverständlich.
Deutsche kennen das Land Polen oft überhaupt nicht. Polen, das ist schon tiefer Osten und es gibt eine Menge Vorurteile und Ängste. Tiefer Osten wird übersetzt mit Armut, Unterentwicklung und Diebstahl.
Hartnäckig hält sich das Vorurteil von Kriminalität und Diebstahl in Polen. Tatsache ist, dass es genug Beispiele dafür gibt. Man kennt genug Fälle aus dem Bekanntenkreis oder wurde selbst beklaut. Das ist nun mal so gewesen.
Trotzdem ist nur ein geringer Prozentsatz der Polen auf Diebestour, wenngleich er höher als in Deutschland ist. Wo die Armut größer ist, hat man sich eher das genommen was man braucht. Von den Deutschen glauben manche Polen, dass ihnen so ein bischen Diebstahl nicht ganz so weh tut.
Bei meiner letzten Fahrt nach Warschau, wo ein Verwandter gerade arbeitete, und weiter nach Krakau viel die Landschaft durch ein spezielles Muster auf. Die Felder waren in außergewöhnlich kleine Parzellen geteilt. Manche wurden von Pferden bearbeitet. Der Technisierungsgrad war also äußerst gering und Reichtum kann so nicht entstehen. Dieses Niveau mag nicht nur ein Attribut der Landwirtschaft gewesen sein. Mit dem Einsetzen des europäischen Prozesses besteht jedoch Grund zur Hoffnung. Erstmalig in seiner Geschichte kann Polen gleichberechtigter Teil des entwickelten europäischen Wohlstandsraumes werden. Das ist eine schöne neue Aussicht.
Meine privaten Beziehungen nach Polen waren durchaus intensiverer Art. Als Student hatte ich enge Bekannte in Torun, mit denen man sich auch besuchte.
Es gab Reisen und Studienaufenthalte nach Danzig, Warschau, Stettin, nun auch nach Krakau, nach Kaschubien und entlang der Ostseeküste. Es ist schön, ein ganzes Stück Polen gesehen zu haben. Ein naher Verwander ist sogar mit einer Polin verheiratet und sie haben ein gemeinsames Kind.
Geopolitisch ist Polen ein Spätankömmling. Nachdem es zwischen Deutschland, Österreich und Russland schon fast völlig zerrieben war, konnte es nach den Weltkriegen Wiederauferstehung feiern. Dies hat es seinem individuellen Durchhaltewillen und vor allem den westlichen Siegermächten zu verdanken, die eine starke deutsche europäische Zentralmacht erfolgreich zu verhindern suchten.
Im europäischen und eulysischen Prozess kann Polen seine Wirtschaft so wie alle anderen auch entwickeln, einschließlich der Integration in die eulysische Gesamtwirtschaft. Nicht alle Gegenden werden gleichberechtigt daran partizipieren, ausgewählte Zentren werden mehr davon haben. Das liegt schon an der beträchtlichen Größe des Landes. Polen wird ein ganz normales Land sein, das weder besonders gute, aber auch keine schlechten Bedingungen hat.


46. Baltikum

Bevor man nach Sankt Petersburg kommt, passiert man das Baltikum. Die russische Exklave Kaliningrad, das ehemalige Königsberg, liegt als erstes auf der Strecke. Der berühmte Kant ist das wohl wichtigste Markenzeichen dieser Stadt.
Meine Frau ist zur Hälfte ostpreußisch, da ihr Vater aus Königsberg kommt. Die Ostpreußen denken, aus meiner Erfahrung, gerne in wohlgeordneten Bahnen. Alles muss seinen richtigen Platz haben.
Bei Nacht bin ich mal nach Norden durch diese Gegend mit dem Zug gefahren, habe also nur Umrisse von Wald gesehen.
Von den Litauern, Letten und Esten habe ich bisher nur wenige kennengelernt. Die paar Bekannten machten auf mich aber einen sehr vitalen Eindruck. Sie waren beweglich und geistig frisch. Das bedeutet, positive Überraschungen sind bei ihnen nicht ausgeschlossen.
Nicht weit hinter Estland liegt Sankt Petersburg. Dort wo wir gestartet sind, ist unsere Reise nun wieder zu Ende.



Teil III: Kultur des Eulysischen Zusammenlebens


47. Allgemeines

Der Leser könnte sich fragen, was ein Geograph zum Zusammenleben schon zu sagen haben soll, es ist doch nicht sein Metier.
Der Einwand ist erlaubt. Der Geograph ist kein Soziologe und kein Politologe. Das Problem ist nur, dass der eulysische Prozess seine allseitige Förderung braucht. Kultur und Pflege sind immer wichtig, wenn etwas gedeihen soll. Deshalb will der Autor vor einigen weiterführenden Fragen nicht kneifen.
Obwohl er von verfassungstechnischen Fragen wenig versteht, soll es nicht schaden, darüber etwas nachzudenken. Dabei lässt sich der eigentliche Gedanke des Buches, der eulysische Gedanke, noch etwas vertiefen und verfeinern. Das Buch findet dabei seinen langsamen Ausklang.
Die Verfassheit Eulysiens ist ein entscheidender Punkt, wenn es denn gut werden soll. Bei jeder Sache ist das Grundprogramm ausschlaggebend. So auch hier. Wie weit soll Eulysien zusammengehen, und wo soll man lieber vorsichtig voneinander Abstand halten?
Ich will ehrlicherweise nicht so tun, als würde ich wirklich genau wissen, wie man Eulysien eint. Es hat hier in der Geschichte schon so viel Streit gegeben, dass auch ein neuerlicher Gewaltausbruch und ein Auseinanderfallen möglich ist. Die Einigung versuchen müssen wir aber doch wohl! Es sind also nur bescheidene Versuche, zur Einheit beizutragen, die hier weiterhin stattfinden.


48. Einige Grundprinzipien

Es dürfte klar sein, dass ein gewaltsames Zusammenhalten solch eines riesigen politischen Gebildes keine gute Sache ist. In solch einem Fall könnte sich dieses Gelände schnell als Wespennest entpuppen. Das Problem Jeder gegen Jeden ist gerade das, was wir vermeiden wollen, weil es oft genug die Katastrophe war. Gewaltsame Einheitsversuche, ausgeführt als Eroberung, sind letztlich alle gescheitert. Hitler gilt hier als abschreckendstes Beispiel. Der Zwang zur Einheit ist da, aber nicht mit Gewalt. Freiwilligkeit heißt ein ultimatives Grundprinzip.
Die Subjekte sind einerseits die einzelnen Staaten Eulysiens. Sie haben über ihre Teilnahme zu befinden. Wenn sie nicht dabei sein wollen, dann ist das ihre Entscheidung. Es kann auch sein, dass sie nur mehr Zeit für die Entscheidung benötigen und später noch dazustoßen oder eben nicht. Selbst ein späterer Austritt darf keineswegs ausgeschlossen sein. Die Individualität der Staaten und Völker muss gewährleistet bleiben. Die Austrittsmöglichkeit erlaubt es, das ganze Gebilde im Gleichgewicht zu halten. Wäre dieses nicht so, würde der neue Staatsmoloch zu viel plattwalzen, was bis dahin noch eigenes Leben verspricht.
Ein anderes seltenes Problem sollte es sein, wenn zu Eulysien benachbarte Staaten grob feindselige oder terroristische Handlungen ausführen oder ausführen lassen. Da muss man prüfen, ob Gründe dafür vorliegen, die man selbst beseitigen kann. Ist dies nicht der Fall, dann muss man natürlich in diesem äußersten Notfall Gewalt gegenüber den anderen anwenden können. Solche Fälle müssen aber klar geregelt sein.
Ein Problem der Staaten als Subjekte des eulysischen politischen Willens besteht darin, dass es sehr viele sind und dass sie von Größe und Einwohnerzahl höchst unterschiedlich sind. Da ist gute und viel zu aufwendige Abstimmung notwendig. Wir wollen aber keinen neuen Staatsmoloch. Das Verwalten Eulysiens muss schlank sein. Wir lieben alle keine geldfressenden Bürokratien und Apparate. So etwas müssen wir um jeden Preis verhindern. Wir können uns diese aufwendige Abstimmung und Vermittlung der Staaten in der jetzigen Form also gar nicht leisten.
Ein weiteres Problem dabei ist, dass die Staaten höchst unterschiedliche eigene Interessen haben und dass sie dabei Teilbündnisse eingehen und Partikularinteressen verfolgen. Dergleichen kann immer wieder die Gemeinschaft Eulysiens gefährden, besonders wenn in schwierigen Zeiten Populisten und Demagogen das Sagen kriegen. Mindestens genauso schwierig wird es, wenn große Außenmächte eulysische Länder oder Regionen gegeneinander ausspielen. Dann brechen die alten bekannten Konflikte wieder auf.
Bei der eulysischen Willensbildung über Staaten haben wir weiterhin das Problem, dass der einzelne Bürger sich übergangen fühlt. Es herrscht zur Zeit ein eklatantes Demokratiedefizit, weil der Bürger hinsichtlich Europa und Eulysien keine entscheidende Stimme hat.
Kurz und knapp heißt das, dass die Willensbildung über den Umweg der Staaten reduziert werden muss. Sie müssen schon einige einschneidende Rechte haben, eben auch das Austrittsrecht, aber ein brauchbarer eulysischer Wille muss anders organisiert sein. Als Subjekte dieses Willens müssen natürlich die wahlberechtigten Bürger in Erscheinung treten. Freie und direkte Wahlen und Abstimmungen müssen also her!


49. Demokratie wagen

Selbst wenn wir etwas zu wählen haben besteht die Gefahr, dass trotzdem nur ein unbeweglicher, geldfressender Moloch dabei herauskommt. Es muss somit sehr genau gefragt werden, welche realistische Aufgabe die zu wählenden Institutionen wirklich haben können.
Wir müssen also nicht nur nach der Institution fragen, sondern nach der Funktion. Die Funktion muss bescheiden und schlank entwickelt werden.
Da es weiterhin die einzelnen eulysischen Staaten und Völker geben wird, kann Eulysien als neuer übergeordneter Staat problematisch sein. Da wird manches miteinander kollidieren.
In der Europäischen Union ist es so, dass die Hauptsachen noch gemeinschaftlich durch den repräsentierten Willen der einzelnen Länder entschieden werden, manche Fragen aber auch durch eine sehr entfernte, nicht gewählte Brüsseler Bürokratie. In beiden Fällen kann es letztlich nicht gut sein, dass der Bürger keinen Einfluss hat.
Bleiben wir bei der Funktion, so ist zu fragen, welche Funktionen denn überhaupt zu bedienen sind?
Da ist zunächst mal die Repräsentanz des eulysischen Einheitsgedankens notwendig. Eulysien muss zuerst mal entwickelt werden.
Weiterhin muss diese natürliche Ballung von Menschen als Ganzes ansprechbar sein, sie muss irgendwie und irgendwo vertreten sein und sich auch vertreten fühlen. Das geht nur über eine repräsentative Stelle, man könnte Hauptstadt sagen, und über eine notwendige menschliche Schnittstelle, man könnte dazu einen Präsidenten wählen. Der Präsident kann mit vielen symbolischen Aufgaben beginnen, aber von den Bürgern gewählt muss er sein.
Er soll sich weiterhin um den Bau der Hauptstadt kümmern, die bescheiden sein soll, wenngleich das Weiße Haus sicherlich das bessere Vorbild ist als das unförmige neue deutsche Bundeskanzleramt.
Er soll sich weiter um das territoriale Vollenden Eulysiens bemühen. Auch die Verfasstheit Eulysiens ist eine große, längerfristige Aufgabe, an der zu arbeiten ist. Der Präsident kann vor allem Symbolgestalt sein, was später vielleicht nicht mehr reichen wird und dann erweitert werden muss.
Bedenken wir die weiteren Funktionen, die Eulysien für sich selbst ausfüllen muss. Da fallen uns einige wichtige Sachen ein. Die Beziehungen und der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Völkern und Kulturen Eulysiens müssen entwickelt und verbessert werden, weil gerade das bisher das Hauptproblem war.
In Westeuropa hat man dazu bisher erfolgreich versucht, unterentwickelte Regionen finanziell zu fördern. Das geht nur, wenn man irgendwo prosperierende Wirtschaft hat, so dass man sich das auch leisten kann. Durchgängig freie und gut funktionierende Wirtschaft ist damit ein sehr wichtiges Anliegen. Dergleichen muss gesetzlich sparsam geregelt sein und es ergeben sich auch Fragen der Umsetzung.
Freiheit muss dabei ein zentraler Begriff bleiben. Es muss also gewählte Gesetzgeber und eine Regierung geben. Welche konkrete Regierungsform und welche Präsidialform passen, das muss weiter erforscht werden.
Bei dem heutigen im Westen recht weit verbreiteten materiellen Reichtum neigen die Regierenden dazu, sich selbst schönzureden und dabei den volkseigenen Reichtum nach Belieben zu verpulvern. Es geht oft nach dem Motto nichts hören, nichts sehen, nichts sagen und vor allem nichts tun. Sie blicken auch gerne verächtlich auf "unsere Menschen" herab. Dem muss man dringend Einhalt gebieten. Ein Mittel kann in mehr direkter Demokratie, in Volksbefragungen und besonders in Volksentscheiden zum Beispiel nach dem Schweizer Vorbild bestehen.
Eulysien kann nichts werden, wenn die da oben machen was sie wollen und die da unten nichts zu melden haben. Der Bürger muss weit mehr als heute entscheiden können, wobei die Rechte eines jeden Individuums das oberste Gebot sind. Nur so kann Eulysien eine vitale Einheit werden. Anderenfalls ist es tot, bevor es richtig lebt. Diese direkte Bürgersouveränität ist mindestens ebenso wichtig, wie die Wahl von Repräsentanten! Man kann ausgefeilte Regeln dafür entwickeln, wann und worüber die Bürger abstimmen können. Die einschneidenden Möglichkeiten dazu muss es geben! Kosten darf es aber nur sehr wenig!


50. Souveränität wagen

Es geht nicht nur darum, die Bürger zu beteiligen, sondern darum, das ganze große Gemeinwesen lebensfähig zu machen. Wir erinnern uns, noch ist die Einheit nicht auf Dauer stabil. Noch kann Eulysien durch Bosheit oder Dummheit von innen und außen bei jedweder größeren Krise in seine hilflosen Einzelteile zurück zerlegt werden.
Die Einheit ist erst stabil, wenn auch die Festigung der Souveränität Stabilität gewinnt. Der Souverän ist in der Demokratie zuallererst das ganze Volk, sowie weiterhin die von ihm bestimmte Herrschaft oder Regierung. Mit beiden sieht es bisher eher schlecht aus. Das Volk hat in Europa als ganzes bisher nichts zu sagen und die von ihm bestimmte Regierung gibt es noch gar nicht. Wie will man seine gemeinsamen Interessen vertreten, wenn es niemanden gibt, der das kann oder der das soll?
Europa, und damit Eulysien, ist heute noch unglaublich schwach. Jeder größere Windstoß kann es noch hinwegfegen. Ein Sturm aus Russland, ein Spaltversuch aus Amerika, ein islamistischer Ansturm oder ein asiatischer Wirtschaftsangriff, es gibt sehr ernsthafte Gefahren. Ganz abgesehen von den Behinderungen aus dem Inneren Eulysiens selbst.
Wer hält Eulysien noch zusammen, wenn seine Einzelteile sich wieder mal auseinander wehen lassen? Wer hält es zusammen, wenn die Globalisierung seine Industrie kaputt macht? Es muss also unbedingt die Souveränität Eulysiens gestärkt werden, ohne allerdings den Moloch Bürokratie zu füttern. Wie das gehen soll? Das geht meines Erachtens nur durch Herausbildung bürgerlicher, präsidialer und parlamentarischer Kraft.


51. Grenzen der Nähe

Das oberste Gebot besteht darin, das Leben in diesem naturgegebenen Erdraum namens Eulysien so klug und angenehm wie möglich zu gestalten. Breiter Wohlstand, Verständigung und Sicherheit und das kulturelle Gedeihen sind die allerersten Anliegen. Aus diesen großen Aufgaben leitet sich ab, was allgemein geregelt und organisiert werden muss. Eulysien muss die Wirtschaft in kräftigen Schwung bringen, für Sicherheit sorgen und das kulturelle Dasein der Bürger befördern.
Letzteres kann nicht Alimentation bedeuten. In Notsituationen ist Hilfe wichtig und notwendig. Voraussetzung ist immer wieder, dass aus Arbeit Ertrag entsteht. Den kann man konsumieren oder im Notfall auch umverteilen. Von diesen Notsituationen wird es viele geben.
Eulysien hat ein reiches kulturelles Erbe. Überall gibt es hier uralte gewachsene Strukturen und Erscheinungen, die sich im Zeitalter computerisierter und konzentrierter Massenproduktion nur schwer finanziell tragen. Sogar der Mensch selbst scheint manchmal zu so einer uralten teuren Erscheinung zu werden. Die Menschen, besonders die Kinder, sind aber das Wichtigste.
Man wird nicht jedes der zehntausenden Dörfer im weiten Osteuropa durch teure Infrastruktur unterhalten können. Die dort aufwachsenden Kinder müssen aber ihre Chance bekommen, sei es durch Unterrichtsförderung vor Ort oder durch Wirtschaftsförderung in nächstgelegenen Zentralstädten. Es wird viele Ansprüche und Wünsche an Eulysien geben. Und man darf nur das verteilen, was man auch zu verteilen hat. Hierbei wiederum sollte man sich Mühe geben.
Die gerade reichen Länder und Regionen haben an Umverteilung natürlich weniger Interesse. Ausgewogenheit ist notwendig. Man kann es nicht übertreiben mit dem Umverteilen. Es muss im vernünftigen Rahmen bleiben. Andererseits profitieren die Reichen ganz besonders von dem großen Markt und von der Sicherheit, die ein gleichgesinntes Eulysien für alle bringt.
Grenzen der Nähe werden dort erreicht sein, wo man versucht, Abgrenzung nach außen und Einheit nach innen um jeden Preis zu erzeugen. Begriffe wie Grenzziehung und Einheit geraten in der großen Politik schnell dazu, egoistischer Selbstzweck zu sein. Vor solchen Politikern muss man immer wieder warnen. Grenzen nach außen zieht man nur, um klarzustellen, wie weit räumlich die Gemeinsamkeit geht, wie weit sie sinnvoll und durchführbar ist.
Die räumlichen Grenzen sollten günstigerweise natürliche Grenzen sein. Grenzziehung ist nur eine Frage der Feststellung von besonders günstiger Zusammenarbeit.
Auf gar keinen Fall sollen die Grenzen als Ausgrenzung anderer oder als Affront erscheinen. Die Bedrohung nach außen kann und muss man vermeiden.
Ähnliches lässt sich für die innere Einheit feststellen. Einheit heißt nicht Gleichschaltung. Einheit heißt nur die Förderung der Zusammenarbeit in der Nachbarschaft und die besondere Nutzung der natürlichen Nähe. Bei jedwedem eulysischen Projekt ist danach zu fragen, ob es diese besondere Nutzung der Nähe unterstützt. Ist das nicht der Fall, sollte man das Projekt unterlassen. Gleichheit ist nur dort wirklich anzustreben, wo grobe Ungleichheit das gemeinsame Projekt insgesamt bedroht.
Zieht man diese Kriterien zu Rate, dann gehören der Maghreb, die Türkei und Kernrussland nebst Rändern gerade aus diesem Grund der Nähe zu Eulysien.
Dann ist auch eine zentral gelegene Hauptstadt der Nähe wegen dafür notwendig. Sie muss von allen Seiten gleich gut erreichbar sein.
Dann müssen die reichen Regionen auch die armen Ränder mittragen und stabilisieren, weil man eine Einheit ist. Tun sie das nicht, gefährden sie sich durch ständig wiederkehrendes Randchaos selbst. Dazu muss man Handel und Wandel innerhalb dieses großen Raumes zulassen und ermutigen, eventuell auch schützen. Dann muss man weiter dafür sorgen, dass die Vorteile davon allmählich überall ankommen.


52. Eulysische Alltagskultur

Eulysische Alltagskultur muss notwendigerweise äußerst vielfältig sein. Man lebt überall sehr unterschiedlich. Das liegt manchmal schon am Klima oder an anderen geographischen Besonderheiten in diesem großen Gebiet. Obwohl man da nicht standardisieren muss, sollte man nach ein paar Gemeinsamkeiten Ausschau halten.
Wenn die Wirtschaft eulysienweit so gestaltet wird, dass Warenreichtum herrscht, wie man es aus entwickelten Ländern kennt, dann ist eines der Hauptziele Eulysiens ja schon erfüllt. Es soll zu breitem Wohlstand kommen. Wenn Wohlstand kommt, gibt es weniger Gründe, sich um Reichtümer zu streiten. Feindliche Gesinnungen und feindliche Aktivitäten, ehemals ein Hauptproblem der eulysischen Geschichte, werden damit rückläufig. Es gibt dann weniger Gründe dafür. Wohlstand für die Bürger ist und bleibt immer ein Ziel eulysischen Zusammenlebens.
Wie weit dieser Wohlstand gehen kann, ist eine andere Frage. Weltreisen oder gar Weltraumreisen werden auch weiterhin für die Mehrzahl zu teuer sein. Auch Luxuslimousinen sind nicht für alle drin. Man muss also vernünftig bleiben.
Man sollte sich auch fragen, ob man wirklich jeden Luxus braucht. Natürlich braucht man ihn nicht! Ressourcen sind immer irgendwie begrenzt. Und auch der Planet Erde kann nicht alles vertragen, was mancher von ihm will. Bescheidenheit ist durchaus angebracht. Man muss die Erde nicht absichtlich verheizen. Vielleicht lässt sie sich mit Intelligenz und vernünftigem Wirtschaften ja doch noch retten. Irgendwann und allmählich geht die exorbitante Anzahl der menschlichen Bewohner zurück, so dass der Planet wieder etwas zur Ruhe kommen kann.
Gerade Reisen ist andererseits eine sehr angenehme und dazu verbindende Erfahrung. Für viele Westeuropäer war es normal und üblich, die europäischen Gegenden zu bereisen. Auto und Flugzeug sind die häufigsten Verkehrsmittel dafür.
Besonders dieses Reisen war wichtig für den Aufbau einer gewissen europäischen Identität. Man stellte fest, dass es in den benachbarten Ländern so anders als zu Hause gar nicht war. Man lernte schon Neues kennen, aber trotzdem war doch alles ganz normal hier, trotz der anderen Sprache. Durch das Reisen war man in den verschiedenen Gegenden zu Hause. Die Heimat war überall in Europa. Das ist doch ein wunderbares Gefühl. Man kam aus seiner eng begrenzten räumlichen Identität heraus, ohne sie gleich ganz zu verlassen. Man bekam so eine weite Sicht, man wurde zum Europäer, ohne gleich seine Nationalität zu verlieren. Der Horizont wurde sehr erweitert.
Reisen ist und bleibt eine wunderbare Erfahrung. Effektives und umweltschonendes Reisen sollte ein eulysisches Anliegen bleiben. Man muss doch die schönen Gegenden, die Menschen, die Sprachen, die Lebensgewohnheiten, das Essen, die Weine weiterhin kennenlernen und genießen können. Die direkte Begegnung der Eulysier an verschiedenen Orten ihres weiten Geländes sollte ein wichtiger Bestandteil der Alltagskultur sein, so wie es teilweise schon lange möglich und üblich ist.
Ob diese direkte Begegnung auch anders als touristisch stattfinden kann, das will gut überlegt sein. Sollten wir an Orten zusammenziehen, um dort zu wohnen? Oder sollten wir an irgendwelchen Orten unsere großen Fabriken gemeinsam bedienen? Solche Fragen wirken wohl zu theoretisch und sind es im Ganzen auch. Wir wollen doch keine Umsiedlungskampagnen starten. Überall, wo hin und wieder die Sonne scheint, ist es schön. Überall dort können Menschen leben und auch wirtschaften.
Sicher können Gegenden entstehen, wo viel Volk von überall her zusammen kommt, insbesondere in einer Hauptstadtregion. Das wird aber nicht die allgemeine Regel sein. Beim Kennenlernen wird weiterhin die touristische Variante überwiegen. Dann hat man außerdem noch die Medien als Begegnungsmittel. Wenn sie gut gemacht sind, ist das besser als nichts.
Die Rolle von Bildung und Wissenschaft wird weiter zunehmen. Es gibt dann zwei Hauptgründe für Bildung und Wissenschaft. Der eine Grund ist weiter der, dass sich der Mensch vom Wissen ernährt. Nur durch Wissen, welches allmählich immer komplizierter wurde, kann er seinen Lebensunterhalt bestreiten und zu Wohlstand kommen. Das wird wohl immer so sein.
Allerdings entsteht durch allgemein gewachsenen Wohlstand eine gewisse Abgehobenheit des Menschen von seiner materiellen Basis. Durch immer kompliziertere Technologien wird der Zusammenhang zwischen Wissen und Arbeit einerseits und Ertrag andererseits immer schwerer durchschaubar. Viele Menschen wissen dann einfach nicht mehr, worum es eigentlich geht. Ob und wie man arbeitet oder nicht, das hat zunehmend weniger erkennbaren Einfluss auf die eigene materielle Situation. Von Arbeit wird man oft nicht reich und von Nichtarbeit wird man manchmal auch nicht arm.
Trotzdem muss die Gesellschaft als Ganzes schon arbeiten. Wenn man hier grobe Fehler macht, oder wenn man hier keine Ordnung mehr hat, wird man auch wieder arm! Die Gesellschaft kann verloddern oder man kann sich durch Unachtsamkeit sogar selbst vernichten. Man soll also wissen, was man tut. Wissen wird allein durch den zunehmend höheren Organisationsgrad der Gesellschaft und ihrer Kulturtechniken wichtiger, aber auch schwieriger.
Der zweite Grund für wachsende Bildung und Wissenschaft liegt in der Langeweile. Wenn es sinnlos wird, immer weiter Wohlstand anzuhäufen, weil schon genug vorhanden ist, dann hat man das Problem des Zeitüberschusses. Man muss irgendetwas tun in der Zeit in der man lebt. Man kann nicht nur schlafen. Man kann nicht nur sitzen und nichts tun.
Mit dem Nichtstun ist es vorbei, seit dieses Tier aus dem Paradies vertrieben wurde. Das Tätigsein ist die zentrale Eigenschaft des Menschen. Besser ist es heute allerdings, wenn der zweifellos in Massen auftretende Mensch nicht zu viel tut. Die Erde könnte das Tun nicht verkraften. Man kann nicht mehr alles im Praxisversuch probieren. Die theoretische Variante reicht oft völlig aus! Die altbekannte Losung der Philosophen, dass sich viel Unglück vermeiden lässt, wenn man still in seiner Kammer sitzen kann, ist aktueller denn je!
In unserer Kammer und in unserem geistigen Kämmerlein können wir alles mögliche tun. Wir können hier alles ausprobieren. Nur im realen Leben muss und darf das nicht sein! Im realen Leben darf nur passieren, was wirklich nötig ist. Die Wissenschaft ist also ein wunderbares Feld, um aktiv zu sein. In der Wissenschaft kann man sich austoben, wenn man Langeweile hat. Das ist letztlich sogar nützlich, selbst wenn es nur im Spiel passiert. Unsere gesamte geistige Potenz an der Erde und an unseren Mitkreaturen auszuprobieren, das ist bei Strafe des Untergangs allerdings untersagt.
Ob die Bewohner Eulysiens das Bedürfnis nach eigener aktiver Wissenschaft haben, das ist eine andere Frage. Es besteht nämlich auch die Gefahr des Gegenteils durch allgemeine Banalisierung. Nutzlose Unterhaltung, billige Medien, Alkohol und andere Drogen lauern in Europa an jeder Ecke.
Solange die Bürger eigene sportliche Fitness betreiben oder auf spielerischem Gebiet oder sonstwo nach hohen Ergebnissen streben, ist das zu begrüßen. Die billige, betäubende, suchtartige Unterhaltung, dieses Zeittotschlagen sollte aber eingedämmt werden. Es zerstört den Menschen letztlich und ist eine Gefahr für die Gesellschaft.
Die Wissenschaft, das theoretische an die Grenzen gehen, muss dagegen befördert werden. Von Wissenschaft kann man gar nicht genug haben. Fast jeder Mensch ist in der Lage, sich langfristig einem Interessengebiet zu widmen und hierbei an Grenzen des Bekannten zu stoßen. Das ist kein Vorrecht einiger weniger. Sicher braucht mancher mehr Zeit, um an die Wissensgrenze zu gelangen. Und nicht jedes Gebiet liegt jedem. Aber wenn irgendwo ein Interesse herausgebildet wurde, dann kann man das unendlich fortsetzen. Die Unterhaltung von Wissenschaft ist unendlich mal besser, als die häufige, verslumte, massenarbeitslose Medienunterhaltung der Gegenwart. Wissen und Wissenschaft müssen also unterstützt werden wie und wo es nur geht.
Mit wachsendem Wohlstand nimmt erfahrungsgemäß die Rolle der Religion etwas ab. Das wird anfangs noch vorhandene religiöse Spannungen zwischen Christen und Moslems sowie innerhalb dieser Gruppen allmählich vermindern. Jeder kann dann zunehmend das glauben, was er zu glauben beliebt. Und der Glaube wird auch weiterhin vor allem ein Mittel der Sozialisation in Gruppen und Gemeinschaften darstellen.
Leider muss ich bekennen, von Religion eher wenig zu verstehen. Ich habe, schon aufgrund der mehr oder weniger kommunistischen Erziehung in Ostdeutschland, nie an einen Gott geglaubt. Ich möchte in der Mitte meines Lebens nicht anfangen, mir diesbezüglich etwas Neues einzureden. Das könnte ich mir selbst nicht glauben.
Bisher konnte mir niemand die Existenz Gottes beweisen. Warum sollte ich dann an Gott glauben? Es mag sein, dass der Gedanke daran psychologisch hilfreich ist. Die Religion ist eine Kraft, kein Zweifel, das muss man berücksichtigen. Aber, um frank und frei und ehrlich zu sein, an einen Gott glauben kann ich nicht. Und die Unwahrheit sagen, das mag ich schon gar nicht! Somit gibt es für mich weiterhin keinen Gott.
Soll ich deshalb jede Kirche meiden? Soll ich um die Kirche einen Bogen machen? Nun, das muss nicht sein. Kirche ist auch immer Ahnenehrung, Innehalten, Transzendenz, Sozialisation, Kosmos, Kerzen, Orgel und so weiter. Kirche ist nicht zwangsläufig an Theismus gebunden, schon gar nicht an Christentum oder Islam. Man kann doch auch ganz persönlich innehalten. Man kann sich als Teil des Kosmos fühlen, als Teil der Unendlichkeit, als Teil der Unsterblichkeit. Vielleicht ist das etwas, was manche Gott nennen.


53. Bildung und Schule

Sogar im armen Ostdeutschland gibt es den Trend zur Privatschule. Immer mehr Eltern, natürlich nur jene, die es sich leisten können, bringen ihre Kinder auf einer Privatschule unter. Es sind nur wenige Prozente bisher, das Wachstum ist aber da. Den öffentlichen Schulen traut man offenbar keine ordentliche Arbeit für das eigene Kind mehr zu.
Und in der Tat hat man als Eltern da schon allerhand Schlechtes erlebt. Gerade in Ostdeutschland spart der Staat das System immer weiter runter. Lehrer sind überlastet und mit reinem Unterricht vollgestopft. Zeit für Förderung ist nicht vorgesehen. Es reicht üblicherweise nicht mal für die reguläre Wissensration.
Hinzu kommt ein öffentlicher Dienst, wo die allermeisten Lehrer sehr fleißig arbeiten, aber ein kleiner Prozentsatz Defizite aufweist. Es gibt Lehrer mit Allmachtsphantasien oder solche mit auffällig vielen Krankschreibungen. Es gibt zusammengewürfelte Schulen, gepaart mit schwachem Leitungsstil, wo das Kind eine Nummer, aber kein Individuum ist. Zu unterscheiden zwischen gut und schlecht ist dabei äußerst schwer. Als Lehrer weiß ich, wovon ich spreche. Kontrollen oder Hilfestellungen für Lehrer und Schulen sind außerdem nicht üblich. Das Finden einer guten Schule und die Zuordnung zu guten Lehrern ist reine Glückssache.
Bei der Privatschule, die wegen der staatlichen Förderung nur zum Teil eine solche ist, erhoffen die Eltern mehr Zuwendung und Verantwortlichkeit für das Schulergebnis sowie Individualisierungsmöglichkeiten durch mehr und bessere Angebote.
Unabhängig von der Schulorganisation lassen sich zwei scheinbar widersprüchliche Trends ausmachen. Der eine Trend heißt Paukschule, mit viel Massenlernen, viel formalem Können und dem Untertrend Selektion der Kinder. Der andere Trend heißt Individualisierung und Spaß am Lernen.
Die Paukschule ist aus Japan und Asien bekannt und gilt dort allgemein als Voraussetzung für starke Wirtschaft, für hervorragende Produkte und sogenannte Nullfehlerprodution. Das individualisierte Lernen lässt andererseits mehr Zeit und will früh geziehlt Stärken eines jeden Kindes herausarbeiten und hilft bei Problemen. In Finnland soll das besser funktionieren als in Deutschland.
In reichen Gesellschaften ist es schwieriger, die Paukschule aufrecht zu erhalten, weil Reichtum als Motivation ausfällt. Warum sollte man immer mehr Reichtum zusammenraffen. Das versteht doch keiner, junge Leute schon gar nicht. Weniger Arbeit könnte es hier doch auch tun. Das gilt dann auch für das Schulwesen. Man muss sich also etwas einfallen lassen, um die Kids zu motivieren.
Nicht nur das! Die Gesellschaft muss sich sogar grundsätzlich darüber verständigen, was sie eigentlich will. Es geht nicht nur um Schule, wenn es um Schule geht. Auch Kinder spüren faule und fragwürdige Motive. Geht es den Alten nicht einfach nur um ihre fette Rente? Oder wollen sie sich wieder neue teure Autos kaufen? Diese Fragen muss man stellen, wenn man den vor allem höherklassigen deutschen Fuhrpark sieht und die leerer und ärmer werdenden Kindergärten und Schulen.
Dass in die Bildung zu wenig hinein gesteckt wird, ist sichtbar und allgemein bekannt. Dabei bedürfte es gerade heute besserer Motivation und bei hohen Ansprüchen auch größerer Individualität. Sind Kinder nicht viel wichtiger als teure Autos?
Japan hatte mit seinem selektiven Schulmodell große Erfolge, indem die trainierten und herausgefilterten Fähigsten auch die Führenden wurden und das japanische Wirtschaftswunder entwickelten. Auch Westeuropa hatte ähnliche Prozesse durchlaufen. Aber will man heute überhaupt ein Wirtschaftswunder? Was will man? Was will man in Eulysien? Darauf gibt es viele mögliche Antworten. Der Mensch hat doch die zunehmende Freiheit der Entscheidung, was die Sache nicht einfacher macht und uns zum Philosophieren zwingt.
Das Philosophieren selbst ist nun keine exakte Wissenschaft, das heißt es gibt nicht nur ein Ergebnis. So wird es auch für die Erziehung und Bildung der Kinder nicht nur den einen großen Entwurf geben. Es gibt nicht das Einheitsmodell, das für alle gilt.
Vielfalt ist angesagt. Dabei muss die Vielfalt hohes Niveau als Bedingung haben. Sonst ist sie doch überhaupt nichts wert. Um großes Denken geht es in der Bildung. Das muss entwickelt werden. Die Frage ist nur wie?
Man kann niemanden mit einer Einheitsschule zu großem Denken zwingen. Großes Denken war immer sehr individuell. In der Einheitsschule geht es auch um Lernen, aber mindestens ebenso um Vergleichbarkeit und Selektion. Irgendwo zwischen Selektion und Individualität hat man sich also zu entscheiden in der Bildung. Und die Waage geht heutzutage in Richtung Individualität. Außerdem ist es eine Frage der Vorliebe. Jeder muss auch für sich selbst entscheiden, womit er sich geistig beschäftigt und auf welche Art und Weise. Ich persönlich möchte die Freiheit der Bildung bevorzugen.
Wenn man etwas Bewundernswertes auf diesem Gebiet der Bildung und Wissenschaft besehen will, kann man sich der hohen Blüte der jüdischen Kultur zuwenden. Das Judentum hat es zu außerordentlichem geistigen Reichtum gebracht, sei es in Deutschland oder in Amerika oder wann und wo auch immer. Man braucht nur das frühere und heutige Schrifttum oder das Wirken jüdischer Bürger auf verschiedenstem Gebiet beobachten, dann kann man das gar nicht übersehen. Diese vielen Gebiete, auf denen Juden zur Meisterschaft kommen, sind, neben dem allgemeinen Druck den dieses Minderheitenvolk immer erleiden musste, letztlich alle Ergebnis außergewöhnlicher Individualität. Der Mensch braucht ein Thema. Er muss eine Vorliebe herausbilden. Wenn das schon in der Schule beginnt, um so besser.
Schieben wir das ewige Menschenvergleichen und Selektieren mal etwas beiseite. Es ist nicht sehr symphatisch. Lassen wir viel lieber individuelle Lernprozesse zu. Überlegen wir besser, wie individuelles Lernen befördert wird.


54. Körper und Seele

Die Gesundheitswirtschaft wird im weitergedachten kondratieffschen Modell der langen Wellen als Bestandteil der nächsten wirtschaftlichen Boomphase für kommende Jahrzehnte gehandelt. Warum das so sein soll ist nicht sofort klar. Wo sollen hier die Produkte liegen, von denen sich ein Großteil der Wirtschaft ernähren kann?
Nach dem II. Weltkrieg basierte ein Großteil der westlichen Industriewirtschaft auf dem Mythos Auto. Hier gab es Arbeitsplätze, für das Auto sparten die Leute und gaben ungeheuer viel Geld aus. Der Mythos des Westens selbst basierte zu einem Großteil auf dem Mythos Auto.
Zuerst in den USA, aber auch in Europa, dann in Japan und sogar in Korea wurde das Auto zum wichtigen Bestandteil der Wirtschaft und des Wertesystems. Das Auto verkörperte den sogenannten 4. Kondratieff, eine lange wirtschaftliche Aufschwungphase in den Industriestaaten.
Der 5. Kondratieff soll also in der Gesundheit liegen verbunden mit Gentechnik und Informationstechnologie. Nach dem Mythos müssen wir hier noch ein wenig suchen, weil das direkte Produkt noch fehlt.
Glaubt man dem amerikanischen Erfinder und Entwickler Kurzweil, so liegt dieses neue Thema in einer außerordentlichen Ausweitung der zeitlichen Lebensspanne des Menschen. Der Körper des Menschen wird durch die verschiedensten Techniken zunehmend erneuerbar, so dass der Tod immer weiter hinausschiebbar ist und irgendwann gar die faktische Unsterblichkeit möglich ist. Er sieht diesen Prozess weiter verbunden mit der Schaffung und zunehmenden Verbindung und Verschmelzung zur künstlichen Intelligenz.
Bis jetzt scheint das noch Zukunftsmusik. Wie wir täglich vernehmen können, sterben sie alle noch so um die 80 Jahre, auch die Berühmten und Reichen und ehemals Schönen. Niemand ist bisher in den Genuss der neuen Wunderpillen gekommen, das heißt es gibt sie noch gar nicht. Nichtsdestotrotz steigt die Lebenserwartung und vor allem die genetische und programmtechnische Erkenntnis des menschlichen Lebens schreitet unaufhörlich voran und wer weiß, ob auf dieser Grundlage nicht doch bald eine oder andere Durchbruch in der Lebensverlängerung kommt.
Unabhängig von diesem vermeintlichen Durchbruch wird die Wirtschaft als solche immer effektiver und so auch die Möglichkeiten der gesundheitlichen Verbesserung. Gesundheit ist allerdings eine Sache die man nicht einfach nur kaufen kann. Jeder Mensch muss selbst auf seine Gesundheit acht geben und sich täglich richtig verhalten. Das macht die Sache schwieriger als beim Auto, das man nur kaufen musste, um seinen Traum zu verwirklichen. Gesundheit wird weiter ein höchst individueller Prozess sein.
Erst wenn die ersten gentechnisch behandelten Bürger ihre deutlich überdurchschnittliche Lebenserwartung präsentieren können, wird daraus ein allgemeiner Glanz entstehen, dem alle nacheifern. Erst dann entsteht ein neuer Mythos und kommt der neue Kondratieff ins rollen. Vielleicht.
Bis dahin müssen wir uns mit weniger zufrieden geben. Wir werden weiter mit konventionelleren Methoden arbeiten, um uns gesund zu erhalten, wie Gewichtskontrolle, Sport, gesunde Ernährung und ein paar Vitaminpillen, von denen wir hoffen, dass sie uns helfen beim Erhalten unserer Gesundheit, unserer Schönheit und der Verlängerung unseres Lebens.
Bei der Gesundheit geht es aber nicht nur um Lebensverlängerung. Es ist dabei auch Lebensverbesserung im weitesten Sinn gemeint.
Sei es die Kultivierung von Schönheit, da gibt es manche Experimente, die nicht immer schön sind, die außerordentliche Verbreitung der Fitnessbewegung oder die achtsame gesunde Ernährung, alles deutet auf das zunehmend bewusste Gestalten von Gesundheit hin. Gesundheit ist tatsächlich heute schon ein strategischer Trend.
Es gibt auch heute schon allerlei technische Gerätschaften, die dieses und jenes erleichtern, zum Beispiel bezahlbare und gute häusliche Blutdruckmessgeräte. Dergleichen wird weiter zunehmen. Es kann gehofft werden, dass dann auch bald handliche Krebsdetektoren und dergleichen auf den Markt kommen. Wenn es dann die dazu passenden Cremes zum Beispiel gegen Hautkrebs gäbe, wäre das ein kaum zu überschätzender Fortschritt.
Es kann hier unzählige solcher Fortschritte geben. Wenn Produkte hier erfolgreich sein wollen, dann sind sie das am ehesten, wenn sie vorsorglich die Gesundheit und damit den Patienten nicht mehr einfach dem Arzt überlassen. Wegen der Individualität von Gesundheit geht es gar nicht anders, als dass der einzelne Mensch dieses viel mehr selbst in die Hand nimmt.
Klar braucht man Ärzte. Für viele Vorsorge- und Behandlungsprozesse sind aber ebenso einfache, preiswerte und gut handhabbare Gerätschaften vorstellbar. Sie würden den aufwendigen Weg zum Arzt einschränken können und das Bewusstsein für die eigene Gesundheit deutlich erhöhen. Überhaupt wird auf diesem Gebiet viel mehr gute Beratung und Betreuung für verschiedenste Produkte möglich und nötig sein. Nicht immer muss das durch einen Arzt sein. Ein gutes Gesundheitsstudio an der nächsten Ecke tut es auch.
Der Körper ist die eine Seite. Wir kommen aber notwendigerweise auf die spirituelle und seelische Seite des Menschen. Auch hier finden Entwicklungen statt, die nicht unwichtig sind.
Spiritualität kann aber muss nicht den Glauben an ein Gottwesen meinen. Der Bezug auf einen sogenannten Gott als eine Art Wesen dürfte in der heutigen Zeit eher an Zuspruch verlieren. Die moderne Gesellschaft ist viel zu rational und gebildet, um einen Gott unhinterfragt anzuerkennen. Eine Ausnahme bilden hier die noch armen, geburtenstarken und wenig gebildeten Gesellschaften, wo der Gott oft den einzigen Zuspruch bedeutet.
Im Regelfall ist Spiritualität doch eher die sehr individuelle Suche nach Werten und Anleitungen für das persönliche Verhalten und Zusammenleben, das über die profanen Fragen des täglichen Lebens hinaus geht. Es ist immer die Frage nach dem Sinn der eigenen Handlungen aus möglichst allgemeiner und weitreichender Sicht. Der moderne Mensch kann unter diesem Aspekt mal von der täglichen Arbeit, vom nächsten Urlaub oder vom Autokauf abstrahieren und die wirklich wichtigen Fragen seines Lebens und des Lebens seiner Kinder stellen.
Den größten Erfolg sollten jene Religionen und Glaubensrichtungen erlangen, die in freundlicher, offener Art und Weise auf den Menschen zugehen und ihm zeitgemäß Hilfe und Beistand in seelischen Fragen geben. Dogmen und unbeweisbare Behauptungen werden dabei am allerwenigsten helfen.
Die Dogmen, Weltbilder und Selbstbeschreibungen mancher Religionen sind dabei fürchterlich veraltet. Ich denke, sie müssen sich zum Teil ziemlich neu erfinden, wenn sie weiter spirituelle Wegweiser sein wollen. Das ist ein großes Risiko für die alten Religionen aber natürlich auch eine riesige Chance.
Wenn sie sich trauen, einen Großteil des alten abergläubischen Ballasts über Bord zu werfen und statt dessen auf Wahrheit gegründete Spiritualität betreiben, dann haben sie beste Chancen. Außerdem müssten sie sowieso alle etwas von ihrem hohen Ross herunterkommen und ihre Alleinvertretungsansprüche in Seelen- und Glaubensfragen weit weglegen.
Das gilt in Eulysien also besonders für das Christentum und längerfristig auch für den Islam, der zur Zeit scheinbar im Aufwind ist. Dieser Aufwind gründet sich auf politischer Benachteiligung und demographischem Wachstum. Langfristig hat das nicht mehr diesen Bestand. Die gebildete Jugend will doch keine unglaublichen Geschichten und Märchen mehr hören.
Am ehesten kommen da erfahrene und aufgeschlossene Religionsführer an wie vielleicht der derzeitige Dalai Lama, der auch spirituell den Verstand nicht außen vor lässt sowie auf die Verständigung der Religionen, der Völker und der Wissenschaften setzt.
Ich bin kein Religionsexperte und schon gar kein Religionsstifter, weshalb ich diese ungeklärten Fragen hier nicht zu Ende diskutieren kann. In Sachen Religion ist in Eulysien jedenfalls einiges offen. Auf jeden Fall sollten sich die Religionshäuser unbefangen öffnen für das Seelenheil des Menschen, egal ob mit oder ohne einen Gott!


55. Reichtum schaffen

Man wird Eulysien nicht durch Willkür und Zwang einigen können. Man kann es aber über Vorteile. Abgesehen von der Abschwächung kriegerischer Gefahren durch diese Einigung liegt großes Potential in der Schaffung materiellen Reichtums. Eulysien in der skizzierten Geometrie kann ein freier Wirtschaftsraum sein mit einer Bevölkerung von über einer Milliarde Menschen.
Die Rentabilitätsmöglichkeiten, die in einem solchen Wirtschaftsraum liegen, die soll man sich mal richtig vorstellen. Dieser Absatzmarkt ist einfach gewaltig. Die bislang gewaltigste sich selbst genügende freie Wirtschaft war die der USA. Sie hat durch Größeneffekte unglaubliches Wachstum und unglaubliche Massenproduktion erbracht. Und dabei war sie nur ein Viertel so groß, wie dieser potentielle eulysische Markt.
Es gibt außerordentliche Möglichkeiten, durch große Stückzahlen preiswerteste Produkte in hoher Qualität zu produzieren und zu vertreiben.
Soll man die Wünsche der Bürger doch mal durchgehen. Was brauchen sie nicht alles? Ja, was wünschen wir normalen kleinen Bürger uns? Oh, da gibt es einiges. Und das ist alles viel zu teuer. Könnte es nicht etwas preiswerter sein? Natürlich könnte es das, wenn effektiver und in größerer Stückzahl produziert und vertrieben würde.
Nun gut, etwas zum Anziehen ist schon heute nicht mehr so teuer, wenn man bescheiden ist. Wenn man bescheiden ist, braucht man von all der Wäsche gar nicht so viel. Es muss auch nicht das Teuerste sein. Aber Verbesserungen sind immer drin. Wer es unbedingt vom Stardesigner will, na da wird es teuer.
Ordentlich etwas zum Essen, Fleisch und Gemüse und eine gute Flasche Wein lieben wir auch. Etwas Mäßigung im Verbrauch macht wohl ebenfalls Sinn. Qualitativ hochwertiger Service im Restaurant wird weiter eine etwas teurere Spezialität bleiben. Feine und erschwingliche Angebote wird es auch hier geben können.
Der Mensch will Reisen. Er will es außerdem möglichst individuell. Er will nicht selbst zum Massengut werden. Massenproduktion ist hier problematisch, aber man kann es mit etwas Einfallsreichtum auch so organisieren, dass den Reisenden der Massencharakter nicht stören muss.
Der Mensch muss oder will am Transport teilnehmen. Autos gibt es in verschiedensten Preisklassen. Verbesserungen sind immer noch möglich. Der weit verbreitete Prestigedanke bei Privatautos ist dagegen meist übertrieben. Der Umweltgedanke sollte dagegen wichtiger werden.
Die Bahn ist als staatsmonopolistisches Monstrum eher schlecht, vor allem viel zu teuer. Sogar Fliegen ist günstiger als mit der Bahn zu fahren. Weitere Großraumflugmöglichkeiten werden der Bahn weiter zusetzen. Vielleicht hilft ihr so was wie ein Transrapid, aber sie muss sich auf jeden Fall strecken und neue Konzepte entwickeln. Wenn sie den eulysischen Ansatz begreift, kann das hilfreich sein.
Ein Hauptproblem des Straßenverkehrs ist der hohe Energieverbrauch. Hier bedarf es Alternativen zum Öl. Solar- und Umweltenergie sind vielversprechend, bedürfen aber weiterer Forschung, Entwicklung und Markteinführung. Ließe sich hier gemeinsam nicht noch viel mehr erreichen? Gerade im Süden scheint doch die Sonne. Kann man dort nicht viel mehr solare Energie gewinnen?
Die Telekommunikation ist bereits weiter als die Bahn. Die Konzerne agieren europaweit und sogar weltweit. Was die Leute mit dem Telefon machen, wirkt manchmal wie Spielerei. Sie wollen kommunizieren und geben viel mehr Geld aus dafür als früher. Handy und Internet sind große Phänomene, und werden uns auch weiter bewegen.
Ein Dach über dem Kopf brauchen wir alle. Es ist vor allem in der Anschaffung als Einzelposten das Teuerste überhaupt in unserer bisherigen Liste. Wollen wir uns von der Industrie nicht endlich mal preiswerte Häuser bauen lassen? Muss ein normales Einfamilienhaus mit Finanzierung, also mit Zinsen, in Deutschland wirklich 20 Nettojahresgehälter eines ostdeutschen Arbeiters kosten? Hier stimmt doch etwas nicht. Das ist doch keine moderne Industrie. Da wird sich doch wohl industriell mehr Preiswertes machen lassen.
Nun gut, wir brauchen dann noch Möbel. Das machen die Skandinavier und andere schon heute ganz gut und preiswert. Verbesserungen sind immer möglich.
Da wir alle älter werden, brauchen wir als letztes noch das, was uns eventuell gesund erhält. Der ganze Gesundheitsbereich wird als der Wachstumsbereich der Zukunft angesehen. Es gibt hier tausende von Waren, die das Leben haltbar machen können oder könnten. Daran müssen wir weiter arbeiten. Wir können doch versuchen älter und immer älter zu werden.
All die schönen Sachen lassen sich in einem großen Eulysien mit einem größeren Markt viel besser produzieren. Und, so sollten wir nicht vergessen, dass ein großer Teil Eulysiens noch nicht an den Segnungen der Massenproduktion teilhaben kann, sei es aus Mangel an guter Wirtschaft oder an Geld.
Osteuropa war vor allem wegen kommunistischer Wirtschaft aber auch wegen seines geopolitischen Alleingstelltseins gescheitert. Das ändert sich gerade. Auch die Iraner oder Ägypter sind nicht froh, immer nur mit dem wenigen auszukommen, was die marktenge, bescheidene heimische Wirtschaft so abwirft. All diese Millionen Menschen könnten durch die schon heute mögliche effektive Produktion viel besser versorgt werden als das zur Zeit der Fall ist.
Und dabei bestünde gar nicht mal das Problem, dass Westeuropa mit den anderen teilen müsste. Nein, die Industrie ist in der Lage, alle weitgehend nach ihren Wünschen zu versorgen. Die Aufgabe muss nur entschlossen und besonnen angegangen werden. Etwas Markt und etwas soziale Sicherung sind auf jeden Fall notwendig.
Ebenso wie die Produktion größeren Stils angekurbelt werden kann, muss der Verbrauch organisiert werden. Es ist sinnlos, all die vielen möglichen Waren zu produzieren, wenn die Leute sich das Zeug aus Geldmangel nicht kaufen können. Die Leute müssen also mit Geld versorgt werden. Das funktionierte im westlichen Europa lange gut, kann aber überall gut ablaufen.
Das heißt, auch die Polen, Rumänen, Türken und so weiter müssen soviel Euro in die Hände kriegen, dass sie einigermaßen gut leben können und auch den Drang nach Höherem noch verspüren.
Ich bin kein Ökonom, um die Politik einer europäischen Notenbank gut genug zu verstehen. Tatsache ist allerdings, dass an solch zentralen Stellen eine vernünftige Ordnung des gesamten finanziellen Lebens erfolgen muss. Sicher sind hier verschiedene Politikansätze möglich. Es sind jedoch keine zu krassen Fehler erlaubt, denn sie führen zu kontinentweitem Chaos.
Die großen eulysischen Firmen, die dieser Aufgabe der tatsächlichen eulysischen Raumausfüllung entsprechen, müssen wohl erst noch entstehen. Es gibt sie eher weniger, die in West und Ost und Süd produzierenden und verkaufenden Bäcker, Bahnunternehmen, Haushersteller. Bei Handys und Autos oder einigen Vertriebsketten sieht es damit schon besser aus.
Die Aufhebung der Teilung des eulysischen Raumes in den Westen und den Rest ist die schwerwiegendste Möglichkeit der weiteren betrieblichen Effektivitätssteigerung und des gleichzeitigen Zufriedenstellens weiter Bevölkerungsgruppen.


56. Reichtum verteilen

Jetzt könnte mancher sagen, ist das nicht etwas zu profan, was der hier von uns will? Ist es nicht zu materialistisch, zu mammonorientiert, zu viel sinnentleerter Besitz?
Dazu sagen wir ein ganz klares Nein. Es ist all dieses nicht, denn die Dinge die der Mensch sich wünscht sind Dinge, die das Leben angenehm machen und mehr Freiheit geben. Die meisten Menschen brauchen ihr meistes Geld für das Notwendige und Nützliche. Meistens ist nach dem Notwendigen an Geld nicht mehr viel übrig. Es gibt noch viel zu wenig gute und preiswerte Ware. Wenn es sie bereits gäbe, könnten ja auch einige von den höheren Herrschaften auf das viele Geld verzichten, das sie sich zugestehen. Ob Politiker oder Wirtschaftsboss, wir sehen sie nicht verzichten. Sie können es gut gebrauchen. Und so brauchen wir anderen es auch, um uns genau das zu kaufen, was lebensnotwendig, nützlich und wichtig ist.
Existiert dann der von Karl Marx beschriebene Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit überhaupt noch? Der existiert mit Sicherheit weiter, umso mehr desto komplexer die Produktionsprozesse werden. Es gibt einerseits das punktuelle Schaffen von außerordentlichem Reichtum unter Nutzung immer weniger Beteiligter mit der Möglichkeit des privaten Aneignens dieses Reichtums zum Beispiel über Geld. Andererseits sind dort die vielen Unbeteiligten, die gerne ein Stück vom Kuchen abbekämen.
Die Aneignung des Reichtums kann heute allerdings sehr subtile Formen annehmen. Formal ist vielleicht der Aktionär der Eigentümer. Tatsächlich ist es aber häufig mehr oder weniger korruptes Management sowie eine Art Politikerkaste, die sich wirklich bereichern am Reichtum, der doch eigentlich allen gehört.
Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit oder zwischen Kapital und Gesellschaft kann also in sehr unterschiedlicher Form auftreten. Es hängt von der Gesellschaft ab, wie sie das Problem auflöst. Es steht der Gesellschaft frei, wie sie sich organisiert. Man kann das gut, effizient und solidarisch machen oder auch schlecht, unwirtschaftlich und unversöhnlich.
In Eulysien soll jeder seine Chance kriegen. Der Bürger muss die Möglichkeit haben, von seiner Arbeit vernünftig leben zu können. Vor allem für die junge Generation muss immer wieder neu gelten, dass keine Diskriminierung entsteht. Wenn sich das Kapital fortlaufend bei wenigen häuft, dann muss irgendwann auch mal wieder ein Ausgleich erfolgen. Das Hauptziel ist, dass die Gesellschaft als Ganzes reich wird. Dabei wird es Unterschiede geben. Aber es gilt, krasse Armut zu vermeiden. Armut muss nicht sein.


57. Protektion

Protektion ist ein Fachbegriff aus dem Wirtschaftlichen. So soll er hier auch überwiegend gemeint sein, wenngleich er sich weiter fassen lässt.
Genauer gesagt ist es ein handelspolitischer Begriff. Er meint den Schutz der eigenen Wirtschaft vor zu starker Konkurrenz und Billiganbietern aus dem Ausland. Was nützen schließlich die vielen billigen Waren aus dem Ausland, wenn wir damit die eigene Wirtschaft völlig ruinieren lassen. Wir geraten so in völlige Abhängigkeit und werden dabei immer ärmer und verelenden letztlich. Nun könnte man meinen, dass dergleichen nicht unser Problem ist. Die Zahlen der Arbeitslosigkeit sprechen aber eine andere Sprache.
Die Globalisierung ist nicht der einzige Grund für hohe Arbeitslosigkeit, aber sie spielt eine Rolle dabei. Den europäischen Regierungen, insbesondere den deutschen, ist dabei bisher wenig dazu eingefallen. Sie lassen es halt so treiben, was ziemlich skandalös ist.
In den USA ist die Regierung dabei auch nicht schlauer. Sie machen auch nichts weiter, als sich über hohes Handelsdefizit und sinkenden Dollar zu wundern. Wenigstens im Business gibt es dort verantwortungsbewusste Leute. „The worlds greatest investor“ Warren Buffett hat massiv vor dem Problem gewarnt und eine Lösung gleich mitgeliefert. Seine Lösung ist eine protektionistische Maßnahme in Form einer speziellen Importsteuer. Diese sogenannten Importzertifikate von etwa zehn Prozent kommen den amerikanischen Exporteuren zugute. Sie sollen diese Zertifikate entsprechend der Menge ihrer Exporte an Importeure verkaufen, nur dann ist Import möglich. Das sorgt dann für ausgeglichene Handelsbilanz.
Irgendwann kommt die amerikanische Regierung garantiert auf Ähnliches zurück. Irgendwann, wenn zum Beispiel China noch mächtiger und stärker ist, kann Amerika nicht mehr anders. Sie müssen sich schützen. Und irgendwann werden es auch die Europäer wie üblich den Amerikanern gleichtun.
Das wird größere Katastrophen in den alten Industriestaaten verhindern helfen. Man kann sich in größerer Ruhe und Überschaubarkeit den eigenen wirtschaftlichen Problemen widmen und diese nun auch wieder besser lösen. Globalisierung ist kein Naturgesetz. Alles lässt sich organisieren.
Es wird die globale wirtschaftliche Annäherung etwas verlangsamen. Es könnte auch die politischen und militärischen Zuspitzungen an den Rändern der großen Kulturkreise verschärfen, zum Beispiel bei der Konkurrenz um Öl.
Für Eulysien ist hier dringend auf die notwendige Einheit des Kulturkreises zu pochen. Wenn man hier keine Einheit findet, dann wird man wirtschaftlich, irgendwann auch politisch und militärisch elendig zerrupft werden. Ohne Einheit ist man verloren. Es wird hier dann nur noch kleine, zerstückelte Protektorate von dieser und jener Großmacht geben.
Der eigene Kulturkreis kann nicht egal sein. Man muss ihn wenn es notwendig ist vor wirtschaftlichen Unbilden schützen.
Natürlich ist Protektionismus keine besonders gute Sache, schon gar nicht für die Ewigkeit. Chinesen, Inder, Afrikaner und Eulysier selbst sollen nicht unnötigerweise wirtschaftlich behindert werden. Protektionismus schadet langfristig auch dem, der ihn verhängt. Man schneidet sich von wichtigen Entwicklungen selbst ab. Die Waren werden teurer und schlechter. Aber manchmal geht es nicht anders. Manchmal muss man sich schützen. Katastrophen muss man verhindern.


58. Annäherung der Werte

Ist der Islam wirklich die Macht, die durch eigenständige Geschlossenheit zum unguten Beherrscher Eulysiens werden kann? Oder werden wir gar wieder von der russischen Landmasse aus beherrscht?
Bleiben wir bei der ersten Frage, so stellen wir fest, dass die islamischen Länder, im Unterschied zu Russland, die organisatorische Geschlossenheit noch nicht besitzen. Ebenso wie bei Europa gibt es auch hier eine Reihe von Individuen, die politisch erst wenig zusammen tun. Von einer gemeinsamen Regierung ist man auch hier weit entfernt.
Anders sieht es aus, wenn man die Geschlossenheit der Religion in die Gedanken mit einbezieht. Hinsichtlich der Religion sind die islamischen Länder geschlossen wie lange nicht.
Das hat keine unmittelbare Produktivkraft, es kann moderne und nützliche Entwicklung sogar behindern. Andererseits führt es zu kultureller Zielgerichtetheit, die der westlichen Vielfalt Paroli bieten kann.
Auch der Islam gibt sich, wie viele vor ihm, als Erlösungstheorie mit Weltmachtanspruch. Da muss man mit dem Versuch von Übergriffen rechnen, vielleicht mit terroristischen oder mit schleichender Unterwanderung. Davor muss man sich schützen. Das ist aber noch nicht das, was man sich unter feindlicher Übernahme vorstellen muss. Die Einverleibung Europas unter die Werte des altertümlichen Islam kommt nur, wenn Europa sich äußerst dumm anstellt. Diese Übernahme kommt nur, wenn Europa seine großen Werte wie Freiheit, Vernunft, Wirtschaft, Soziales und Einheit aufgibt.
Statt von einer benachbarten Religion übernommen zu werden, muss Europa selbst seine Werte herausarbeiten und damit nach außen gehen! Dieses nach außen Gehen heißt gleichzeitig Eulysien bauen. Eulysien bauen ist ein Gebot der kommenden Jahrzehnte. Europa muss auf die benachbarten Regionen zugehen und eine nach der anderen für Eulysien gewinnen.
Religion soll auch dort jeder betreiben wie er möchte. Gottesglaube kann jedoch nicht unsere gemeinsame Grundlage sein, schon deshalb nicht, weil es verschiedene Religionen sind. Geboten ist Rationalität und Vernunftdenken. Das lässt sich unter der Maßgabe von Religion, die immer auch paradox ist, nicht leisten.
Rationalität und Vernunftdenken sind unsere kulturelle Grundlage! Sofern es geht, soll man etwas erklären können. Himmlische Ausflüchte sind völlig überflüssig, sofern man die logische Erklärung für eine Erscheinung hat.
Wer die Erklärung haben kann, sie aber nicht will, der gilt zu Recht als dumm und wird unter seinen Fehlentscheidungen leiden. Durch übermäßigen Religionsgebrauch wird solche Dummheit leider manchmal befördert.
Die Feindschaft zwischen Europa und dem nahen Islam ist eine ernst zu nehmende Gefahr. Sie kann nur besiegt werden, wenn beide Seiten auch in ihren Werten aufeinander zugehen. Trennen lassen sie sich wegen der räumlichen Nähe sowieso nicht. Das Schaffen von Gemeinsamkeiten ist also wichtig. Die Vernunft soll dafür die beste Stütze sein. Damit erübrigen sich Vorurteile. Sie basieren eben nicht auf Vernunft. Gemeinsam Eulysien bauen, gemeinsam die neue Hauptstadt bauen, gut zusammen leben sind die wichtigen Gebote.
Braucht man für Eulysien eine höhere geistliche Absicherung? Und worin soll diese bestehen? Nun, Religion wurde von Herrschern häufig zur Machtabsicherung benutzt. Man hat sich so des angeblichen göttlichen Wohlseins versichert. Man hat damit aber vor allem versucht, die Untertanen zu beeindrucken und gefügig zu machen. Die Herrschaft wurde damit besser durchsetzbar. Für den Untertan war die Religion eine mehr oder weniger gute geistige Lebenshilfe.
Vielleicht sollte man die Religion wegen diesem Hilfsaspekt nach Eulysien einbeziehen. Gewarnt sei aber vor Religionsstreit und religiösem Machtmissbrauch. Dieses können wir hier überhaupt nicht gebrauchen. Eulysische Religion soll Eulysien verbinden, nicht trennen. Weder Islam, noch Christentum, noch Judentum sollten ihre Ansprüche hervorkehren. Sie sollten für die Menschen arbeiten. Sie sollten Gemeinsamkeiten entwickeln und sich gemeinsam vorwärts bewegen.
Vielleicht finden sie ja zu gemeinsamen Ursprüngen zurück. Die Religionsführer sollten die verbindenden Elemente untereinander befördern. Die drei großen Religionen glauben doch alle an einen einzigen Gott. Dann ist die Art und Weise der Verehrung und Andacht und damit auch der Name der Religion eigentlich nebensächlich, sollte man meinen. Wenn Gott oder wenn überhaupt Religion sein soll, dann darf jeder zu ihm beten und auf seine ihm gefällige Weise.
In der Beziehung Europas zu Russland steht das Problem zwar nicht religiös, aber geographisch ähnlich wie beim Islam. Was soll Russland dieser kalte Beherrschungswille nützen? Was haben sie davon, im kalten Nordosten alleine zu stehen? Sie sind einer der Siedlungskerne auf der eulysischen Landkarte. Warum sollten sie sich für immer separieren? Das ist doch völlig sinnlos.
Allerdings bleibt ihnen nur die Separation, falls Europa sich selbst abwendet. Sie werden dann allein bleiben und sich wie eh und je nach anderen Verbündeten und Konzepten in verschiedenen Richtungen umsehen.
Das wird unser gemeinsames europäisches und eulysisches Haus wieder mal zum Einsturz bringen. Deshalb muss Europa sich öffnen! Für beide Seiten gibt es nur eine Richtung und die heißt Eulysien. Eulysien ist ein Wert an sich!
Neben der Vernunft zählt nur noch die Liebe! Sie ist irgendwie logisch und gleichzeitig unlogisch, unbegründbar, also ebenfalls paradox. Aber, was nützt uns die Vernunft, wenn wir nicht lieben?
Liebe ist doch der Grund, dass wir leben und dass alles immer weiter geht. Warum sollten wir leben, wenn wir es nicht gerne täten? Wir können uns freuen über die Wohltaten in unserer Welt. Wir sind doch von Natur aus mit allem Möglichen reich beschenkt. Wenn es die Freude über unser Leben an sich, die Zuneigung und Liebe in unserer Umgebung nicht gäbe, was sollten wir dann auf dieser Welt?
Die Liebe ist unsere stärkste Lebensbindung. Wir lieben unsere Kinder, unsere Lebenspartner, Eltern, Geschwister. In Abstufungen lieben wir auch unsere Freunde, Kollegen, sogar unsere Haustiere, unsere Stadt, unser Haus, die Bäume und so weiter. Wir genießen es, sie in unserer Umgebung zu haben. Wir wären ohne sie doch völlig allein im großen weiten All. Was sollten wir hier ohne unsere menschlichen Verbindungen. Wir wären völlig überflüssig, allein und einsam.
Die Liebe ganz allgemein ist eine schwerwiegende Erscheinung. Wir müssen sie als allgemeines und wichtiges Muster anerkennen. Die Liebe ist bei allem und überall wichtig und gut.
Spätestens wenn der Tod kommt, werden wir feststellen, dass wir sogar unsere vermeintlichen Feinde lieben können. Wir werden feststellen, dass sogar Feinde wenigstens eine Bindung waren. Viel schlimmer ist es doch, gar keine Bindung zu haben. Natürlich sind Freunde besser als Feinde.
Nur mit Liebe können wir auch Eulysien bauen. Anstatt Vorurteile zu pflegen sollten wir uns besser wohlgesonnen und in Verbundenheit unseren eulysischen Mitbewohnern in der Türkei, in Nordafrika und in Russland zuwenden. In Liebe sollten wir die Länder, Sitten und Gebräuche dort kennenlernen, so wie auch umgekehrt. Wenn wir alles mit Liebe und Verstand betrachten, dann werden wir unsere Freude daran haben. Der Gedanke der Liebe wird uns den Bau einer schönen und prosperierenden Weltgegend möglich machen.



59. Schluss

Bis vor kurzem glaubte ich noch der erste zu sein, der den eulysischen Gedanken ersonnen hat. Leider und zugleich mit Freude musste ich feststellen, dass dieser Gedanke auch von anderen gedacht wird.
Der bekannte Wirtschaftsexperte und Investor Marc Faber hat eben diese Idee vor kurzem in einem Report geäußert. Für ihn sollten Nordafrika, Europa und eine Erweiterung Richtung Osten zusammen gehören. Er kam in seinem Denken sogar so weit festzustellen, dass er einen neuen Namen für dieses Gebilde wählen würde. Das ist sehr beachtlich und bestätigt und bestärkt die hier vorliegenden Erkenntnisse und Entschlüsse.
Auch der Dalai Lama sprach von wirklich weitsichtigen Menschen, die vorschlugen, die Indische Region bis hin zu den Außengrenzen Afghanistan und Burma zu einigen. Das deckt sich mit unserer maximalen Außenbegrenzung im östlichen Iran.
Die Notwendigkeit, vernünftige und möglichst dauerhafte territoriale Einheiten zu bilden, existiert immer und überall. Sind diese Einheiten unvernünftig gewählt folgen Chaos, Zerfall, Feindschaft, Krieg und alle damit verbundenen Schlechtigkeiten.
Die territorialen politischen und kulturellen Einheiten sind stark durch die reine physische Natur der Erde bestimmt. Aber auch die jeweiligen Entwicklungen des Menschengeschlechts an den verschiedenen Orten und in den verschiedenen Gegenden verändern die notwendigen Formen. Zeit und Geschichte spielen damit also eine Rolle.
Dass es bei uns nun Eulysien und nicht mehr nur Europa heißen kann hat seinen Grund in der neuen räumlichen Nähe der bisher getrennten Raumobjekte. Zu früherer Zeit war die Separierung Europas, Russlands und des Islam technologisch vielleicht angemessen und verständlich. Eulysienweite Raumüberwindung war schwierig. Man kannte es außerdem nicht anders.
Spätestens heute liegen die drei Teile in unserer Weltgegend jedoch viel zu dicht beieinander, als dass eine dauerhafte Trennung sinnvoll und möglich ist. Wo sollte man hier die Grenzen ziehen? Aus diesem Grund ist alles andere als eine zunehmend bessere Verständigung und ein weiteres Zusammengehen die schlechteste Lösung. Es geht um die Identifizierung und um die positive Nutzung der vorhandenen besonderen Nähe innerhalb dieses Eulysien genannten Raumes.
Die Raumüberwindung selbst wurde außerordentlich verbessert. Innerhalb von zwei bis drei Stunden ist hier mit dem Flugzeug fast alles erreichbar. Der Eulysientourismus als besondere Kategorie von Tourismus boomt doch jetzt schon, ohne man dass bisher einen Namen dafür hatte.
Darüber hinaus gibt es Herausforderungen durch die Marktgröße und Reichsgröße anderer globaler Mächte, insbesondere USA, China und Indien. Im eigenen Umfeld sollte man für Einigkeit sorgen, um Frieden zu haben, um gute Wirtschaft zu haben, aber auch um überhaupt gegenüber diesen anderen Mächten bestehen zu können.
Bei der Herausbildung Eulysiens geht es nicht darum, irgendetwas mit Gewalt zu integrieren. Nur Freiheit und Freiwilligkeit zählt. An dieser Stelle wurde nur auf die größtmögliche und die vielleicht wünschenswerte Ausdehnung verwiesen. Über die Dazugehörigkeit hat jedes territoriale Individuum selbst zu entscheiden.
Letztlich bleibt noch zu fragen, ob Eulysien gar wichtiger als die eine ganze Welt ist. Diese Frage ist natürlich zu verneinen. Man muss jedoch verstehen, dass das eine nicht ohne das andere geht. Die Welt hat nichts Gutes von einem chaotischen, zerstrittenen Eulysien. Die Notwendigkeit der eulysischen Einheit besteht. Das trifft für die anderen Weltreiche aber ganz genauso zu. Eulysien sollte sich damit als ein Stabilisator in der Welt verstehen.
Ebenso wenig hat die Welt von einer Handvoll abgegrenzter Supermächte, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen. Für die Einheit der Welt muss also ebenfalls noch sehr viel getan werden.